Endspurt US-Wahlkampf Obamas Vorsprung schrumpft

Das Obama-Lager traut den guten Umfragewerten im US-Wahlkampf nicht. Vizepräsidentschaftskandidat Joe Biden warnt: "Diese Wahl wird sehr viel knapper ausgehen, als viele erwarten." Und in der Tat: Der Vorsprung des demokratischen Bewerbers ist drei Tage vor dem Urnengang kleiner geworden.


Washington - In einer am Samstag veröffentlichten Umfrage von Reuters, C-SPAN und Zogby lag Barack Obama nur noch fünf Prozentpunkte vor seinem republikanischen Gegner John McCain. Demnach sprachen sich 49 Prozent der Befragten für Obama und 44 Prozent für McCain aus. Am Freitag hatte der Vorsprung des schwarzen Senators noch sieben Prozentpunkte betragen. Die Fehlermarge der per Telefon durchgeführten Umfrage beträgt etwa drei Punkte.

Obama: Wir knapp wird die Wahl am Dienstag ausgehen?
AP

Obama: Wir knapp wird die Wahl am Dienstag ausgehen?

Im landesweiten Durchschnitt von elf verschiedenen Umfrage-Instituten liegt Obama laut dem Online-Dienst realclearpolitics.com allerdings 6,5 Prozentpunkte vor McCain. Auch das ein rückläufiger Trend. Vor einigen Tagen war der Vorsprung noch um mehr als einen halben Punkt größer.

Vor diesem Hintergrund warnte der demokratische Vizepräsidentschaftskandidat Joseph Biden die Anhänger seiner Partei vor allzu großer Siegesgewissheit. Bei einem Wahlkampfauftritt im US-Bundesstaat Ohio erinnerte er daran, dass die demokratischen Kandidaten Al Gore und John Kerry in den Umfragen in den Jahren 2000 und 2004 ebenfalls geführt hätten, die Wahlen dann aber vom Republikaner George W. Bush gewonnen worden seien. "Diese Wahl wird sehr viel knapper ausgehen, als viele erwarten", warnte Biden.

Der Bundesstaat Ohio gilt als besonders umkämpft und könnte erneut ausschlaggebend sein für den Ausgang der Wahl. McCain tourte am Freitag durch den Staat und wurde von Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger unterstützt. Dabei machte sich der österreichische Muskelmann über die drahtige, schmale Figur Obamas lustig. Er lade Obama ein, den von ihm alljährlich veranstalteten Bodybuilder-Wettbewerb "Arnold Classic" in Columbus zu besuchen, sagte Schwarzenegger. Obama müsse etwas "gegen diese dürren Beine" machen. Er werde ihm ein bisschen Training verordnen: "Und dann lassen wir ihn ein paar Bizeps-Übungen machen, um seine dünnen Ärmchen zu kräftigen."

Vor allem gehe es aber darum, dass Obama seine politischen Ideen anfüttere - seine Ideen "brauchen Fleisch auf den Rippen", sagte Schwarzenegger, ein früherer "Mister Universe", vor Tausenden jubelnden Zuhörern. "Senator McCain dagegen ist gebaut wie ein Fels. Sein Charakter und seine Ansichten sind grundsolide", fügte Schwarzenegger hinzu.

Obama hatte unterdessen in Chicago seine liebe Not mit neugierigen Journalisten, die ihn während einer kurzen Wahlkampfpause beim Spaziergang mit seiner siebenjährigen Tochter Sasha verfolgten. Journalisten hatten sich an die Fersen des 47-Jährigen geheftet, der Sasha zu einer Halloween-Party bringen wollte - bis es Obama zu viel wurde: "Okay Leute, das reicht - ihr habt jetzt eure Bilder. Lasst uns in Ruhe. Los, Leute - ab mit euch in den (Presse-)Bus", sagte der sichtlich verärgerte Obama, der seine Sonnenbrille abnahm und die Journalisten wütend anstarrte. In Begleitung seiner Bodyguards und mit Sasha an der Hand legte er dann Jogging-Tempo ein. Obama hatte einen Zwischenstopp daheim eingelegt, um Sasha und seine ältere Tochter, die zehnjährige Malia, zu sehen.

