Entdeckung in Kabul Bin Laden plante offenbar Nagasaki-Bombe

In einer Fernsehbotschaft hatte er diese Woche noch damit gedroht, dass sein Terrornetzwerk über chemische und atomare Waffen verfüge. In Kabul gefundene Akten legen nun nahe: Osama Bin Laden wollte offenbar tatsächlich eine Atombombe bauen.


Osama Bin Laden: Plante er den "Fat Man"?
AP

Osama Bin Laden: Plante er den "Fat Man"?

Kabul - Ein Reporter der britischen Zeitung "Times" hat das Geheimnis um die Atompläne Bin Ladens gelüftet. In Kabul stieß er jetzt auf entsprechende Pläne. Die teilweise verbrannten Dokumente seien in einem hastig aufgegebenen Zufluchtsort der al-Qaida in Kabul gefunden worden, berichtet die Zeitung. Bei der Flucht aus Kabul hätten die Bin-Laden-Terroristen offenbar versucht, die Beweise zu vernichten. Viele Dokumente blieben jedoch erhalten.

Der Chef der Heimatschutzbehörde, Tom Ridge, erklärte am Donnerstag, die Unterlagen zeigten, dass Osama bin Laden daran interessiert war, Massenvernichtungswaffen in seinen Besitz zu bringen. Dies bedeute aber nicht, dass er in der Lage sei, solche Waffen einzusetzen.

Ridge spielte zugleich die Bedeutung der Unterlagen herunter. Es handle es sich um Informationen, die seit Jahren im Internet stünden. Dennoch beweise der Fund, dass sich die USA auf eine ganze Bandbreite terroristischer Angriffe vorbereiten müssten.

Die Pläne seien sowohl in Arabisch, Deutsch, Urdu und Englisch verfasst, berichtet die "Times". Sie enthielten detaillierte Entwürfe für Raketen, Bomben und andere nukleare Waffen. Unter anderem fand der "Times"-Reporter genaue Anweisungen darüber, wie die Detonation von TNT Plutonium zu einer kritischen Masse verdichtet und anschließend eine Kettenreaktion auslöst, die zu einer unkontrollierten Nuklear-Explosion führt.

Bin Ladens "Fat Man"

Nach Einschätzung von Experten deuten die Pläne darauf hin, dass Bin Laden möglicherweise an einer Bombe arbeitete, die dem "Fat Man" ähnlich sei - der Atombombe, die auf die Stadt Nagasaki abgeworfen wurde. Dennoch, zitiert die "Times" die Spezialisten, sei es extrem schwierig, einen brauchbaren Sprengkopf zu bauen.

Auch wenn al-Qaida bislang möglicherweise noch nicht in der Lage gewesen ist, atomare Waffen zu bauen, wird durch die Entdeckung in Kabul klar, das Bin Laden und seine Komplizen doch zumindest vorhatten, ihre Pläne auch in die Tat umzusetzen.

"Religiöse Pflicht"

Bin Laden selbst hatte mit zahlreichen Äußerungen immer wieder auf seine Obsession hingewiesen. Er sehe es als seine "religiöse Pflicht an", eine Atombombe zu besitzen, so der mutmaßliche Drahtzieher der Terroranschläge vom 11. September. "Wenn Amerika chemische oder nukleare Waffen gegen uns einsetzt, werden wir als Abschreckung mit chemischen und nuklearen Waffen antworten."

Die Entdeckung des "Times"-Reporter bestätigt die schlimmsten Befürchtungen über die Gefährlichkeit der Terrorgruppe. In den vergangenen Wochen war immer wieder spekuliert worden, ob Bin Ladens Terrornetzwerk über atomare Waffen verfüge. Geheimdienste vermuten, dass es dabei Hilfe von pakistanischen Wissenschaftlern erhielt.

Die Regierungen in Washington und London sind davon überzeugt, dass der Terroristenführer Zugang zu nuklearem Material hatte. Anfang November hatte US-Präsident George W. Bush erklärt, es gebe Erkenntnisse darüber, dass sich al-Qaida auf der Suche nach chemischen, biologischen und nuklearen Waffen befinde.

Und auch sonst war al-Qaida für einen Kampf gegen die westliche Welt bestens gerüstet: Unter den in Kabul gefundenen Akten befanden sich auch Studien über die Vorgehensweisen westlicher Spezialeinheiten bei der Befreiung von Geiseln, Telefonnummern chemischer Produzenten, Flughandbücher, Studien über Aerodynamik sowie Fachbücher aus den Bereichen Physik und Chemie.

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