Entscheidung in Iowa Die Schicksalswahl der 200.000

Die Schlacht ums Weiße Haus hat begonnen: Mehr als 200.000 Bürger könnten bei der Vorwahl in Iowa die US-Politik auf Jahre hinaus prägen. Bei den Demokraten geht es um Clinton oder Neuanfang - bei den Republikanern um den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Aus Des Moines, Iowa, berichtet


Des Moines - Die Demokraten führen sich in diesen Tagen auf, als wären ihnen in Iowa Flügel gewachsen. Es sind symbolische Szenen kurz vor jener ersten Vorwahl des Präsidentschaftsrennens 2008: Gut tausend Leute sind zu Hillary Clinton ins Foyer der Iowa Historical Society gekommen. Sie ruft: "Wir werden Geschichte machen!" Die Menschen jubeln. Ein paar Straßen weiter donnert ihr Rivale Barack Obama vor einer ebenso gewaltigen Menschenmenge: "I am fired up!" - "Ich brenne!" John Edwards röhrt in der Nähe mit Rockstar John Mellenkamp: "Enough is enough" - "Genug ist genug". So voll ist der Saal, dass die Schlange bis weit auf die Straße reicht.

Wahlkampf-Sticker für Obama: Einfach mehr Begeisterung bei den Demokraten
AFP

Wahlkampf-Sticker für Obama: Einfach mehr Begeisterung bei den Demokraten

Und die Republikaner? Mitt Romney, ein Favorit in den meisten Umfragen, stellt in einem knapp gefüllten Ballsaal in Des Moines seine große Familie vor. Er dankt dem Präsidenten, der das Land sechs Jahre lang beschützt habe. Er weist beinahe verlegen darauf hin, jetzt werde er den ersten Schritt ins Weiße Haus machen. Höflicher Beifall.

Es sind besondere Vorwahlen, die hier und heute mit dem Caucus in Iowa beginnen. Zwar nehmen in dem kleinen Staat im Mittleren Westen gerade mal etwas mehr als 200.000 Bürger an der Abstimmung über den Präsidentschaftskandidaten teil - 130.000 werden bei den Demokraten erwartet, 80.000 bei den Republikanern. Doch diese Vorwahl könnte Demokraten und Republikaner auf Jahre hinaus prägen. Sie gibt vielleicht die Richtung an für die folgenden Abstimmungen in den anderen Staaten, für die Präsidentschaftswahlen an sich - und damit für alles, was danach passiert.

Zum ersten Mal seit 1952 bewirbt sich kein ehemaliger Präsident oder Vizepräsident für das Rennen ums Weiße Haus. Bei den Demokraten war das Rennen zwischen Obama, Clinton und Edwards bis zuletzt offen - genauso bei den Republikanern zwischen den ehemaligen Gouverneuren von Arkansas und Massachusetts, Mike Huckabee und Mitt Romney.

Und wenn Iowa als traditionell erster Vorwahl-Staat mal wieder den Puls der ganzen Nation fühlen soll - dann ist eine erste Diagnose: Die Demokraten haben mehr Begeisterung gezeigt. Sie haben lauter nach "change" gerufen, nach Veränderung. Die Republikaner sind dagegen besorgt darüber, wie "unterschiedlich ihre eigenen Anhänger von dem Wahlkampf und den Kandidaten" mitgerissen werden, analysiert das konservative "Wall Street Journal".

Bei den Demokraten geht es im Kampf zwischen Obama und Clinton immerhin um eine Richtungsentscheidung: zwischen "Leidenschaft und Parteiapparat", wie es die "Washington Post" nennt. Zwischen einem echten Neuanfang, den Obama verspricht, und der "Erfahrung vom ersten Tag an", an die Clinton so gerne erinnert - der politischen Erfahrung im Weißen Haus, um am ersten Tag als Präsidentin gleich kluge Entscheidungen fällen zu können.

Auf der einen Seite steht das Versprechen, zum Wohlstand der Clinton-Ära zurückzukehren - auf der anderen die Ankündigung, ein ganz neues Kapitel aufzuschlagen.

Peter Hart, der bekannte Meinungsforscher der Demokraten, fragte im Dezember Wähler der Partei: Wenn Washingtons Politik ein Buch wäre, wollten sie dann lieber ein paar neue Seiten oder ein ganz neues Kapital? Fast die Hälfte wünschte sich ein komplett neues Buch.

Das könnte Clintons Problem werden. Ihr Schlussauftritt in der Iowa Historical Society war ein Triumphmarsch - mit Ex-Außenministerin Madeleine Albright, Ex-Nato-Kommandeur Wesley Clark, Tochter Chelsea und natürlich Ehemann Bill. Sie sprach mit sanfter Stimme, verhaspelte sich kein einziges Mal. Und doch wurde man das Gefühl nicht los, das alles schon mal gesehen zu haben.

Ihre gewaltige Wahlkampf-Maschinerie erinnert einen immer daran, wie überraschend gut sich der Newcomer Barack Obama schlägt. Er konnte sich als ernsthafter Gegenkandidat etablieren. Er hat wie sie im vergangenen Jahr 100 Millionen Dollar eingesammelt. Er hat mächtige Wahlkampfteams in fast allen weiteren wichtigen Vorwahlstaaten aufgebaut.

Doch auch Obamas Berater sind nicht sorglos. Zwei Wörter reichen, um sie in ihrer Euphorie schlagartig ernst werden lassen: Howard Dean.

Vor vier Jahren lag Dean bei den Demokraten gut im Rennen. Allerdings nur in Umfragen. Im Caucus in Iowa bekam er dann 18 Prozent der Stimmen. Sein Wahlkampf war damit so gut wie vorbei. Obamas Ängste ähneln jenen von Dean: Werden die vielen jungen Leute, die zu seinen Reden kommen, auch zu den Vorwahlen gehen? Oder bleiben sie lieber in den Winterferien - und er ein Rockstar-Phänomen? Und was ist mit den Wählern, die sich keiner Partei zugehörig fühlen? 2004 war das in Iowa immerhin jeder Fünfte, und Obama hat diese Gruppe besonders angesprochen. Leider ist sie notorisch unzuverlässig.

Und dann ist da noch John Edwards. Der Ex-Senator aus North Carolina musste sich schon vor vier Jahren nur ganz knapp John Kerry geschlagen geben. 16 Auftritte hat er in den letzten 36 Stunden in Iowa absolviert und sein Schlussplädoyer wie der Star-Anwalt präsentiert, der er einst war. Er wettert gegen die Lobbys in Washington, die Gier der großen Firmen und ist der radikalste unter den führenden Bewerbern der Demokraten. "Wer wird für Euch kämpfen?", fragt er am Ende jeder Rede. Die Antwort geht meist Jubel unter.

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