Energiesparen in China Vom Scheitern des braven Entwicklungshelfers W.

20 Millionen Euro wollte die EU ausgeben, um mit Chinas Regierung herauszufinden, wie das Boomland besser Energie sparen könne. Doch dann gab es Ärger - ums Geld und um die Projekte. Im Mittelpunkt des Streits: ein ordentlicher Entwicklungshelfer aus Baden.

Entwicklungshelfer Wiesegart: Erfahren in Geschäften mit China
Susetta Bozzi

Entwicklungshelfer Wiesegart: Erfahren in Geschäften mit China

Von , Peking


Kurt Wiesegart, 60, ist ein alter Hase im China-Geschäft. Kaum einer kennt sich besser aus im komplizierten Geflecht der Pekinger Bürokratie als dieser hagere Mann aus Baden. Der studierte Ökonom war einer der ersten Westdeutschen, die Mitte der siebziger Jahre in der Volksrepublik studierten. Später vertrat er in Peking den Energieriesen ABB. Dann schrieb er Bücher über die Energiewirtschaft und den Außenhandel Chinas. Nun berät er Manager, die im Reich der Mitte Fuß fassen wollen.

Als er 2007 von der Europäischen Union den Auftrag bekam, als Co-Direktor das "Energie und Umweltprogramm" für die restlichen zwei von insgesamt über sechs Jahren zu leiten, fühlte er sich herausgefordert: Drei seiner von der EU bestellten Vorgänger hatten sich bereits im Gestrüpp komplizierter Vorschriften verfangen und aufgegeben. Das ganze Vorhaben schien festgefahren, wie ein "Ostwind"-Lkw in der mongolischen Steppe.

Doch Wiesegart wollte es packen. Denn dies war eines der größten Programme, das die EU jemals in China finanziert hat. 20 Millionen Euro spendierten die Europäer, die "Nationale Kommission für Entwicklung und Reform", hinter der Pekings Regierung steht, wollte über 23 Millionen beisteuern.

Wie kann China seine schnell wachsende Wirtschaft möglichst effektiv und gleichzeitig umweltschonend mit Energie versorgen, lautete die Frage. Wiesegart, schien für die Lösung genau der richtige Mann zu sein. "In China wird noch unglaublich viel Energie verschwendet", sagt er. Die größte Energiequelle der Zukunft ist nach seiner Meinung nicht Öl oder Gas, nicht Windkraft oder die Sonne, sondern das Sparen.

Das Programm, hieß es offiziell, spiegele den "Wunsch beider Seiten wieder, die Kooperation zwischen EU und China auf dem Energiesektor zu verstärken". Doch der schöne Plan geriet zu einem Lehrstück, wie schwierig trotz guten Willens die Zusammenarbeit zwischen zwei großen Mächten sein kann.

Denn die Partner konnten sich zum Beispiel nicht einigen, was wer auf welche Weise erforschen sollte, sie stritten sich ums Geld, und schließlich "herrschte Krieg", bilanziert Wiesegart. Zum Schluss, wohl einmalig in der Welt der Berater und Entwicklungshelfer, rückte auch noch die Kriminalpolizei an.

Immer wieder Ärger mit den strengen Richtlinien Brüssels

Als das Vorhaben kurz vor dem Klimagipfel in Kopenhagen beendet wurde, hatte es Wiesegart in den zwei Jahren seines Einsatzes gerade mal geschafft, rund die Hälfte der vorgemerkten EU-Millionen abzurufen, immerhin mehr als seine Vorgänger. Die schafften es nur auf zwei. Die Chinesen selbst steuerten in der ganzen Zeit nichts Bares bei.

Für Ärger sorgten aber die strengen Richtlinien Brüssels für die Ausschreibung von Forschungsvorhaben. Um Korruption zu verhindern, dürfen chinesische Institutionen, die direkt oder indirekt an der Leitung des Projekts beteiligt sind, selbst keine Aufträge erhalten.

Deshalb durfte Wiesegart mehrere wissenschaftliche Institute, die an die "Nationale Kommission für Entwicklung und Reform" angebunden sind, bei der Ausschreibung von Großprojekten oder Studien nicht berücksichtigen. "Ich wäre ja sonst in Teufels Küche gekommen", sagt der Deutsche.

