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16. Dezember 2008, 17:18 Uhr

Entführung im Jemen

Lebenszeichen von verschleppten Deutschen

Die drei im Jemen entführten Deutschen sind einem Zeitungsbericht zufolge wohlauf - befinden sich allerdings nach wie vor in der Gewalt ihrer Entführer. Offenbar stammen die Mitarbeiterin der GTZ und ihre Eltern aus Schleswig-Holstein.

Hamburg/Sanaa/Berlin - Den drei Deutschen, die im Jemen verschleppt wurden, geht es offenbar den Umständen entsprechend gut. Die in London erscheinende "Asharq al-Awsat" berichtete am Dienstag, sie habe mit der entführten Mitarbeiterin der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) telefoniert. Julia T. habe gesagt, sie und ihre Eltern seien wohlauf.

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Aus jemenitischen Sicherheitskreisen hieß es, mehrere Angehörige des Stammes, der für die Geiselnahme verantwortlich sein soll, seien verhaftet worden. Das Auswärtige Amt lehnte eine Stellungnahme ab und erklärte lediglich, der Krisenstab bemühe sich in Zusammenarbeit mit den jemenitischen Behörden um die Freilassung der Deutschen. Die GTZ verwies auf Absprachen mit dem Auswärtigen Amt, keine Stellungnahme abzugeben.

Die Entwicklungshelferin und ihre Eltern stammen laut "Flensburger Tageblatt" aus Schleswig-Holstein. Der in Kiel lebende Bruder der Entführten, Frank T., sagte der Zeitung: "Wir machen uns große Sorgen, wissen aber nicht mehr als das, was in den Nachrichten gesendet wird." Den letzten telefonischen Kontakt zu seiner Schwester hatte der 44-Jährige nach eigenen Angaben vor zwei Wochen.

Sicherheitskräfte hätten den mutmaßlichen Rückzugsort der Entführer umzingelt, hieß es im Jemen. Die Soldaten hätten sich dem Berggebiet 60 Kilometer östlich der Hauptstadt Sanaa von vier Seiten genähert, zitierte die Internet-Seite der Regierungspartei den Vize-Gouverneur der Provinz Sanaa, Abdulmalek al-Gharbi.

Hintergrund der Tat ist nach jemenitischen Angaben ein Streit zweier Stämme um Grund und Boden. Zudem verlangen die Geiselnehmer die Freilassung zweier Stammesmitglieder, die wegen einer früheren Entführung in Haft sitzen.

T. und ihre zu Besuch in den Jemen gereisten Eltern hatten einen Ausflug in die Umgebung Sanaas gemacht, wo sie ihren Entführern in die Hände fielen. T. gehörte zu den Mitarbeitern der Initiative "Söhne von Marib" gegen Entführungen von Touristen. In der GTZ-Zeitschrift "Akzente" vom März 2006 wird das Projekt vorgestellt. Im Kern geht es darum, Stämme dazu zu bewegen, in ihren Gebieten Geld mit Führungen von Touristen zu verdienen und dafür im Gegenzug auf das Kidnapping zu verzichten. "Wer einen von denen dabeihat, wird garantiert nicht entführt", sagte T. der Zeitschrift bezogen auf lokale Fremdenführer.

Die Deutsche hat sich bislang im Auftrag der Entwicklungshilfegesellschaft GTZ um den Erhalt historischer Stätten im Jemen gekümmert. Nach einem Bericht der "Neuen Zürcher Zeitung" lebt sie seit 1998 im Jemen und hat als Mitarbeiterin der Altstadtbehörde in Sanaa gearbeitet.

Immer wieder Deutsche im Jemen entführt

Der Jemen liegt an der Südspitze der Arabischen Halbinsel und zählt zu den ärmsten Ländern im Nahen Osten. Die meisten Entführungen von Ausländern sind im Jemen bislang glimpflich ausgegangen. 2000 wurde allerdings ein norwegischer Diplomat während eines Feuergefechts getötet. Zwei Jahre zuvor kamen vier von 16 entführten Touristen während einer Befreiungsaktion der Armee ums Leben.

Auch Deutsche wurden bereits im Jemen entführt. Im Juli 2001 nahmen bewaffnete Stammesangehörige in Sanaa einen deutschen Diplomaten als Geisel. Erst Ende September ließen ihn seine Entführer frei. Ende Dezember 2005 wurden im Ostjemen der frühere Staatssekretär Jürgen Chrobog, seine Frau und seine drei Söhne verschleppt. Nach drei Tagen wurde die Familie unversehrt freigelassen.

Auch in anderen Ländern sind immer wieder Entführungen von Deutschen gemeldet worden. Erst im September waren Touristen in Ägypten betroffen, darunter fünf Deutsche. Im Juli wurden drei deutsche Bergsteiger im Osten der Türkei von Rebellen der Kurdischen Arbeiterpartei PKK entführt.

flo/cte/AFP/Reuters

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