Entscheidungsschlacht Die Hölle von Falludscha

Die Kämpfe um Falludscha nehmen bestialische Züge an. Angesichts der Verluste auf beiden Seiten fallen alle Hemmungen: Ein US-Soldat feuert auf einen wehrlosen Verwundeten, irakische Aufständische verminen die Leichen ihrer eigenen Gefallenen. Die Stadt liegt in Schutt und Asche.



Nach tagelangen Kämpfen gleicht Falludscha einem nach Tod riechenden Trümmerfeld. Die Zerstörung ist allgegenwärtig. Katzen und Hunde streunen durch Straßen, die übersät sind mit Ziegelsteinen, Glassplittern, Laternenpfosten, Stromleitungen, verbogenen Straßensperren und leeren Patronenhülsen. Mauern und Tore tragen Einschusslöcher. Soldaten haben zudem Löcher in Mauern gesprengt und Türen eingetreten, um Häuser und Geschäfte zu durchsuchen.

Tote Iraker liegen in den Straßen, die Gliedmaßen verdreht wie umgefallene Schaufensterpuppen. Mindestens zwei Frauen sind unter den Toten. Über manchen Bezirken hängt der Gestank verwesenden Fleisches.

Ein Konvoi der US-Pioniere passiert einen verwüsteten Marktplatz mit verbrannten Holzbuden. In der Nähe einer verlassenen Stellung Aufständischer verrotten Gemüsereste. In einem Vergnügungspark sind die Karussells zerstört. An der Hauptgeschäftsstraße stehen ausgebrannte Autowracks vor zersplitterten Schaufensterfronten, die Auslagen stürzten auf die Straße. Andere Läden scheinen weniger stark beschädigt. Ein Bulldozer der US-Armee schaufelt Trümmer von der Straße.

Zum Übernachten quartieren sich die Soldaten in verlassenen Häusern ein. Sie schlafen auf Matten, die sie dort finden, und decken sich mit Polyesterdecken zu.

"Jetzt ist er tot"

Stellenweise liefern sich US-Soldaten noch immer Feuergefechte mit den letzten verbliebenen Rebellen. Mit welch brutaler Härte auch diese letzten Schießereien geführt werden, zeigt der Fall des US-Soldaten, der einen schwer verwundeten Iraker mit einem Kopfschuss getötet haben soll - obwohl der Mann offenbar wehrlos und unbewaffnet am Boden lag, wie der US-Nachrichtensender CNN berichtet.

Fernsehbilder des blutigen Akts zeigen zwei verwundete Iraker, die an einer Mauer lehnen. Ein US-Soldat ist zu hören, wie er einen weiteren Verwundeten beschimpft. "Verdammt noch mal, er tut nur so, als ob er tot sei, er simuliert nur seinen verdammten Tod." Dann hebt der Soldat sein Gewehr und schießt. Blut spritzt an die Wand, der Iraker sackt in sich zusammen. Der Soldat sagt: "Nun, jetzt ist er tot."

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Falludscha: USA prüfen Fall von Kriegsverbrechen

Foto: REUTERS

Die Nerven mancher US-Soldaten scheinen nach Tagen des Kämpfens blank zu liegen, denn noch immer fordert der längst zugunsten der Amerikaner entschiedene Kampf um die Stadt Opfer. Vor allem im Süden Falludschas halten sich noch Aufständische verschanzt. Die US-Armee soll rund 1000 Gefangene gemacht haben. Von amerikanischer Seite hieß es, die Lage könne wohl erst in einigen Tagen gesichert werden. 38 amerikanische Soldaten kamen bisher beim Kampf um Falludscha ums Leben, 320 weitere wurden verwundet, wie die US-Streitkräfte mitteilten. Die Zahl der getöteten Rebellen wurde auf 1200 geschätzt. Wie viele Opfer es unter der Zivilbevölkerung gibt, ist nicht bekannt.

Gotteshäuser gehören zu den bevorzugten Stützpunkten der Aufständischen - und die US-Armee geht radikal gegen Widerstandsnester vor, um eigene Verluste zu vermeiden. Ein Panzer, berichtet die "New York Times", feuerte auf einen Rebellen auf dem Minarett einer Moschee - und landete einen direkten Treffer. Ein US-Marine, der anschließend die Lage erkunden wollte, wurde dem Bericht zufolge von einem Aufständischen erschossen, der sich noch immer auf dem Minarett aufhielt. Die Reaktion der Amerikaner: Ein Kampfjet radierte die Moschee mit zwei Bomben aus.

Planierraupen walzen Widerstandsnester nieder

Der Distrikt von Schuhada, der "Bezirk der Märtyrer", war nach Angaben der US-Armee eine Hochburg der militanten Kämpfer um den al-Qaida-Verbündeten Abu Mussab al-Sarkawi. Versteckte Sprengfallen haben in Häusern mehrere US-Soldaten zerfetzt. Jetzt kommen riesige Planierraupen zum Einsatz, mit denen verdächtige Gebäude sofort dem Erdboden gleich gemacht werden. Fliehende Aufständische werden festgenommen oder niedergeschossen.

Bei Anzeichen von Widerstand setzen die Amerikaner immer wieder Artillerie ein. Von mancher Rebellenposition war nur noch Schutt übrig, als US-Soldaten sie schließlich stürmten. Ganze Wohnblöcke fielen den Granaten zum Opfer. Viele Häuser sind nur noch Ruinen, die Straßen übersät von Glassplittern, Möbelresten, und Trümmern aller Art.

Und in ihnen lauert noch immer der Tod, manchmal in Form bestialischer Attacken. Ein US-Marineinfanterist etwa starb, als er sich einem toten Iraker näherte. Die Leiche, berichtete die US-Armee, war mit einer Sprengfalle versehen. Solche Vorfälle machen Reaktionen wie die des Soldaten, der in der Moschee den verwundeten Gefangenen erschossen haben soll, für manche Armeevertreter nachvollziehbar. Bob Miller etwa, der die Armee-Untersuchung des Vorfalls leitet, hält es für denkbar, dass der Soldat sich selbst verteidigt hat.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) hält die Versorgungslage in Falludscha für kritisch. Im Bayerischen Rundfunk sagte Florian Westphal, Sprecher des IKRK in Genf, es mangele an Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung: "Wir befürchten, dass nicht alle Verwundeten Zugang zu medizinischer Versorgung haben." Ein Hilfskonvoi sei zwar im Hauptkrankenhaus von Falludscha angekommen, die Nahrungsmittel konnten aber nach IKRK-Informationen nicht in andere Stadtteile gebracht werden. Die noch in den Straßen liegenden Leichen seien ein großes Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung. Nach Westphals Schätzungen leben noch einige hundert Familien in Falludscha.

Dem widerspricht die irakische Regierung vehement. Es gebe keine Versorgungsengpässe, teilte das Büro von Ministerpräsident Ijad Alawi mit. Die meisten Zivilisten hätten Falludscha vor der Offensive verlassen. Ein Team des Gesundheitsministeriums habe Falludscha und ein Krankenhaus besucht. "Sie haben bestätigt, dass sie keine Zivilisten gefunden haben, denen es an Wasser und Nahrung mangelt." Berichte von Not leidenden Zivilisten und großen Zerstörungen träfen nicht zu und seien von Sympathisanten von "Terroristen" gestreut worden.

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