Medienunterstützung für Obama

Einer Studie zufolge kommt Obama in den großen US-Nachrichtensendungen besser weg als McCain. Äußerungen von Sprechern, Reportern, Wählern oder anderer Quellen in den vergangenen zwei Monaten seien in 65 Prozent der Fälle positiv für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Obama ausgefallen, heißt es in der Untersuchung des Center for Media and Public Affairs. Beim Republikaner McCain wurden positive Botschaften in 31 Prozent der Äußerungen gezählt.

Beobachtet wurden vor allem die Sender ABC, CBS und NBC. Dabei sei "World News" von ABC ausgeglichener gewesen als "Nightly News" (NBC) und "CBS Evening News". Die Studie analysierte 979 Beiträge zwischen dem 23. August und dem 24. Oktober. Als positiv für Obama wurde zum Beispiel die Aussage eines interviewten Wählers gewertet, dass er denke, der Demokrat habe neuen Wind nach Washington gebracht. Als negativ für McCain wurde der Bericht über die Einschätzung einiger Konservativen vermerkt, dass Vize-Kandidatin Sarah Palin noch nicht so weit sei, in der besten Sendezeit aufzutreten.

Gerüchte über Obamas Tante

Derweil gibt es neue "Enthüllungen" aus dem Umfeld Obamas. Eine aus Kenia stammende Tante Obamas soll nach Informationen der Nachrichtenagentur AP seit Jahren illegal in den USA leben. Trotz eines 2004 abgelehnten Asylantrags sei Zeituni Onyango im Land geblieben, teilten Gewährsleute der Agentur mit. Die 56-Jährige, die Obama in seiner Autobiografie "Tantchen Zeituni" nennt, soll in einer Sozialwohnung in Boston im US-Staat Massachusetts leben.

Onyangos Weigerung, das Land zu verlassen, wäre ein Verstoß gegen das Einwanderungsgesetz, aber kein Fall für ein Strafgericht. Schätzungen zufolge leben mehr als zehn Millionen solcher Immigranten ohne Erlaubnis in den Vereinigten Staaten.

Die Geschichte Onyangos wurde AP am Freitagabend von einer mit der Angelegenheit vertrauten Person berichtet, die namentlich nicht genannt werden wollte. Die Informationen wurden von zwei verschiedenen Quellen bestätigt. Der Fall soll auch Regierungsbeamten bekannt sein.

Ob ein ranghoher Mitarbeiter der Regierung von George W. Bush oder des Wahlkampfteams von Obamas Kontrahent John McCain an der Enthüllung beteiligt war, konnte zunächst nicht herausgefunden werden. Einer der Gewährsleute erklärte jedoch, er sei weder für den Demokraten Obama noch für den Republikaner McCain, und die Präsidentschaftswahl in wenigen Tagen sei kein Motiv für seinen Gang an die Öffentlichkeit gewesen.

Onyango selbst war zunächst nicht zu erreichen. Eine Sprecherin der Einwanderungsbehörde lehnte jeden Kommentar ab. Es gebe keine Auskunft zu Einzelfällen, erklärte Kelly Nantel. Offenbar mit Blick auf die politische Sensibilität des Themas wurde nach Angaben eines Informanten verfügt, dass jede Abschiebung vor Dienstag - dem Tag der Wahl - auf hoher Ebene abgesegnet werden müsse.

Barack Obama wurde 1961 als Sohn einer weißen Amerikanerin und eines Kenianers in Honolulu auf Hawaii geboren. Seine Mutter stammt aus Kansas. Der Vater des Präsidentschaftskandidaten studierte einige Jahre in den USA.

asc/Reuters/AP/AFP



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