England-Besuch Sarkozy zappelt, Bruni-Sarkozy betört

Er will den Staatsbesuch in England besonders ernsthaft absolvieren - und trotzdem wirkt Frankreichs Präsident Sarkozy in London wie ein politischer Zappelphilipp. Von Termin zu Termin hüpfend, umschmeichelt er seine Gastgeber, während Gattin Carla Bruni-Sarkozy die Briten betört.

Von Sebastian Borger, London


London - Kann der Mann eigentlich nie stillhalten? Nicolas Sarkozy hat eben seine 42-minütige Ansprache beendet, das Publikum im Königssaal des britischen Parlaments ehrt ihn am späten Mittwochnachmittag mit Standing Ovations.

Aber der französische Staatspräsident wirkt, als sei ihm die ganze Angelegenheit irgendwie unangenehm.

Er tänzelt auf beiden Beinen, schaut hilfesuchend nach rechts zu seiner Frau Carla Bruni-Sarkozy hinüber, schaut nach links, dann wieder nach rechts. Kaum hat die Sprecherin des Oberhauses ihre Dankesworte gesprochen, schießt Sarkozy schon von der Bühne und aus dem Saal.

Vielleicht hat ihm die Queen eingeschärft, nur ja nicht zu spät zum abendlichen Bankett auf Schloss Windsor zu erscheinen.

Dort hat mittags der Staatsbesuch begonnen, mit dem Sarkozy eine neue Phase seiner Amtszeit einläuten will. Sein Image als selbstverliebter, rastloser, ewig telefonierender Spaß-Präsident hat seiner UMP gerade eine Niederlage bei den französischen Kommunalwahlen eingebracht. Deshalb wollen Sarkozy und seine glamouröse Gattin während der beiden Tage auf englischem Boden vor allem eines demonstrieren: Seriosität.

Brav hat sich Madame Sarkozy also ein graues Kostüm angezogen, dazu einen schwarzen Lackledergürtel und ein graues Hütchen – züchtiger Kontrast zu dem Nacktfoto des einstigen Models, mit dem die Londoner Boulevard-Blätter vom Kiosk grüßen. Das Auktionshaus Christie’s will das merkwürdig verdruckste Bild des Fotografen Michel Comte demnächst versteigern, da kann die Publizität an diesem Tag nicht schaden.

Ob Elizabeth II. und ihr Gatte, der mit rauem Humor ausgestattete Prinz Philipp, bei der morgendlichen Zeitungslektüre ihren Gast bereits in Augenschein genommen haben?

Anmerken lassen sich die königlichen Routiniers jedenfalls nichts, halten bei der Kutschfahrt durch Windsor gepflegten Smalltalk. Der Präsident gibt sich so staatstragend wie seine Frau züchtig, kann aber schon bei der offiziellen Begrüßung seine Ungeduld nur schwer verderben. Während die Militärkapelle schmissig die Marseillaise zum Besten gibt, schweifen Sarkozys Augen unruhig über den Platz.

"Frankreich wird niemals vergessen!"

Auch bei der Ansprache vor beiden Häusern des Parlaments - eine seltene Ehre für ausländische Staatsgäste - wirkt Sarkozy merkwürdig gehetzt. Inhaltlich lässt es der Präsident nicht an charmanten Lobsprüchen mangeln, gelegentlich steigert er sich in jugendliche Begeisterung für alles Britische. Minutenlang ist von der Kampfbrüderschaft der beiden Nationen während der beiden Weltkriege die Rede: "Frankreich wird niemals vergessen", ruft der selbsternannte "Bewunderer britischer Dynamik und Stärke" immer wieder, und die Briten klatschen erleichtert.

Die Entente cordiale aus beiden Weltkriegen gelte es nun umzuwandeln in eine Freundschafts-Allianz innerhalb Europas, sagt Sarkozy, der im zweiten Halbjahr 2008 auch als EU-Ratspräsident amtieren wird: "Wir können Europas Zukunft nicht bauen ohne Großbritannien." Mit den Reformen der vergangenen 20 Jahre - unter Regierungen beiderlei Couleur - sei die Insel "ein Modell, unsere benchmark für Reform" geworden.

