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Enthüllung von US-Geheimdokumenten Die Irak-Protokolle

Es ist die größte Enthüllung der US-Militärgeschichte: Die Plattform WikiLeaks hat 391.832 geheime Feldberichte zum Irak-Krieg veröffentlicht. Der SPIEGEL hat sie analysiert, sie werfen ein neues Licht auf den Konflikt - und belegen auf einzigartige Weise, wie hilflos die hochgerüstete Supermacht USA jahrelang war.

Hamburg - Erst Zehntausende Dokumente zum Afghanistan-Konflikt, nun Hunderttausende zum Irak-Krieg: Die Internetplattform WikiLeaks hat in der Nacht zu Samstag erneut eine riesige Sammlung interner Protokolle des US-Militärs veröffentlicht. Es handelt sich um 391.832 Feldberichte von US-Soldaten aus einer Datenbank des Pentagon - insgesamt ergeben sie eine Art Logbuch des Irak-Kriegs aus den Jahren 2004 bis Ende 2009.

Der SPIEGEL, der Londoner "Guardian", die "New York Times" und andere Medien haben die Dokumente ausgewertet und analysiert. Wie bei den rund 77.000 Afghanistan-Protokollen, die im Juli auf WikiLeaks veröffentlicht wurden, hat der SPIEGEL alles dafür getan, dass Menschenleben nicht gefährdet werden, die Namen potentieller Racheopfer entfernt und sensible Orte unkenntlich gemacht - die Gefährdung von Informanten und Soldaten im Irak ist die Hauptsorge der US-Regierung, die deshalb gegen WikiLeaks vorgehen will.

Man missbillige, dass WikiLeaks Personen zur illegalen Weitergabe von Geheimdokumenten gebracht habe, teilte die US-Regierung dem SPIEGEL mit (kompletter Wortlaut der Reaktion siehe Kasten). Diese Informationen würden nun "leichtfertig mit der ganzen Welt" geteilt, "einschließlich unseren Feinden". WikiLeaks gefährde so das Leben von Soldaten, Alliierten und Irakern. Außerdem handle es sich nur "um die ersten, noch unbearbeiteten Beobachtungen von Einheiten an der Front", um Momentaufnahmen, "mal tragisch und mal belanglos". Vieles davon sei aus den Medien ohnehin bekannt.

US-Reaktion auf die Irak-Protokolle

Der SPIEGEL hat sich dennoch zur Veröffentlichung entschieden - denn die Dokumente eröffnen durchaus eine neue Dimension dieses Konflikts. Die kurzen, nüchternen Protokolle bieten eine ungewohnte Perspektive auf einen Krieg, der länger gedauert hat als der Zweite Weltkrieg. (mehr zu WikiLeaks und der Veröffentlichungspolitik des SPIEGEL...)

Sie zeigen den Alltag des Konflikts, wie US-Soldaten ihn erlebt haben. Darüber hinaus lässt sich aus den Abertausenden Bedrohungsanalysen, Angriffsberichten und Verhaftungsprotokollen aber auch sehr genau rekonstruieren, wie sich der islamische Bruderkampf zwischen Schiiten und Sunniten entfaltet hat, wie sich die Gesellschaft brutalisierte, wie Entführungen, Hinrichtungen und Folter von Gefangenen Routine wurden. Auch Aktivisten aus den Nachbarstaaten Syrien, Iran und Jordanien mischten sich den Dokumenten zufolge in diesen Krieg ein. SPIEGEL ONLINE wird diese Themen in einer Artikelserie einzeln beleuchten. Unsere Nutzer können außerdem in einer interaktiven Irak-Karte Tag für Tag durch die komplette Datenbank der WikiLeaks-Dokumente blättern:

Die Dokumente unterliegen maximal der Geheimhaltungsstufe "secret", nicht aber "top secret" ("streng geheim"), so dass sich über aufsehenerregende Ereignisse wie den Folterskandal von Abu Ghuraib keine substantiellen Informationen finden. Außerdem haben sie Schwächen - sie sind einseitig und subjektiv, kaum verifizierbar und vielfach auf dem Schlachtfeld entstanden, so dass sich schnell Fehler einschleichen konnten. (mehr zur Akkuratheit der Protokolle...)

