Enthüllung Woodward bezichtigt Bush-Regierung der Lüge

Lügen, Starrsinn, Schönfärberei - US-Starreporter Bob Woodward rechnet in seinem dritten Buch mit der Bush-Regierung ab. Wider besseres Wissen zeichne der Präsident ein rosiges Bild der Erfolge im Irakkrieg und im Anti-Terrorkrieg. Kurz vor den Kongresswahlen steht der Republikaner unter Druck.

Von Georg Mascolo, Washington


Einmal haben seine Kollegen Bob Woodward auf dem Weg zur Arbeit erwischt, die Bilder zeigen einen scheu lächelnden Mann vor dem Eingang zum Weißen Haus. Unter dem Arm hielt er eine dünne Ledermappe mit Dutzenden penibel getippten Fragen und einem Tonbandgerät.

Rumsfeld, Bush, Rice: Riege der Realitätsverweigerer?
AP

Rumsfeld, Bush, Rice: Riege der Realitätsverweigerer?

Der "Watergate"-Enthüller und Bestsellerautor hat Zugang zu höchsten Regierungskreisen, stundenlange Audienzen selbst beim Präsidenten lieferten ihm den Stoff für die detaillierten Innenansichten der Bush-Administration. Als "Stenograf der Mächtigen" ist er von seinen Kritikern verhöhnt worden, als einer, der zwar viele kostbare Interna zusammentrug, sich aber scheute, aus all dem Material ein Urteil über den Kriegspräsidenten George W. Bush zu destillieren.

Am vergangenen Sonntag erschien Woodwards drittes Buch über Bush, und den Vorwurf den Präsidenten zu schonen, wird künftig wohl niemand mehr erheben. "State of Denial" lautet der Titel, was sich am besten mit Realitätsverweigerung übersetzen lässt. Und so harsch wie das Urteil auf dem Cover fallen auch die 560 Seiten aus - Woodward wirft der Bush-Riege vor, das Ausmaß des Desasters im Irak zu verdrängen und die amerikanische Öffentlichkeit über das Chaos im Zweistromland zu täuschen. Nach internen Analysen der Geheimdienste, so Woodward, werde sich die Lage 2007 noch verschlimmern. "Er sagt den Amerikanern nicht die Wahrheit über den Irak," heißt das Fazit des Autoren in den letzten Zeilen.

"Ich werde nicht abziehen, selbst wenn Laura und Barney meine einzigen Unterstützer sind," zitiert Woodward den Präsidenten. Allein mit Gattin und Hund und dennoch unfähig zur Kurskorrektur? Das klingt nach Starrsinn, und gepaart mit dem Vorwurf der vorsätzlichen Schönfärberei, entsteht ein für Bush hochgefährliches Porträt seines Regierungsstils. Viel schlimmer hätte es für das Weiße Haus nicht kommen können.

Ein Votum von besonderem Gewicht

Kritische Werke über Bushs Regierungsriege gibt es inzwischen in Amerika viele. Sie heißen "Hubris" oder "Fiasko" aber gerade wegen seiner bisherigen Zurückhaltung ist Woodwards-Votum von besonderem Gewicht. Dass es diesmal unangenehm werden könnte, hatte das Weiße Haus schon geahnt, Bushs Kommunikationsberater Dan Bartlett registrierte bereits vor Monaten "einen anderen Ton" in den Fragen des Reporters. Die Zusammenarbeit wurde vorsorglich drastisch reduziert, Woodward am Telefon abgewimmelt. Den Präsidenten, den er seit 2001 viermal ausführlich befragen durfte, bekam er nicht mehr zu sehen.

Am vergangenen Freitag bettelte die Administration bei Woodward eilig um ein paar Vorabexemplare, um das ganze Ausmaß des Schadens zu besichtigen. Es ist beträchtlich. Nach bewährter Methode hat Woodward wieder saftige Episoden zusammengetragen, etwa, dass Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sich weigerte, Condoleezza Rice zurückzurufen, oder dass Bush im November 2005 trotz der dramatischen Lage im Irak fortgesetzte Schönfärberei für die gesamte Administration anordnete: "Ich will nicht, dass irgendjemand aus dem Kabinett davon spricht, dass es sich um einen Aufstand handelt."

