Entführung im Jemen Innenminister verspricht schonungslose Jagd auf Geiselnehmer

Ihr Schicksal ist nach wie vor ungewiss. Dass die fünf deutschen Geiseln im Jemen noch leben, will die jemenitische Regierung nicht beschwören. Innenminister Masri kündigte an, die Täter würden unnachgiebig verfolgt. Erneut beschuldigte er die Rebellen im Norden, doch die bestreiten den Vorwurf.

Aus Sanaa berichtet


Sanaa - Jemens Innenminister hat eine harte Verfolgung der Geiselnehmer von fünf deutschen Helfern im Nordjemen versprochen, die bereits zwei deutsche Geiseln und eine Südkoreanerin erschossen haben. "Die Verantwortlichen für dieses hinterhältige Verbrechen werden mit allen Mitteln zur Rechenschaft gezogen und ihre gerechte Strafe bekommen", kündigte Mutarhar Rashid al-Masri an. Die Rettung der Geiseln habe höchste Priorität für die Regierung und den Präsidenten Ali Abdullah Salih.

Jemens Hauptstadt Sanaa: Entführungen endeten meist glimpflich
DPA

Jemens Hauptstadt Sanaa: Entführungen endeten meist glimpflich

Die Statements sind die ersten Reaktionen der Regierung auf die Entführung von neun Ausländern nahe der nordjemenitischen Stadt Saada vor rund einer Woche. Drei weibliche Geiseln waren von den Entführern kurz nach der Verschleppung exekutiert worden. Von dem Rest der Gruppe, der fünfköpfigen Familie des Deutschen Johannes H. und einem Briten, fehlt bisher jede Spur. Weder die Entführer noch die Geiseln haben sich bisher bei der deutschen Botschaft gemeldet.

Schon in den vergangenen Tagen hatten Regierungsvertreter von einer umfangreichen Suche nach der Geiselgruppe gesprochen. Mit Hubschraubern würde Tag und Nacht gefahndet, hieß es. Beobachten lassen will die Regierung in Sanaa ihre Aktivitäten jedoch nicht. Seit Jahren gilt der Norden rund um Saada als Sperrzone für Journalisten.

Ob die Deutschen noch leben, konnte auch der Innenminister nicht sagen. "Wir wissen nichts genaues über ihr Schicksal", sagte er, "aber ich habe keine Anhaltspunkte, dass sie tot sind". Die Aussagen des Ministers sind bewusst vorsichtig. "Vielleicht ist es Wunschdenken", sagte er, "doch es würde mich wundern, wenn sie nicht noch leben." Worauf seine Einschätzung basiert, wollte er bei dem Treffen mit deutschen Journalisten nicht sagen.

Die Aussagen des Ministers sollten wohl vor allem klarmachen, dass die Regierung alles tut, um das Leben der Geiseln zu retten. Der Entführungsfall ist der bisher folgenschwerste in der Geschichte des Landes, in dem Verschleppungen von Ausländern zwar regelmäßig vorkommen, diese jedoch in der Vergangenheit meist durch Zugeständnisse schnell gelöst werden konnten. In diesem Fall aber ist eine Lösung sehr viel schwerer, folglich steht Sanaa unter erheblichem Druck.

Detailreich berichtete Masri deswegen, wie eng der Präsident die Fahndung verfolge. Ali Abdullah Salih habe bereits mehrere Sitzungen eines Sonderstabs von Militär, Polizei und Geheimdiensten geleitet und werde über jedes Detail unterrichtet, sagte sein Innenminister. Die Regierung hat die Belohnung für Hinweise auf Entführer und Geiseln massiv erhöht und bietet nun 50 Millionen Rial, umgerechnet knapp 185.000 Euro - in dem bettelarmen Land ein Vermögen.

Masri wiederholte bei dem Treffen, dass sein Ministerium weiterhin die Huthi-Rebellen als Täter im Visier habe. "Wir schließen nichts aus, doch ich persönlich denke, dass es die Huthis waren, jedenfalls sieht alles danach aus", so der Minister. Die Rebellen wollten seit Jahren den Ruf der Regierung in den Schmutz ziehen, genau dies geschehe durch ein solches Verbrechen. Der Minister bezeichnete den Fall stets als Terrorakt.

Die These wird von den schiitischen Rebellen, die von der Regierung seit Jahren brutal bekämpft werden, dementiert. Die von Abd al-Malik al-Huthi geführte Gruppe weist jede Verantwortung von sich. Jahja al-Huthi, Bruder des Rebellenführers, versicherte Ende der Woche in einem Telefoninterview mit dem SPIEGEL: "Wir suchen sowohl nach den Entführern als auch nach den Entführten, deren Unversehrtheit im Vordergrund steht."

Die Hintergründe der Entführung sind weitgehend unklar. Der Krisenstab vermutet nach SPIEGEL-Informationen, dass die entführten deutschen Christen einem religiösen Racheakt zum Opfer gefallen sein könnten. So kam es in Saada vor wenigen Monaten zu einer Auseinandersetzung, bei der Muslime Johannes H. bedrohten und aufforderten, seine Missionierungsversuche von Muslimen einzustellen. Auf solche Versuche steht im islamischen Recht die Todesstrafe.

