Entführer-Video Zynisches Spiel mit den Geiseln

Es ist immerhin ein Lebenszeichen, wenn auch ein schreckliches. Das zweite Video mit den deutschen Geiseln im Irak verrät zugleich ein wenig mehr über die Entführer. Sie sind offenbar gut informiert. Alle Hoffnungen müssen jetzt auf Lösegeld gesetzt werden.

Von Yassin Musharbash und


Berlin - Es sind schreckliche Bilder, und sie enthalten keine tröstliche Botschaft. Wieder ist es Hannelore K. die spricht, ihr Sohn Sinan sitzt schweigend neben ihr. Sie fleht um Hilfe und grüßt ihre Kinder, für den Fall "dass wir uns nicht mehr wieder sehen". "Zehn weitere Tage", sagt danach einer der Sprecher der Entführergruppe "Pfeile der Rechtschaffenheit", würden Deutschland bleiben, um seine Soldaten aus Afghanistan abzuziehen - anderenfalls müssten die beiden Geiseln um ihr Leben fürchten.

Die entführten Hannelore K. und ihr Sohn Sinan: "Wendet euch an Leute, die euch helfen können, bitte, bitte, bitte!"
REUTERS

Die entführten Hannelore K. und ihr Sohn Sinan: "Wendet euch an Leute, die euch helfen können, bitte, bitte, bitte!"

Und doch, trotz allem, ist das Auftauchen dieses zweites Videobandes nicht der schlimmste Fall innerhalb der Szenarien, die im Krisenstab im Auswärtigen Amt erörtert werden, sondern einer der positiveren: Es stellt ein Lebenszeichen dar. Zuletzt war man in Berlin nicht einmal mehr sicher, ob die Geiseln überhaupt noch leben. Leider enthält das aktuelle Band wenig Hinweise, die eine präzise Datierung erlauben würden, aber es ist zumindest an einem anderen Ort aufgenommen worden als das erste, wie der Hintergrund nahe legt.

Es ist nicht unüblich, dass Geiselnehmer im Irak Ultimaten stellen und sie verstreichen lassen. Manche Gruppen haben dies getan, um das Lösegeld in die Höhe zu treiben. Den Adressaten, in diesem Fall die Familie der Geiseln und die gesamte Bundesrepublik, in einem schwer zu ertragenden Schwebezustand zwischen Sorge, Hoffnung und Angst zu halten, gehört mit Sicherheit auch zum Kalkül der "Pfeile der Rechtschaffenheit".

Entführer wollen Staat und Bevölkerung ausspielen

Wie bei jeder Entführung verrät auch hier die neuerliche Kontaktaufnahme etwas über die Täter. Die "Pfeile der Rechtschaffenheit" waren vor der Entführung unbekannt - jetzt kann man mit einiger Berechtigung schließen, dass sie keine Amateure sind. Und zwar insofern nicht, als dass sie zumindest in der Lage sind, Nachrichten aus Deutschland und politische Entwicklungen hier zu verfolgen. Das Timing der beiden Videos spricht dafür: Das erste Band erschien direkt nach der Entscheidung des Bundestages, das Afghanistanmandat der Bundeswehr so auszuweiten, dass man die von der Nato gewünschten Tornados an den Hindukusch schicken kann. Das Band von heute Nacht folgt der Entsendung der Kampfjets um wenige Stunden."Am Morgen flogen unsere Tornados nach Afghanistan ab, am Abend taucht das Video auf, da ist ein Zusammenhang mehr als wahrscheinlich", sagt ein Beamter der deutschen Behörden.

Auf der anderen Seite muss auch den Geiselnehmern klar sein, dass ihre Forderung unrealistisch ist. Sicher hat es nicht geholfen, dass die afghanische Regierung kürzlich fünf Talibankämpfer freigab, um einen italienischen Journalisten auszulösen. Aber der Abzug der Deutschen aus Afghanistan spielt auf einer ganz anderen politischen und militärischen Ebene. Er wäre, abgesehen davon, innerhalb von zehn Tagen auch gar nicht zu bewerkstelligen. Die Erfüllung politischer Forderungen ist für die Regierung so oder so ausgeschlossen.

Aber Terroristen der dschihadistischen Prägung spielen häufig ein zynisches Spiel - es geht ihnen nicht unbedingt um die Forderung als solche. Sie wollen die Bevölkerungen der Staaten, die sie bezichtigen, am "Kreuzzug gegen den Islam" teilzunehmen, gegen ihre Regierungen ausspielen. Sie wollen, dass der Staat am Ende als grausam und unnachgiebig auch der eigenen Bevölkerung gegenüber dasteht.

Mit Sorge betrachten die Analysten deshalb den wahrscheinlich abgelesenen Text, den die Entführte auf dem Video spricht. Darin ruft sie auch zu Demonstrationen für ihre Freilassung und gegen das Engagement in Afghanistan auf. Die Analysten befürchten, dass dies eine neue Strategie der Entführer sein könnte, Proteste wie bei einem ähnlichen Fall in Italien zu provozieren. "Sie wollen einen Keil in die Gesellschaft stemmen und die Stimmung gegen die Regierung anheizen", so ein Beamter.

Hoffen auf den Phyrrussieg

Noch immer weiß niemand sicher, zu welchem Lager die "Pfeile der Rechtschaffenheit" gehören, wer ihre Kämpfer sind, wofür sie stehen, mit wem sie alliiert sind. Sie scheinen sich eigens für das Kidnapping organisiert zu haben. Über allem steht die Frage, ob sie politische Ziele erreichen wollen - oder ob sie rein kriminell sind, das heißt, sich mit Lösegeld zufrieden geben würden. Bislang hat Deutschland nur mit Entführergruppen der letzteren Sorte zu tun gehabt - zum Glück für die Entführungsopfer.

Durch Appelle von Bundespräsident Horst Köhler und Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat die Bundesrepublik schon nach dem ersten Video klargemacht, dass sie den direkten Kontakt sucht, um Verhandlungen um die beiden Geiseln zu ermöglichen. Offenbar haben die "Pfeile der Rechtschaffenheit" davon bisher keinen Gebrauch gemacht. Im Krisenstab wuchs die Sorge entsprechend, man ging vom Schlimmsten aus.

Neben dem Schlimmsten sind jetzt noch zwei Szenarien denkbar: Erstens, die Geiselnehmer werden entdeckt und die Geiseln befreit, entweder durch die Briten, die US-Armee oder die Iraker. So etwas ist bisher allerdings sehr selten gelungen. Oder zweitens, die Geiselnehmer nehmen doch noch Kontakt auf - vielleicht, weil sie hoffen können, mit viel Geld noch mehr zu erreichen. Es wäre ein Phyrrussieg, aber es ist der, auf den man hoffen muss.



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