Da wird die staatsmännische Rede plötzlich innenpolitisch, beinahe trotzig: "Ich habe mich nicht wählen lassen, um vor Herausforderungen den Kopf einzuziehen."

So etwas könnte Premierminister Gordon Brown schon deshalb nicht sagen, weil er ohne eigenes Mandat im Amt ist – die geplante Parlamentswahl hatte der Schotte im vergangenen Herbst in letzter Minute abgesagt. Seither schleppt sich die Labour-Regierung dahin.

Große Pläne von Atomkraft bis Bankenaufsicht

In der Downing Street setzt man deshalb große Hoffnung auf das Zusammentreffen der beiden Regierungschefs im neugebauten Nord-Londoner Arsenal-Stadion am Donnerstag. Die Tagesordnung reicht von der internationalen Banken-Krise über die Zukunft der Nato und das gemeinsame Engagement in Afghanistan bis hin zu einer engeren Kooperation in der Rüstungs- und Nuklearindustrie.

Beim ersten und letzten Thema besteht Einigkeit. Die Vertrauenskrise der Banken macht Franzosen und Engländern gleichermaßen Sorgen – gemeinsam wollen Brown und Sarkozy an die großen Institute appellieren, ihre Verbindlichkeiten "sofort und umfassend" auf den Tisch zu legen. Für die regierungsamtlich beschlossene Renaissance der Atomkraft auf der Insel hoffen die Briten auf Investitionen aus Frankreich, das 80 Prozent seiner Elektrizität aus der Kernspaltung bezieht. Demnächst kommt der Regierungsanteil von knapp 30 Prozent am Energie-Versorger British Energy auf den Markt. Darauf machten sich bisher vor allem die deutschen Konzerne RWE und E.on Hoffnungen. Sarkozy wird beredt für das französische Unternehmen EdF werben.

Mögen Bankenaufsicht und Atomkraft tatsächlich für englisch-französische "Bruderschaft" sorgen, von der Sarkozy schwärmt – bei der Zusammenarbeit in EU und Nato bleiben Differenzen. Brown gilt als deutlich skeptischer gegenüber dem Brüsseler Club als sein Vorgänger Tony Blair, dessen Kandidatur für die neue EU-Präsidentschaft Sarkozy unterstützt. Das persönliche Verhältnis des Briten zu Sarkozy gilt als gut, wohingegen Kanzlerin Angela Merkel mit dem hektischen Franzosen wenig anzufangen weiß. Sarkozy ist aber Realist genug, um auch in London zu betonen: "Die Achse Berlin-Paris ist von essentieller Bedeutung." Freilich fügt der Präsident hinzu, die Achse sei "nicht genug".

Das mag als Einladung an Brown zu verstehen sein, sich als Dritter im Bunde zu den beiden wichtigsten EU-Ländern zu gesellen. Die Miene des Premiers bleibt unbeweglich, die EU-Freunde im Saal seufzen hörbar.

An der EU-Skepsis der Briten werden auch die charmanten Worte des französischen Zappelphilipps nichts ändern.

insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
TommIT, 13.02.2008
1.
Bei manchen Frauen sind die Motivationschübe bezüglich ihrer Beziehungen eben besonders in der Sparte Macht und Geld ...festgenietet... Bei anderen wiederum geht es hauptsächlich um die pure Medienpräsens. Der Lerneffekt kommt von selber .... gäähn Mann wird älter Frau auch und irgendwann hat der M... seinen Dienst getan!
Alzheimer, 13.02.2008
2.
Die Frau ist ebenso peinlich wie Sarkozy.
ausweiser 13.02.2008
3.
Eine "Première dame de France" mit diesem Bambi-Blick kann doch sagen was sie will, man wird ihr alles verzeihen.
BeckerC1972, 13.02.2008
4.
Wenigstens ist sie nett anzuschauen - der Rest...herr je, who cares?
misterbighh, 13.02.2008
5. Hallo Spiegel Online!
Wir haben wichtigere Themen, ob der Egomane Sarkozy nun mit seiner Bruni oder Peng.
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