Bush Senior soll der Irak-Krieg schlaflose Nächte bereitet haben, was den Junior offenbar wenig kümmerte. Sagt George, der Jüngere laut Woodward: "Ich will nicht sein wie mein Vater, ich will sein wie Ronald Reagan." Donald Rumsfeld, legt Woodward nah, verpflichtete Bush nur als Verteidigungsminister, weil sein Vater ihn nicht ausstehen konnte.

Cover des jüngsten Woodward-Buches: Auf deutsch in etwa "Realitätsverweigerung"
AFP

Cover des jüngsten Woodward-Buches: Auf deutsch in etwa "Realitätsverweigerung"

Fünf Wochen sind es noch bis zur Kongresswahl, nach monatelangen Tiefständen in den Umfragen schien es für Bush und seine Republikaner gerade wieder ein bisschen aufwärts zu gehen. Jetzt droht der Medien-Tsunami, der in Amerika verlässlich mit jedem neuen Werk des Enthüllers verbunden ist, den Plänen der Bush-Truppe ein jähes Ende zu machen. Allein die Startauflage von "State of Denial" beträgt 825.000 Exemplare. Vor allem Bushs Behauptung, im Irak gehe es voran, erscheint jetzt wie eine kühl kalkulierte Lüge, um sich über die Wahlen zu retten.

Eilig bemüht sich das Weiße Haus, Kernaussagen Woodwards zu entkräften, das Buch sei wie "Zuckerwatte", höhnt Bushs Sprecher Tony Snow: "Bei Berührung löst es sich auf." Solche Behauptungen sind gefährlich - der überaus penible Autor pflegt jedes seiner Interviews aufzuzeichnen und später Wort für Wort abschreiben zu lassen. Geheimdienst-Dokumente wie jenes, das mehr Gewalt im Irak voraussagt, pflegt er in Kopie zu besitzen. Schon streuen Freunde Woodwards, er werde sich nicht jede Schmähung gefallen lassen.

Demokraten planen Kampagne

Die Demokraten planen angeblich mit Hilfe der Enthüllungen schon eine neue Serie von Wahlspots und neben den Enthüllungen über den Irak eignet sich dafür besonders eine Episode aus dem Sommer 2001. In einem wütenden Schlagabtausch streiten Bush und Clinton-Administration seit Wochen darüber, wer vor dem 11. September 2001 bei der Bekämpfung des Terrorismus schlampte. Jetzt beschreibt Woodward, dass der frühere CIA-Chef George Tenet und der damalige Anti-Terror-Experte Cofer Black Bushs zu der Zeit amtierende Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice eindringlich vor ernsthaften Hinweisen auf einen bevorstehenden Anschlag warnten. Die Dame sei nicht sonderlich interessiert gewesen.

So leidenschaftlich wie die neuen Details über Bush und Co debattiert Amerika auch die Wandlung des Autors zum ersten Kritiker des Präsidenten. Gerade stürmt ein anderes Buch die Bestellerlisten: Frank Rich, einer der bekanntesten Kolumnisten der "New York Times" hat nicht nur mit der Administration, sondern gleich auch noch mit den amerikanischen Medien abgerechnet. "The Greatest Story Ever Sold" heißt es und Rich behauptet, dass Woodward mit Bush früher viel zu unkritisch umgegangen ist. Die "New York Times" spekuliert schon, der Autor habe womöglich eine Art "Entschuldigung" geschrieben. Nein, verteidigt sich Woodward, viele der Informationen habe er erst in den vergangenen Monaten erhalten: "Ich wünschte, ich hätte sie schon für meine früheren Bücher gehabt."

"Womöglich urteilt die Geschichte dereinst günstiger über Bush, als viele es heute für möglich halten," hat Woodward einmal gesagt. Daran glaubt jetzt nicht einmal mehr der Biograf der Mächtigen.

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