Entwicklungshilfe im Senegal "Wir können uns gut um uns selbst kümmern"

Im muslimisch geprägten Senegal machen mehr Mädchen als Jungen Abitur, Koranschulen kriegen Vorgaben, fast alles ist national finanziert. Schulminister Thiam über Bildung, Entwicklung und religiöse Toleranz.

Senegal: Bildung für alle?
AFP

Senegal: Bildung für alle?

Ein Interview von


Bildung hilft gegen Extremismus. Mit ihr lässt sich Armut bekämpfen, Kinderarbeit und Kinderehen gehen zurück. Gute Schulen sind so nachhaltig für eine Gesellschaft, wie kaum eine andere Investition.

Darum ist kostenfreie Bildung für jedes Kind weltweit seit dem Jahr 2000 ein zentrales Ziel der internationalen Gemeinschaft. Die Globale Bildungspartnerschaft (GPE) hat hierfür bislang 5,2 Milliarden Dollar gesammelt.

Zur Person
  • picture alliance/ Aliou Mbaye/ MAXPPP
    Serigne Mbaye Thiam, 60, ist Vize-Vorsitzender der Globalen Bildungspartnerschaft (GPE) und seit 2012 Schulminister des Senegal. Zuvor war er Minister für Hochschulen und Wissenschaft.

SPIEGEL ONLINE: In ländlichen Gegenden des Senegal geht nur die Hälfte der Kinder zur Schule. Sie sind Bildungsminister des Senegal und jetzt auch noch Vize-Chef der Globalen Bildungspartnerschaft. Was tun Sie dafür, damit sich die Situation verbessert?

Thiam: Die Statistik sieht schlecht aus, ist aber erklärbar: Es liegt an fünf armen, konservativen Regionen, in denen Koranschulen sehr stark sind. Und Kinder, die auf solche so genannten Daaras gehen, tauchen in der staatlichen Statistik nicht auf.

SPIEGEL ONLINE: Gegen Koranschulen gibt es Vorbehalte, weil sie Kinder angeblich religiös radikalisieren. Nehmen Sie das ernst genug?

Thiam: Ich sage Ihnen was: Diese Schulen haben eine teils Jahrhunderte alte Tradition und sind stark verwurzelt im toleranten Islam, den wir im Senegal leben. Da können Sie nicht einfach kommen und die Daaras schließen, das will niemand.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht dieser tolerante Islam im Senegal aus?

Thiam: Dafür gibt es ein gutes Beispiel: Wir sind zu mehr als 90 Prozent Muslime. Unser erster gewählter Präsident war aber Christ. Zeigen Sie mir das mal in Europa: Ein Muslim ist der Präsident von lauter Christen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem lehren Koranschulen vor allem Arabisch und die Heilige Schrift des Islam - und sie verderben Ihnen die Schulstatistik. Was tun Sie dagegen?

Thiam: Wir haben mit Unterstützung der Globalen Bildungspartnerschaft 100 Koranschulen modernisiert. Sie sind jetzt franco-arabische Schulen, die auch Mathematik und Fremdsprachen lehren. Sie erhalten staatliches Geld und müssen einem vorgegebenen Lehrplan folgen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es keinen Widerstand dagegen?

Thiam: Ja, sicher. Zuerst haben sich nur wenige Koranschulen dafür interessiert. Aber jetzt, in einer neuen Runde haben sich 1400 der geschätzt 7000 Daaras darum beworben.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Bildung von Mädchen hat der Senegal einiges erreicht, es gibt an Grundschulen inzwischen mehr Schülerinnen als Schüler.

Thiam: Das stimmt, das ist übrigens auch bei weiterführenden Schulen so. Beim Abitur hatten wir dieses Jahr erstmals einen Überhang bei den Mädchen. Aber es war eine Kraftanstrengung.

SPIEGEL ONLINE: Wie war das möglich?

Thiam: Im Jahr 2000 haben wir begonnen, in den ländlichen Regionen gezielt Mädchenbildung zu fördern. Arme Familien auf dem Land erhielten Geld, um sich eine Lebensgrundlage aufzubauen. Ein Teil des Gewinns musste in Schulen fließen. Damit konnten wir die Zahl der jungen Frauen senken, die als Dienstmädchen in die Hauptstadt Dakar gingen oder sehr jung verheiratet wurden. Und wir haben vermehrt Lehrerinnen eingestellt und Wissenschaftlerinnen auf Tour geschickt - als Vorbilder.

SPIEGEL ONLINE: Menschenrechtsaktivisten von Human Rights Watch haben unlängst mehr als drei Dutzend Fälle aufgedeckt, in denen Schülerinnen im Tausch für gute Noten, Geld oder Smartphones mit Lehrern Sex hatten. Es habe keine Konsequenzen gegeben. Was sagen Sie?

Thiam: So etwas ist völlig inakzeptabel, kein Mädchen sollte das erleben müssen. Aber es geschieht leider in allen Gesellschaftsbereichen. Wir weisen den HRW-Bericht dahingehend zurück, dass er behauptet, es handle sich um ein generelles Problem an senegalesischen Schulen, das noch dazu ignoriert werde. Der Bericht ist sensationslüstern und unwissenschaftlich. Er basiert nur auf 42 Aussagen, dabei besuchen mehr als 540.000 junge Frauen unser Sekundarschulsystem.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Land kann gutes Wachstum vorweisen, aber das hängt entscheidend von Megaprojekten ab wie dem neuen Flughafen und Autobahnen, die von China finanziert werden. Hilft das chinesische Engagement auch der Bildung?