Der Krisenstab geht davon aus, dass die Deutschen vor Ort als Missionare bekannt waren. Auf den Aufenthalt im Jemen hatten Johannes H. und seine Ehefrau sich unter anderem im hessischen Ort Eppstein vorbereitet, bei einer Organisation namens "Weltweiter Einsatz für Christus", die Mitglied in der "Arbeitsgemeinschaft evangelikaler Missionen" ist. Das Konzept der Gruppe sieht einen klaren Auftrag vor, die "noch unerreichten Völker der Welt" zu missionieren.

Gefahr für Touristen im Jemen
Juni 2009 - Geiselnahme einer deutschen Familie
Eine fünfköpfige Familie aus Sachsen wird zusammen mit Begleitern verschleppt. Zwei Deutsche und eine Koreanerin wurden bereits am ersten Tag erschossen. Zwei Kinder der sächsischen Familie wurden im Mai 2010 freigelassen.
April 2009 - Niederländischer Ingenieur entführt
Ein niederländischer Ingenieur, der für ein Wasserprojekt arbeitete, und seine Ehefrau werden in einem Vorort der Hauptstadt Sanaa verschleppt und in das 80 Kilometer entfernte Dorf der Entführer gebracht. Nach zwei Wochen Geiselhaft wird das Ehepaar freigelassen. Dem Vernehmen nach erhielten die Entführer Schmerzensgeld für Stammesangehörige, die bei einem Schusswechsel mit der Polizei im April 2008 verletzt worden waren.
März 2009 - Anschlag auf Touristen aus Südkorea
Bei zwei Selbstmordattentaten auf Südkoreaner innerhalb einer Woche werden vier Touristen und ein jemenitischer Reiseführer getötet. Zum ersten Anschlag kommt es auf einem Aussichtpunkt vor der Unesco-Welterbe-Stadt Schibam in der Provinz Hadramaut.
Drei Tage später gilt ein Attentat einer Delegation in Sanaa, die aus Südkorea in den Jemen gereist war, um mehr über die Hintergründe des ersten Vorfalls zu erfahren. Dabei tötet der Sprengsatz nur den Attentäter selbst, der den Konvoi der Südkoreaner knapp verfehlte. Zu der Attacke bekennt sich die Terrorgruppe al-Qaida.
Januar 2009 - Deutscher Ingenieur enführt
Ein aus Niedersachsen stammender Ingenieur wird zusammen mit zwei jemenitischen Kollegen in der Provinz Schabwa, etwa 570 Kilometer von Sanaa, entführt. Die Kidnapper lassen den 56-Jährigen, der für ein Gaspipeline-Projekt arbeitete, nach drei Tagen frei. Ein Verwandter von Präsident Ali Abdullah Salih hat ihnen zugesagt, die Behörden würden ihre Forderung nach der Freilassung eines wegen Mordes inhaftierten Angehörigen wohlwollend prüfen.
Dezember 2008 - Deutsche Entwicklungshelferin entführt
Eine Entwicklungshelferin der GTZ und ihre Eltern aus Kiel werden in der Region al-Bajda im Bergjemen von bewaffneten Stammesangehörigen verschleppt und fünf Tage lang in einem Bergdorf festgehalten. Die Geiselnehmer forderten die Freilassung von zwei inhaftierten Angehörigen und eine finanzielle Entschädigung für ein unvorteilhaftes Grundstücksgeschäft. Die Architektin, eine Expertin für den Erhalt historischer Bauten, will vorerst im Jemen bleiben.
September 2008 - 16 Tote bei Anschlag auf US-Botschaft
Bei einem Anschlag auf die US-Botschaft in Sanaa kommen sechs Polizisten, sechs Angreifer und vier Zivilisten ums Leben. Bis auf eine Inderin sind alle Opfer Jemeniten. US-Diplomaten werden nicht verletzt. Die jemenitische Führung erklärt, der Anschlag trage die Handschrift der Terrorgruppe al-Qaida.
April 2008 - Anschlag auf Ausländer-Wohnviertel
Auf ein Wohnviertel, in dem unter anderem US-Diplomaten und ausländische Mitarbeiter von Ölfirmen wohnen, werden drei Mörsergranaten abgefeuert. Das US-Außenministerium zieht aus Sicherheitsgründen die meisten seiner Botschaftsangehörigen aus der jemenitischen Hauptstadt ab. Zu der Attacke bekennt sich eine lokale Qaida-Terrorzelle.
März 2008 - Toter bei Anschlag auf US-Botschaft
Auf das Gelände der US-Botschaft in Sanaa werden vier Mörsergranaten abgefeuert. Sie verfehlen ihr Ziel und treffen stattdessen den Innenhof einer Mädchenschule. Ein Wachmann der Botschaft kommt ums Leben, drei weitere Wachmänner und 13 Schülerinnen werden verletzt.
Januar 2008 - Anschlag auf belgische Touristen
Islamische Extremisten eröffnen in der Provinz Hadramaut das Feuer auf einen Konvoi mit belgischen Touristen. Zwei Belgierinnen und zwei der jemenitischen Begleiter sterben bei der Attacke, ein weiterer Belgier und drei Jemeniten erleiden Verletzungen. Die 15-köpfige Touristengruppe befand sich auf einer Besichtigungstour zu den historischen Stätten in Sayoun, rund 900 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Sanaa.
Juli 2007 - Anschlag auf spanische Touristen
Acht Spanier und zwei Einheimische kommen ums Leben, als sich ein Selbstmordattentäter in der Nähe des Mondtempels von Marib mit seinem Fahrzeug in die Luft sprengt. Sechs weitere Spanier wurden Verletzungen erlitten. Hinter dem Attentat soll das Terrornetzwerk al-Qaida stecken.
Dezember 2005 - Jürgen Chrobog entführt
Der Ex-Außenstaatssekretär Jürgen Chrobog, seine Frau und seine drei Söhne werden während ihres Weihnachtsurlaubs in der Region Marib im Osten des Landes entführt und nach drei Tagen wieder freigelassen.