Wiesegart, der ordentliche Badener, ist einer, der kein Auge zudrückt, wenn es um die Verwendung von Steuergeldern geht. So provozierte er Ärger, als er chinesischen Kollegen vorwarf, trotz großzügiger Honorare Ergebnisse von älteren Studien als neu zu verkaufen.

Ein anderes Beispiel: Es war die Zeit der Olympischen Spiele, und Peking suchte nach Geldquellen. Die Umweltschützer sollten zum Beispiel aus dem EU-Topf bunte Baumwoll-Armbändchen finanzieren. Womöglich hätte Wiesegart um des lieben Friedens willen geschwiegen. Doch dann merkte er, dass die Partner die Preise für die Bändchen viel zu hoch angesetzt hatten. "Danach hätte jedes mindestens 200 Gramm wiegen müssen", erinnert er sich. Und so stießen die Chinesen bei ihm auch mit ihrem Vorschlag auf Granit, das Innendesign des Olympischen Medienzentrums aus dem EU-Umwelttopf zu finanzieren.

Bis spät in die Nacht brütete Wiesegart über Akten, der ständige Ärger nagte am Nervenkostüm. Das Vorhaben, für die Pekinger Regierung einen sogenannten "Masterplan" zu entwerfen, um Chinas Erdgasressourcen optimal zu nutzen, musste aufgegeben werden. Denn Peking wollte dafür mehrere hunderttausend Euro an ein eigenes Institut überweisen.

Ein Forschungsvorhaben über den Einsatz von Biomasse, ein Kernstück des Kooperationsprogramms, scheiterte an fehlenden Informationen. Die Chinesen mochten die Europäer nicht untersuchen lassen, wie viel Stroh und andere Biomasse die Bauern in acht Provinzen jedes Jahr produzieren und wie viel die Landleute im Jahr verdienen. Diese Daten waren aber notwendig, um herauszufinden, ob die Bauern genügend Biomasse für ein Kraftwerk produzieren und ob es sich für sie überhaupt lohnt, sie zu verkaufen. "Staatsgeheimnis", erklärten die Partner.

Kriminalpolizei im Kampfer-Einsatz

Wie schlecht die Stimmung am Ende war und wie groß das Misstrauen der Partner untereinander, zeigte die Affäre mit dem Kampfer: Ein ausländischer Mitarbeiter schmeckte eines Tages das giftige Kraut in seinem Tee. Ein Versehen, ein übler Scherz, ein Anschlag? Zwar kann erst eine Menge von mehr als 20 Gramm für Erwachsene tödlich wirken, doch die Aufregung auf europäischer Seite war groß.

EU-Botschafter Serge Abou wies die ausländischen Fachleute vorsorglich an, nicht mehr in das gemeinsame Büro zurückzukehren, und die Polizei fahndete, vergeblich, nach Spuren.

Trotz aller Widrigkeiten brachten Wiesegarts Experten nützliche Erkenntnisse zu Tage: China , so ergab zum Beispiel eine Studie, könnte im Jahr über 40 Millionen Tonnen Kohle einsparen und damit rund 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger in die Atmosphäre pusten, wenn allein die Brennöfen in Fabriken und Kraftwerken besser gewartet und eingestellt würden.

Im Gelben Meer wurden potentielle Standorte für Windkraftwerke gefunden. Mehrere hundert Bauern wissen nun zudem, wie sie erneuerbare Energien nutzen können.

Nun ist das Projekt beendet, drei Millionen Euro gingen allein für das Personal drauf. "Schade", sagt Wiesegart, "eine solch große Chance hätte wesentlich besser genutzt werden können." Er ist wieder nach Hirschberg an der Bergstraße zurückgekehrt und überlegt, ob er ein Buch über seine Erfahrungen schreiben soll. Inzwischen hat er neue Angebote: in Afghanistan brauchen sie ihn, in Afrika - und wieder in China.

