Entführte deutsche Monteure Geiselnehmer stellen politische Forderungen

Die Entführer der beiden deutschen Ingenieure im Irak haben nach Angaben aus Sicherheitskreisen politische Forderungen gestellt: Deutschland müsse seine Unterstützung für die irakische Regierung kappen. Verhandlungen zwischen deutschen Behörden und den Geiselnehmern gibt es bisher noch nicht.


Berlin - Seit Freitagmorgen analysierten Experten beim Bundesnachrichtendienst (BND) das etwa zwei Minuten lange Band, das dem arabischen Sender al-Daschsira zugespielt worden war. Auf den Aufnahmen wenden sich die beiden Entführten auf Deutsch an die Bundesregierung und bitten, dass die Verantwortlichen in Berlin alles für ihre Freilassung tun sollen. Die Geiseln sind in dem auf Dienstag datierten Band auf dem Boden sitzend zu sehen, mindestens vier bewaffnete Männer stehen hinter ihnen. Als Zeit auf der Aufnahme ist 10.08 Uhr eingeblendet, also weniger als zwei Stunden nach der Entführung. Im Bild ist ein handschriftliches Plakat mit der Aufschrift "Unterstützer der Tawid- und Sunnah-Brigaden" zu sehen.

Entführte Deutsche im Irak: "Erschütterndes" Video
AFP/ DSK

Entführte Deutsche im Irak: "Erschütterndes" Video

Die Forderungen der vermummten Entführer gleichen nach Aussagen von Sicherheitskreisen denen, die die Entführer von Susanne Osthoff gestellt hatten. So fordern die Entführer die Bundesregierung auf, jegliche Kontakte zur irakischen Regierung abzubrechen und auch die deutsche Unterstützung des Wiederaufbaus zu stoppen. Ähnliches hatten auch die Männer auf der Videobotschaft nach Susanne Osthoffs Entführung gefordert. Erst kürzlich hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei ihrem Washington-Besuch eine Ausweitung von deutschen Projekten zum Wiederaufbau angekündigt.

Die Behörden nehmen die Botschaft der Entführer sehr ernst, da es sich bei den Entführern offenbar um eine politische Gruppe und nicht um Kriminelle handelt. Bisher hat man noch keinen direkten Kontakt zu den Entführern, um über eine Freilassung zu verhandeln. Die heutige Aussage von Außenminister Frank-Walter Steinmeiers, eine Kontaktaufnahme "seitens der Entführer" habe stattgefunden, bezog sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE lediglich auf die Videobotschaft der Geiselnehmer. Fieberhaft versuchen die deutsche Botschaft und Mitarbeiter deutscher Sicherheitsbehörden jedoch, einen direkten Kontakt aufzubauen.

"Erschütternde" Bilder

Angela Merkel nannte die Videobilder der beiden entführten sächsischen Ingenieure Thomas Nitzschke und René Bräunlich heute "erschütternd". "Diese Bilder haben mich und die Menschen im Lande tief bewegt", sagte sie Merkel in Berlin. Sie appellierte an die Entführer, die Geiseln "unverzüglich" freizulassen. Die Bundesregierung verurteile die grausame Entführung auf das "Allerschärfste", sagte Merkel. Die Familie, Angehörige, Freunde und Mitarbeiter der Firma der Entführten sollten wissen, dass sie mit ihrer Sorge nicht allein seien. Steinmeier hob hervor, dass die Regierung "alles Menschenmögliche" tun werde: "Wir werde dabei mit Augenmaß vorgehen, das verspreche ich für die Bundesregierung." Der Krisenstab tage rund um die Uhr.

Der Geschäftsführer der sächsischen Firma Cryotec, Peter Bienert, äußerte sich erleichtert über das erste Lebenszeichen seiner Mitarbeiter. "Wir haben die Videobotschaft sehr genau betrachtet", sagte Bienert der Nachrichtenagentur dpa. "Die Kollegen haben den Umständen entsprechend einen guten Eindruck gemacht."

Es gelte nun mit großer Besonnenheit vorzugehen, um die Arbeit der Ermittler nicht zu behindern. Er habe mit den Angehörigen der Entführten Kontakt aufgenommen und ihnen jede Hilfe zugesagt, die das Unternehmen geben könne, sagte Bienert. Die deutsche Botschaft im Irak sei nicht über die Reise informiert gewesen, sagte der Geschäftsführer. Bereits Mitte Dezember seien Bräunlich und Nitzschke im Irak gewesen. Damals mussten sie allerdings unverrichteter Dinge wieder abziehen, weil es beim Transport auch wegen der Parlamentswahlen im Irak zu Verzögerungen gekommen sei. "Über Weihnachten haben wir die beiden zurückgeholt."

Experte: "Professionelles Video"

Der Nahost-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, Guido Steinberg, hält die Entführung der Ingenieure für schwerwiegender als den Fall Osthoff. Der veröffentlichte Teil des nun aufgetauchten Videos sei "von vorne bis hinten professionell, das macht mir Sorgen", sagte Steinberg der in Halle erscheinenden "Mitteldeutschen Zeitung".

Die Entführer gehörten wahrscheinlich zu den irakisch- nationalistischen Gruppen des ehemaligen Saddam-Regimes. Beunruhigend sei eine mögliche Verbindung zu dem irakischen al-Qaida-Chef Abu Mussab al-Sarkawi. Allerdings gebe das Video keinen letzten Aufschluss. Es blieben Fragen offen.

Bei einer Mahnwache in Leipzig wollen Bürger am Montag ihre Solidarität mit den Irak-Geiseln bekunden. Die Mahnwache ist im Anschluss an das traditionelle Friedensgebet der Leipziger Nikolaikirche geplant, teilte der "Aktionskreis Frieden" heute mit. Ziel sei auch, die Forderung nach sofortiger Freilassung der Leipziger Techniker zu unterstützen.



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