Thiam: China baut Schulen, Unis, in die Infrastruktur fließt viel Geld. Aber die Volksrepublik ist kein Partner beim Ausbau der Bildung.

SPIEGEL ONLINE: Ist das die Lage? China macht die Infrastruktur und verdient daran Geld, das westliche Ausland hilft bei der gesellschaftlichen Entwicklung?

Thiam: Die wichtigsten Partner in Handel und Wirtschaft sind weiter die Europäische Union und die USA. Und die spielen auch bei der Infrastruktur eine Rolle, genau wie China. Weil uns das Geld immer wieder ausgeht und weil wir so viele Projekte haben, brauchen wir die Öffnung für chinesische Investitionen.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich hat der Präsident Ghanas, Nana Akufo-Addo, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron recht direkt gesagt, das Schluss sein solle mit der Entwicklungshilfe. So halte Europa die Afrikaner abhängig. Teilen Sie diese Kritik?

Thiam: Nein. Aber das Geld, das vom Norden in den Süden fließt, nützt auch dem Norden. Mir geht es um die gemeinsame Arbeit an der Entwicklung Afrikas. Früher war die Rede von Afro-Optimisten und Afro-Pessimisten. Ich bin weder das eine noch das andere. Ich bin Afro-responsable, also verantwortungsvoll.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie denn gegen die afrikanische Abhängigkeit von westlichen oder asiatischen Geldgebern?

Thiam: Unsere Reformen im Bildungssektor zeigen, dass wir uns auch gut um uns selbst kümmern können. 95 Prozent der Mittel für unser Bildungswesen sind unser Geld. Nur fünf Prozent kommen aus dem Ausland. Bei der Finanzierungskonferenz der Globalen Bildungspartnerschaft haben die westlichen Geber in Dakar 2,3 Milliarden Dollar zugesagt. Die Entwicklungsländer werden ihre eigenen Ausgaben auf 110 Milliarden Dollar erhöhen.

Anmerkung: Aufgrund eines Übersetzungsfehlers hieß es in einer früheren Version des Interviews in einer Antwort des Ministers, der aktuelle Präsident, Macky Sall, sei Christ. Er ist aber Muslim. Gemeint war vielmehr der erste gewählte Präsident, der Katholik Léopold Sédar Senghor. Wir haben die Stelle korrigiert.



insgesamt 9 Beiträge
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knok 30.10.2018
1.
Ich habe großen Respekt vor diesem Land und seiner Gesellschaft. Und ja, Afrika muss unabhängiger werden, aber es tut sich auch etwas, im Senegal, in Ghana, in Äthiopien, in vielen Gegenden. Nur wir Europäer müssen das auch begreifen, und unseren Nachbarn ehrlich helfen. Wenn Afrika und Europa sich gegenseitig unterstützen, und man voneinander profitiert, dann ist vieles gewonnen.
alexander2311 30.10.2018
2. Richtigstellung
Der Präsident des Senegal, Macky Sall, ist kein Christ, sondern sunnitischer Moslem. http://www.worlddiplomacy.org/Countries/Senegal/LeaderSen/LeaderSen1.html
Lykanthrop_ 30.10.2018
3.
Ein Lichtblick in Afrika und Lob an SPON mal ein Blick auf das innere Afrika gewendet zu haben, das geschieht gefühlt ein mal im Jahr. Es gibt allerdings immer noch sehr viel Schatten in anderen Ecken des Kontinents. Was ist eigentlich in Simbabwe passiert seit der Mugabe weg ist ? Wie sieht es aus mit Boko Haram, sind die noch aktiv ? Somalia, lange nichts gehört... ebenso Süd Sudan und viele andere... also wenn uns Afrika interessieren würde, würde mehr berichtet werden, aber auch SPON interessiert sich bisher nicht Ich bin überzeugt, dass viele Afrikaner ihre Probleme irgendwann selbst lösen werden und selbst lösen werden müssen, nicht durch Europa, Amerika oder China. Fremdes Geld, fremde Interessen. Es ist wichtig möglichst die Hosen an zu haben.
Papazaca 31.10.2018
4. Zuerst mal sollten wir Afrika wirtschaftlich nicht schaden
Momentan drückt die EU jede Menge subventionierter Produkte wie Hähnchenfleisch, Milch und Mehl in die afrikanischen Märkte. Und statt den Afrikanern bei der Sicherung ihrer Fischgründe gegen Koreaner und Chinesen zu helfen kaufen wir Fischereirechte. Die afrikanischen Fischer gucken in die Röhre, den Fischern Westafrikas geht es nicht gut, siehe Ghana, Elfenbeinküste und Senegal. Also, bevor wir helfen, damit meine ich aber richtige und effiziente Hilfe, sollten wir zuerst mal fair sein. Wer in Afrika wohnt und regelmäßig einkauft, weiß, wovon ich rede.
ch3_94 31.10.2018
5. Die beste Entwicklungshilfe waere
afrikanischen Laendern faire Handelsbedingungen einraeumen und unsere subventionierten Exporte von Nahrungsmitteln einstellen.
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