SPIEGEL ONLINE

Entführung von Premier Seidan Milizen stürzen Libyen ins Chaos

In Libyen sind die Milizen längst mächtiger als die Regierung. Neuer Beleg dafür ist die spektakuläre Entführung von Ministerpräsident Seidan. Nato-Experten haben die Hoffnung auf eine stabile Demokratie in dem ölreichen Land bereits aufgegeben.

Die vorübergehende Entführung von Ministerpräsident Ali Seidan war gerade glimpflich zu Ende gegangen, doch für einen libyschen Aktivisten namens Rida war das nur ein kleiner Trost: "Auch wenn Seidan freigelassen wurde, das ganze Land bleibt doch Geisel in der Hand dieser Gruppen", twitterte er und meinte damit die Milizen. Eine der Organisationen, der "Kommandoraum der Revolutionäre Libyens", hatte Seidan in den frühen Morgenstunden aus dem Luxushotel Corinthia in Tripolis entführt, in dem dieser und andere Regierungsangehörige aus Sicherheitsgründen leben und arbeiten.

Hintergrund der Verschleppung Seidans war eine Aktion, bei der US-Spezialeinheiten am Wochenende einen Qaida-Kommandeur in Tripolis festgenommen und später außer Landes gebracht hatten. Obwohl Seidan die Aktion der Amerikaner auf libyschem Boden aufs Schärfste verurteilte und die Auslieferung von Abu Anas al-Libi forderte, warfen ihm seine Gegner Mitwisserschaft und Landesverrat vor. Quellen im US-Außenministerium hatten nach der Aktion gesagt, die Festnahme sei mit libyschen Agenten abgestimmt worden.

Das Kidnapping des Regierungschefs ist ein weiterer Beleg für die chaotischen Zustände, die zwei Jahre nach dem Ende der Schreckensherrschaft Muammar al-Gaddafis in Libyen herrschen: Die Zentralregierung ist schwach und schafft es kaum, als Autorität anerkannt zu werden. Die Sicherheitslage ist überall schlecht, in der östlichen Provinz Bengasi ist sie gar außer Kontrolle. Allein in der vergangenen Woche wurden dort drei Offiziere ermordet.

Das Problem Libyens sind die regionalen Milizen. Sie haben nach dem mit Hilfe von Nato-Luftschlägen errungenen Sieg über die Regimetruppen Gaddafis nicht etwa die Waffen niedergelegt, sondern stattdessen aufgerüstet und Ausländer rekrutiert. Libyen ist zu einem Sammelbecken für Extremisten aus Afrika und dem Nahen Osten geworden. Nun machen die Milizen der Armee und den Sicherheitskräften in ihren jeweiligen Regionen die Kontrolle über die Sicherheit streitig. "Der Zwischenfall heute zeigt, dass die zentralen Behörden nicht in der Lage sind, die autonomen Milizen im Land im Schach zu halten", sagt Alan Fraser, Nordafrika-Experte der auf Krisengebiete spezialisierten Sicherheitsfirma AKE. "Diese Gruppen setzen außerhalb der offiziellen Justiz regelmäßig ihr eigenes Recht durch."

Wie groß Libyens Probleme sind, erlebte im Juni auch ein Experten-Team der Nato vor Ort. Das 19-seitige Geheimdossier, das die Militärs und Zivilisten der Allianz später Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen vorlegten, liest sich wie der Abgesang auf einen missglückten Übergang zur Demokratie: Die Situation im Land sei fragil, unhaltbar und werde wohl nur schlimmer. Armee und Polizei seien nicht in der Lage, die Sicherheit zu garantieren. Stattdessen trieben Milizen ihr Unwesen, die irregulären Truppen seien 250.000 Mann stark.

Die Nato-Experten zitieren auch den libyschen Außenminister Mohammed Abdulasis, der die angereisten Experten um Hilfe anflehte: "Wir brauchen nachhaltige internationale Unterstützung, sonst wird Libyen zu einem gescheiterten Staat." Vier Monate später, so jedenfalls die düstere Analyse im Auswärtigen Amt, ist das Horrorszenario schon eingetreten. Der libyschen Regierung, heißt es dort, sei längst die Kontrolle über das Land entglitten. Stattdessen herrschten die Milizen, die Träume von Demokratie seien wohl nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Nationalgarde als letzte Hoffnung

Ursache für den erbitterten Machtkampf in dem Wüstenland am Mittelmeer ist dessen großer Reichtum an Bodenschätzen. Noch 36 Milliarden Barrel Öl sollen unter dem Wüstenboden verborgen sein. Um diese Vorräte werden Verteilungskämpfe mit Waffengewalt, aber auch zivilen Mitteln geführt. Streikende Arbeiter und Polit-Aktivisten halten seit zwei Monaten Ölfelder sowie einige der wichtigsten Verladehäfen im Osten des Landes besetzt. Libyen fördert deshalb nur die Hälfte der üblichen Menge.

Die Misere könnte die im Sommer beschlossene Einrichtung einer Nationalgarde beenden: Die Einheitstruppe soll einerseits marodierende Milizionäre auffangen und ihnen Jobs geben - im trotz Ölreichtum unter 28 Prozent Arbeitslosigkeit leidenden Libyen ein wichtiger Aspekt. Andererseits soll die Garde den oft entlang von Stammesgrenzen organisierten Milizen eine gemeinsame Identität geben.

Um für dauerhaften Frieden und Demokratie zu sorgen, müsse Libyen mit internationaler Hilfe ein System der inneren Sicherheit entwickeln, fordert der Libyen-Experte des Carnegie-Instituts, Frederic Wehrey. Darin müssten alle Gesellschaftsgruppen einbezogen sein, ihre Mitglieder müssten sich gegenüber höheren Instanzen verantworten.

Die Nato-Kommission sah das ähnlich: Sie empfahl ihren Vorgesetzten dringend, der geplanten Nationalgarde Nato-Experten an die Seite zu stellen. Denn nur ein gestärkter Staat könne verhindern, dass das von Gaddafi angehäufte Waffenarsenal von Milizionären und Gangstern in Länder der Region verkauft würde und dortige Kriege befeuern könnten, warnten die westlichen Militärs.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.