Aber in der Summe zeigen sie ein genaues Abbild eines sogenannten asymmetrischen Krieges: Eine hochgerüstete Armee steht auf dem Schlachtfeld zusehends hilflos einzelnen Kampfzellen gegenüber, die so brutal wie trickreich agieren. Das Material zeigt, wie allgegenwärtige Angst die Soldaten der letzten verbliebenen Supermacht der Welt lähmt: Geht gleich die nächste Sprengfalle hoch? An der Straßenecke? Am Wegesrand? Am Körper eines Aufständischen?

Bushs Siegeserklärung - durch die Protokolle restlos konterkariert

Die Protokolle beginnen am 1. Januar 2004, an dem zwischen Kirkuk im Norden des Landes und Basra im Süden die Explosionen von sieben Sprengsätzen gemeldet werden, und enden am 31. Dezember 2009 mit drei Anschlägen. "Bombenexplosion", "Beschuss durch Feinde", "Waffenfunde" - wie die Afghanistan-Memos pressen auch die Irak-Protokolle den Krieg in ein grobes Raster aus militärischen Begriffen. Allerdings, und das ist ein Unterschied zu den Afghanistan-Dokumenten, beschreiben die Irak-Protokolle einen Krieg, der offiziell für gewonnen erklärt worden war. Der damalige US-Präsident und Oberbefehlshaber George W. Bush sagte am 1. Mai 2003 auf dem Flugzeugträger "USS Abraham Lincoln": "Die Hauptkampfhandlungen im Irak sind beendet." Die Feldberichte der Soldaten machen klar, dass diese Behauptung noch auf Jahre hinaus unzutreffend war.

Fotostrecke

US-Soldaten im Irak: Bilder eines Krieges

Foto: Chris Hondros/ Getty Images

Da berichten Soldaten zuweilen in sehr zurückhaltendem Ton über die Einsätze ihrer Kameraden, die verdächtige Aufständische jagen; über Hinterhalte, in die Patrouillen geraten; über das Ausheben von Waffenverstecken. Kriegsalltag.

Oft ist das Grauen hinter militärischen Abkürzungen versteckt. Die Zahlen- und Buchstabenfolge "13 AIF KIA" steht dann für 13 getötete Gegner ("13 anti-iraqi forces killed in action") - etwa am 12. Juli 2007, als US-Kampfhubschrauber in der weltweit als "Collateral Murder" bekannt gewordenen Aktion in Wahrheit auf unschuldige Iraker am Boden feuerten. Dass bei jenem Einsatz etwas schiefgelaufen sein muss, wird in dem Geheimdokument durch den Hinweis deutlich, dass es auch "2 LN children WIA" gab, in Langform "2 local national children wounded in action" - soll heißen, es wurden zwei irakische Kinder verletzt.

In anderen Berichten findet dagegen der ganze Schrecken des Krieges seinen Ausdruck. In der Bevölkerung wachsen ab 2004 die Spannungen, es kommt zu Gräueltaten. Im Juni 2005 zum Beispiel wird der Tod von sechs Familienmitgliedern nahe Bakuba dokumentiert, ein typischer Vorfall jener Zeit. Die Mörder hatten den Opfern die Hände hinter dem Rücken zusammengebunden, dann exekutierten sie sie und schnitten ihnen die Köpfe ab - dann legten sie diese neben den Leichen auf den Boden. Der Großvater musste genauso sterben wie sein neunjähriger Enkel.

An anderer Stelle berichten US-Soldaten, ein Kommandeur der schiitischen Mahdi-Milizen habe seine Ehefrau umgebracht. Begründung: Sie habe ihn bei einer "extralegalen Tötung" beobachtet, also einem Mord, und ihn dabei mit ihrem Mobiltelefon gefilmt.

