Enthaupteter Ingenieur Polen schwört den Taliban Rache

Es war eine bestialische Tat: Taliban schnitten einem polnischen Ingenieur den Kopf vor laufender Kamera ab. Das Video schockierte am Wochenende ganz Polen - jetzt will Warschau die Täter jagen.

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Hamburg/Warschau - Bevor ihn seine Schlächter grausam hinrichteten und mit einem Messer enthaupteten, pressten sie Pjotr Stanczak noch einen Appell an seine Landsleute ab: Hört auf, weiter Truppen nach Afghanistan zu schicken. Polen ist einer der Truppensteller der internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf und hat rund 1100 Soldaten an den Hindukusch entsendet.

Vor laufender Kamera enthauptet: Der polnische Ingenieur Pjotr Stanczak
REUTERS

Vor laufender Kamera enthauptet: Der polnische Ingenieur Pjotr Stanczak

Stanczak, ein 42-jähriger Ingenieur einer polnischen Ölfirma, war bereits im September in der Grenzregion zu Afghanistan von radikal-islamischen Taliban entführt worden. Die Entführer wollten mit ihm inhaftierte Gesinnungsgenossen aus pakistanischen Gefängnissen freipressen. Doch die Regierung in Islamabad ließ sich auf den Austausch nicht ein.

Über Monate zog sich die Entführung hin, die Aufmerksamkeit der polnischen Medien sank. Vielleicht brachten seine Kidnapper ihn auch deshalb auf solch bestialische Weise um. Sie brauchten ein Fanal, eine Botschaft an Polen, dessen Armee den USA nach Afghanistan folgte und zunächst auch in den Irak.

Polen will die Taliban jagen

Die Aufnahmen von der Exekution haben Polen erschüttert. Jetzt bricht sich grimmiger Trotz die Bahn. "Wir haben eine Schlacht gegen den Terrorismus verloren. Zum Glück nur eine Schlacht und nicht den ganzen Krieg", schreibt die Tageszeitung "Rzeczpospolita". Das Blatt "Polska" titelt: "Die Gerechtigkeit wird die Taliban erreichen." In einem Interview sagte der Gründer der polnischen Spezialeinheit "Grom" (Donner), General Slawomir Petelicki, die Terroristen müssten jetzt mit dem Schlimmsten rechnen. Polen will die Taliban jagen.

Eine Million Zloty - umgerechnet rund 225.000 Euro - hat die polnische Regierung als Belohnung für Hinweise ausgesetzt, die zur Festnahme der Täter führen. Gleichzeitig wandte sich Polens Botschafter in Washington an die US-Regierung. Außenminister Radoslaw Sikorski sagte, der Diplomat habe eine Bitte "um Unterstützung in unseren Bemühungen, die Mörder zu fassen" an das amerikanische Außenministerium übermittelt.

Die Antwort folgte prompt. "Wir haben bislang Polens Bemühungen unterstützt, Herrn Stanczak zu befreien. Wir werden unsere Hilfe auch fortsetzen, wenn Polen die Täter dieses abscheulichen Verbrechens zur Rechenschaft ziehen will", versicherte Sprecher Mark Toner.

Vorwürfe an Pakistan

Polen will nun den Tod Stanczaks genau untersuchen. "Wir verfügen über die notwendige Geduld und die Mittel, um diesen Fall zu einem gerechten Ende zu führen", versprach Ministerpräsident Donald Tusk.

Unterdessen warf der polnische Justizminister Pakistan vor, die Entführer hätten Unterstützung von Seiten Angehöriger pakistanischer Behörden erfahren. Die Kidnapper hätten "Freunde in pakistanischen Regierungsstrukturen." Vertreter Islamabads in Warschau wiesen die Vorwürfe zurück. Polens Senat sagte nach dem Mord einen geplanten Besuch von Parlamentariern aus Pakistan ab.

Die Videoaufnahmen von der Hinrichtung Stanczaks waren von einer Gruppe namens Tehreek-e-Taliban in Umlauf gebracht und an polnische und internationale Medien verschickt worden. Bereits auf der Sicherheitskonferenz in München hatte der polnische Ministerpräsident Tusk von informellen Hinweisen auf den Tod der Geisel berichtet. Inzwischen bestätigten polnische Behörden die Echtheit des Videos. Stanczaks Leichnam wurde bisher nicht gefunden.

Mitarbeit: Marta Solarz

Mit Material von AP/AFP/dpa



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