Fotostrecke

Machtkampf in der Türkei: Angeschlagener Sultan gegen greisen Imam

Foto: OZAN KOSE/ AFP

Erdogan gegen Gülen Machtkampf der alten Weggefährten

Staatsanwälte ermitteln gegen seine Minister, Prominente verlassen seine Partei, Unterstützer wenden sich ab: Die Macht des türkischen Premierministers Erdogan erodiert. Mit seinem einstigen Verbündeten der islamistischen Gülen-Bewegung erwächst ihm ein starker Feind.

Gemeinsam haben sie historische Wahlsiege errungen, die Macht des Militärs beschnitten, einem Putsch getrotzt, viele Schaltstellen in Unternehmen und Behörden übernommen, das Land umgebaut. Jetzt, nach all ihren Triumphen, verbeißen sie sich jedoch in einem Machtkampf: die Anhänger des türkischen Premiers Recep Tayyip Erdogan, der mittlerweile autoritär und selbstherrlich regiert, und die des greisen Predigers Fethullah Gülen, der sich liberal gibt, aber islamistische Ziele verfolgt.

Der Ausgang dieses Streits dürfte weit über die Türkei hinaus zu spüren sein. Denn selbst bei Erdogans Kritikern hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Premier weder durch die jungen Gezi-Demonstranten zu stürzen sein wird noch durch die säkular-nationalistische Opposition. Lange regierte der "Sultan von Ankara", wie Erdogans Kritiker ihn nennen, unangefochten. Nun aber erwächst ihm mit der Gülen-Bewegung ein neuer Feind.

Die jüngste Eskalation des Konflikts zeigt, wie weit der Einfluss der Gülen-Bewegung mittlererweile reicht und wie gefährlich sie Erdogan werden kann. Sie offenbart, mit welch harten Bandagen beide Seiten kämpfen - und dass schmutzige Tricks beiden nicht fremd sind.

So ließen Staatsanwälte, die wohl der Gülen-Bewegung zuzurechnen sind, drei Söhne von Ministern aus Erdogans Regierung festnehmen, angeblich wegen Korruptionsverdacht, wie mehrere türkische Zeitungen berichten. Zuvor hatte bereits einer der prominentesten Abgeordneten aus Erdogans AKP verkündet, die Partei zu verlassen: Mit Hakan Sükür, dem Rekordtorschützen der türkischen Fußballnationalelf, verliert der Premier einen beliebten und publikumswirksamen Anhänger. Sükür wirft der AKP ausdrücklich "feindliche Schritte" gegen die Gülen-Bewegung vor.

Wie weit reicht die Macht des religiösen Netzwerkes?

Gülen selbst lebt seit Ende der neunziger Jahre im Exil in den USA. Die Türkei hat der Imam verlassen, nachdem ihm die Staatsanwaltschaft bezichtigte, einen islamistischen Umsturz vorzubereiten.

Seine Anhänger haben Schulen gegründet, Medienhäuser, eine Bank, Kliniken - in 140 Ländern der Welt, unter anderem in Deutschland. Die türkische Regierungspartei AKP wird von zwei Gruppierungen dominiert: dem Lager Erdogans und der Gemeinde Gülens. Nach dem Wahlsieg der AKP 2002 gingen die beiden Fraktionen eine Partnerschaft ein: Gülen sichert Wählerstimmen, Erdogan schützt die - zum Teil undurchsichtigen - Geschäfte der Gemeinde des Predigers. Hier bildeten zwei religiöse Gruppierungen eine Koalition, nicht zwei Parteien.

Diese Koalition ist nun am Ende. "Milliyet"-Kolumnist Kadri Gürsel spricht von einer "bösen, blutige Scheidung". Der Streit zwischen den beiden Lagern schwelte seit einigen Monaten: Erdogan hat wichtige Justizbeamte und Parteifunktionäre, denen eine Nähe zu Gülen unterstellt wurde, ihrer Posten enthoben. Zudem hat seine Regierung einen Reporter der Zeitung "Taraf" angezeigt, weil die ein Dokument veröffentlicht hatte, aus dem hervorgeht, dass die Geheimdienste die Gülen-Bewegung überwachen sollen. Unterzeichner: Erdogan. Die Gemeinde wurde dem Regierungschef offenbar zu mächtig.

Gülen selbst meldete sich aus dem Exil in Pennsylvania und kritisierte Erdogans Umgang mit den regierungskritischen Protesten im Sommer. Die Tageszeitung "Zaman", Gülens wichtigstes Medium, schießt beinahe täglich gegen die Regierung und prangert etwa Erdogans "aggressive Rhetorik" oder sein "autoritäres Auftreten" an.

Vergangenen Monat schließlich kündigte Erdogan an, die Nachhilfezentren der Gülen-Bewegung schließen zu lassen. Die Bildungsinstitute bereiten Schüler auf die Aufnahmetest an Universitäten vor und zählen zu den wichtigsten Einnahmequellen der Bewegung: Um die zwei Millionen junge Türken besuchen sie. Kritiker sehen sie auch als Rekrutierungszentren der Bewegung. Die Zeitung "Hürriyet" nannte die Schließungsdrohung eine "Kriegserklärung" der Regierung an das Netzwerk.

Die Anhänger Gülens sagen, ihnen sei an Toleranz gelegen, am friedlichen Zusammenleben der Menschen. Doch wenn jemand die Gemeinde kritisiert, wird es schnell hässlich. Im Frühjahr 2011 plante der türkische Investigativ-Journalist Ahmet Sik, ein Buch über die Macht des Netzwerkes herauszubringen. In "Armee des Imams" beschrieb er erstmals, wie Unterstützer Gülens, Justiz und Polizei missbrauchen, um Gegner einzuschüchtern. Kurz vor der Veröffentlichung wurde Sik verhaftet, sein Verlag wurde von Sicherheitsbeamten gestürmt, Manuskripte des Buches beschlagnahmt.

Im Frühjahr 2014 stehen Kommunalwahlen in der Türkei an. Vieles deutet darauf hin, dass es die nächste Etappe des Machtkampfes zwischen dem selbstverliebten Sultan und dem greisen Prediger sein wird.