insgesamt 22 Beiträge
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huaqiao, 07.03.2010
1. Recherche?
Ob dieser Artikel nun ein Lehrstück in Sachen investigativer Journalismus ist sei dahin gestellt, aber zu der Passage über den "Kampfer-Skandal" würde ich gerne mal ein paar Quellen, oder zumindest Querverweise auf frühere Meldungen sehen. Hätte vielleicht jemand ein paar Links dazu, ich bitte herzlichst darum. Falls dieses nun so eine Expat-Stammtisch-Geschichte sein sollte, wie sie en masse in bestimmten Kreisen verkehren, dann hoffe ich wirklich sehr, dass Herr Lorenz, dessen notorische alles-schlecht-und-korrupt-in-China-Manier ja schon seit langem Bekannt ist, dazu Fakten recherchiert hat, bevor er irgendwelche Mordkomplotte gegen aufrichtige Europäer im Reich der Mitte andeutet.
Robert Hut, 07.03.2010
2. 20 Millionen für China?
Warum zahlen wir den Chinesen 20 Millionen, damit die die rausfinden, wie sie Energie sparen können? Wie Gaga ist das denn? China ist unendlich reich, Wirtschaftsmacht Nr.1 - und wir zahlen denen Geld? Die müssen sich doch bepissen vor Lachen über uns.. Ich habe es schon oft gesagt: jeder Cent, der in China investiert wird, könnt auch verbrannt werden: Ergebnis ist das gleiche..
Heramano 07.03.2010
3. Wieso das denn?
Zitat von Robert HutWarum zahlen wir den Chinesen 20 Millionen, damit die die rausfinden, wie sie Energie sparen können? Wie Gaga ist das denn? China ist unendlich reich, Wirtschaftsmacht Nr.1 - und wir zahlen denen Geld? Die müssen sich doch bepissen vor Lachen über uns.. Ich habe es schon oft gesagt: jeder Cent, der in China investiert wird, könnt auch verbrannt werden: Ergebnis ist das gleiche..
Schon mal auf die falschen Leute reingefallen? Unsere Firma hat vor 7 Jahren begonnen, in China zu investieren (allerdings nur Vetriebsbüro), es sind dort mittlerweile 20 Leute angestellt, und China ist mit 40% unseres Auftragseingangs der mit Abstand wichtigste Markt. Evtl. ein bisschen weniger pauschalisieren, wie wär's? Gruß Heramano
huaqiao, 07.03.2010
4. Kein Titel.
Zitat von Robert HutWarum zahlen wir den Chinesen 20 Millionen, damit die die rausfinden, wie sie Energie sparen können? Wie Gaga ist das denn? China ist unendlich reich, Wirtschaftsmacht Nr.1 - und wir zahlen denen Geld? Die müssen sich doch bepissen vor Lachen über uns.. Ich habe es schon oft gesagt: jeder Cent, der in China investiert wird, könnt auch verbrannt werden: Ergebnis ist das gleiche..
Zu Punkt eins: Weil die Weltgemeinschaft und ebenso die EU ein Interesse daran hat, Entwicklungs- und Schwellenländer zu einer umweltfreundlichen Entwicklungspolitik zu drängen. Sollten nämlich die Chinesen wieder zu ihrem Standpunkt "Ihr hattet ein Jahrhundert lang Entwicklung auf Kosten der Umwelt betrieben, jetzt sind wir mal dran" zurück fallen, und eine Nach-mir-die-Sintflut-Haltung einnehmen, dann haben wir alle ein Riesenproblem. Zu Punkt zwei sollten Sie sich mal bei unseren DAX-Unternehmen erkundigen, wie die das mit den Investitionen in China sehen, da stehen Sie wohl ziemlich allein mit Ihrer Meinung. Vielleicht hatten Sie ja aber auch noch keinen Frühstück-Kaffee heute morgen...Grüssle.
damigogo 07.03.2010
5. 20 Millionen
Also deutlicher gesagt, Deutschland zahlt mit diesen 20 Millionen größtenteils die teueren deutschen Mitarbeiter (Experten) in China. Das ist auch eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnamen um die deutschen Arbeitslosigkeiten zu reduzierung. Deutsche Steuergelde werden nicht einfach aus dem Fenster hinausgeschworfen. Seinen Sie doch beruhigt.
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