Obama erklärte den "dummen Krieg" ein zweites Mal für beendet

Die Dokumente belegen hunderttausendfach, was im schlimmsten Fall mit einer Gesellschaft im Krieg passiert - wie sie sich allmählich selbst zu zerstören droht und an den Rande des Zusammenbruchs kommt. Ein offener Bürgerkrieg zwischen den Bevölkerungsgruppen wurde im Irak in jenen Jahren nur knapp verhindert.

Inzwischen hat Bushs Nachfolger Barack Obama die Kampfhandlungen offiziell ein zweites Mal für beendet erklärt. Am 1. September dieses Jahres hat die Hilfs- und Ausbildungsmission "Neue Morgenröte" die Operation "Irakische Freiheit" abgelöst. Doch außer dem überaus optimistischen Namen des Einsatzes gab es keine Spuren eines Triumphs, kein Flugzeugträger wurde vom Bug zum Heck mit Flaggen geschmückt, keine jubelnden Heimkehrer durften bislang den Broadway hochmarschieren. Obama, von Anfang an ein Gegner dieses seiner Meinung nach "dummen Kriegs", verwies in seiner Rede aus dem Oval Office nicht nur auf die Opfer, sondern auch auf die materiellen Kosten dieses Krieges: "über eine Billion Dollar, die wir uns oft genug im Ausland holen mussten". Vom selben Ort aus, an dem sein Vorgänger den Beginn dieses Krieges verkündete, erklärte er dessen Ende, als wäre eine ganz andere, weitaus demütigere Nation aus diesem Krieg hervorgegangen.

So verheerend wie Vietnam für das Ansehen der USA

3884 US-Soldaten sind nach offiziellen Angaben von 2004 bis Ende 2009 im Irak gefallen, dazu 224 Soldaten verbündeter Nationen, weit mehr als 8000 irakische Sicherheitskräfte - wobei für das Jahr 2004 einigermaßen verlässliche Zahlen fehlen - und nach unabhängigen Zählungen 92.003 irakische Zivilisten, deren Tod in mindestens einer Quelle dokumentiert ist. 104.111 Tote sind das insgesamt. Das kommt jener Zahl nahe, die in den nun bekannt gewordenen Dokumenten genannt wird: 109.032. Es ist damit ein nicht ganz so verheerender Krieg wie etwa jener in Vietnam mit seinen drei Millionen Toten. Aber es ist einer, der sich nicht weniger verheerend auf das Ansehen der USA ausgewirkt hat.

Einen Monat vor Beginn der Invasion hatte Bush geprahlt, der Sturz des Diktators Saddam Hussein werde "ein dramatisches und inspirierendes Beispiel für die Freiheit anderer Nationen in dieser Region" abgeben. Nach sieben Kriegsjahren dann zog eine demoralisierte US-Armee vom Schlachtfeld, die an die hehren Ziele des Feldzugs längst nicht mehr geglaubt hatte.

Die Dokumente spiegeln das wider: Von Demokratie ist in den knapp 400.000 Dokumenten genau achtmal die Rede. Von den sogenannten improvisierten Sprengsätzen der Aufständischen, die die US-Soldaten zu fürchten gelernt hatten, 146.895-mal.


Redaktion und Recherche: Friederike Freiburg, Hans Hoyng, Cordula Meyer, Juliane von Mittelstaedt, Friederike Ott, Stefan Plöchinger, Marcel Rosenbach, Gregor Peter Schmitz, Holger Stark, Bernhard Zand

Dokumentation: Almut Cieschinger, Johannes Eltzschig, Anne-Sophie Fröhlich, Bertolt Hunger, Hauke Janssen, Ralf Krause, Thorsten Oltmer, Claudia Stodte, Stefan Storz, Rainer Szimm

Grafische Umsetzung: Christopher Kurt, Hanz Sayami

Videos: Bernd Czaya, Janita Hämäläinen, Katrin Krause, Jens Radü

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