Innenminister Masri wollte auf diese These ebenso wenig eingehen wie auf Pressespekulationen, die Regierung kenne die Täter bereits namentlich. Die Deutschen seien schon lange in der Region gewesen, sagte er fast lapidar, außerdem seien sie bei der Bevölkerung beliebt gewesen. Danach brach er die Pressekonferenz sehr schnell ab, da er über weitere Details nicht reden könne. Er kündigte aber an, dass er "schon sehr bald" weitere Informationen mitteilen könne.

Seine Hoffnung war deutlich zu erkennen. Zu gern würde er die Rettung der Geiseln bekannt geben und vor allem seiner Regierung diesen Verdienst zuschreiben.

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Seite 1
marypastor 16.06.2009
1. Jemen
Zitat von sysopEntführte und getötete Deutsche, der ganze Staat ist instabil - wie soll der Westen mit der Lage im Jemen umgehen?
Alle Auslaender auffordern, sofort das Land zu verlassen und nie wieder dahin zu fahren und dann alle diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen abbrechen.
ubietorbi 16.06.2009
2. Jein
Zitat von marypastorAlle Auslaender auffordern, sofort das Land zu verlassen und nie wieder dahin zu fahren und dann alle diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen abbrechen.
Ich unterschreibe gerne, dass alle Ausländer außerhalb Sana´as das Land verlassen sollen. Wer weiter Ausflüge oder gar Urlaub in den ländlichen Gebieten unternimmt, handelt meiner Meinung nach grob fahrlässig. Es ist richtig, wenn dann die Entführten die Kosten für ihre Befreiung übernehmen müssen. Die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen dürfen aber nicht eingestellt werden, weil dadurch Al Quaida oder andere Gruppen gestärkt werden. Die Zentralregierung herrscht praktisch nur über die Hauptstadt. Ziel solcher Entführungen ist es gerade, dass das Ausland sich vollkommen zurückzieht, damit die Regierung noch weiter geschwächt wird und Radikale die Macht übernehmen können. Deshalb sollten wir die Regierung durch Hilfe stärken und damit die Radikalen schwächen.
BonChauvi 16.06.2009
3. Wie umgehen mit der Lage im Jemen
Zitat von marypastorAlle Auslaender auffordern, sofort das Land zu verlassen und nie wieder dahin zu fahren und dann alle diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen abbrechen.
Man kann nicht den Staat Jemen oder seine Bevölkerung pauschal für solche Verbrechen verurteilen. Allerding halte ich Leute, die freiwillig in den Jemen fahren für grob fahrlässig, um nicht zu sagen wahnsinnig. Wer dort hinfährt nimmt solche Risiken bewusst in Kauf. Das ist vergleichbar mit einem Führerscheinneuling, der sturzbetrunken mit 200 Sachen über die Landstraße fährt. Daher hält sich auch meine Bestürzung in Grenzen. Die Damen hätten ihr Pflegepraktikum auch in Detmold oder Hameln ableisten können. Das ist genauso lehrreich und ungefährlicher ist es allemal. Bibelforschen kann man in Europa ohnehin besser als in einem radikal muslimischen Land.
ZWV@SPON 16.06.2009
4. Bibelschülerinnen?
in einem Land, in dem bestimmt auch ein paar religiöse Fanatiker herum laufen und Missionsversuche als Verbrechen ansehen? ? Oli
Maspik 16.06.2009
5.
Zitat von sysopEntführte und getötete Deutsche, der ganze Staat ist instabil - wie soll der Westen mit der Lage im Jemen umgehen?
Deutsche Bibelschülerinnen, die in einem islamistischen Staat ein Praktikum ablegen? Dann bleibt nur der Schluss: es war Gottes Wille. Oder schiere Dummheit
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