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24. Mai 2014, 23:56 Uhr

Auftritt in Köln

Erdogans Gegenschlag

Von und , Köln

Der türkische Regierungschef Erdogan kommt nach Köln, Tausende Anhänger feiern ihn wie einen Popstar. Seine Rede ist eine Mischung aus neuer Stärke und verletztem Stolz. Das kommt gut an, weil viele türkische Migranten sich darin wiedererkennen.

Gut eineinhalb Stunden hat Recep Tayyip Erdogan geredet, ohne Manuskript, mit Mikrofon in der Hand. Das Rednerpult verlässt er immer wieder, tritt an den Bühnenrand. Die Sätze werden unterbrochen von Jubel. Manchmal singen die knapp 20.000 Zuhörer "Reeeceeep Erdoogaan, Recep Tayyip Erdogaaan!" und schwenken die Nationalflagge oder ihre leuchtenden Handy-Displays. Wenn er etwas kritisiert, zum Beispiel das Ausland, die Feinde im Inneren, die Medien, folgen sogleich Buhrufe.

Der türkische Premierminister war zu Besuch in Köln, offiziell zum zehnten Geburtstag der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), eine Lobbyorganisation der türkischen Regierungspartei AKP. Tatsächlich war es aber eine Rede zur bevorstehenden Präsidentenwahl am 10. August.

Erdogan selbst hat zwar noch nicht seine Kandidatur bekannt gegeben, doch er gilt als gesetzt. Nach parteiinternen Regeln darf er kein viertes Mal für das Amt des Regierungschefs antreten. Da sein Machtwille aber ungebrochen ist, wäre das Präsidentenamt mit erweiterten Befugnissen die Alternative.

Die Wahl als Wendepunkt

"Wir werden unseren Kandidaten zu gegebener Zeit bekannt geben", sagt Erdogan in Köln. "Ich hoffe, dass ihr alle wählen geht! Prüft, ob ihr in den Wählerlisten steht. Und nehmt unbedingt eure Personalausweise mit", rät er seinen Zuhörern noch. Die Wahl, bei der die Türken erstmals den Präsidenten direkt bestimmen und auch mehr als eine Million Türken in Deutschland wahlberechtigt sind, werde "ein Wendepunkt" sein. "Die Türkei wird stärker werden. Und unsere Wirtschaft wird noch schneller wachsen."

Seine wichtigste Botschaft lautet mit einem Satz: Wir sind wieder wer, und wir lassen uns von niemandem mehr etwas sagen! Es ist eine Mischung aus neuer Stärke und verletztem Stolz. Denn stark ist die Türkei geworden: Mit süffisantem Unterton merkt Erdogan an, Deutschland sei "mit 0,8 Prozent Wachstum" die Nummer eins in Europa "Ich kann es noch nicht genau sagen, aber unsere Wirtschaft wird voraussichtlich um vier Prozent wachsen." Die Menge feiert ihn und sich. "Wir arbeiten! Und es wird weiter aufwärts gehen!", verspricht Erdogan.

Außerdem lobt er die Leistung der Deutschtürken. Sie würden heute mehr als 80.000 Betriebe führen, etwa 400.000 Arbeitsplätze schaffen und damit viel zur deutschen Wirtschaft beitragen.

Solche Aussagen kommen gut an bei Menschen, die sich oft nicht willkommen fühlen in Deutschland. Da muss der Regierungschef der Türkei kommen und ihnen sagen: Ihr seid toll! Das ist Balsam für die Seele. Gerade auch für die konservativeren Türken. Erdogan hat durchgesetzt, dass Frauen mit Kopftuch wieder an die Universitäten und in Behörden oder als Abgeordnete arbeiten dürfen, was in der laizistischen Republik Türkei bis vor Kurzem verboten war. Auch Sätze wie "Die neue Türkei ist nicht mehr die alte Türkei" und "Die Türkei muss von jedem respektiert werden, denn wir bestimmen das 21. Jahrhundert mit" stoßen auf Begeisterung bei seinen Zuhörern.

Erdogans Medienschelte

Er wiederholt auch seine umstrittene Losung "Integration ja, Assimilation nein", fügt aber an, dass die Türken "nicht wie Fremde" in Deutschland leben sollten. "Lernt Deutsch und sorgt dafür, dass eure Kinder Deutsch lernen!", fordert er die hier lebenden Türken auf.

Kritik lässt er nicht gelten. Mehrmals greift er die ausländischen Medien an, zweimal SPIEGEL ONLINE, "dieses Magazin", wie er es nennt, weil es ihn mit einer Überschrift - dem Zitat eines Überlebenden der Bergwerkskatastrophe in Soma vor knapp zwei Wochen - beleidigt habe. Medien hätten dieses Unglück "ausgeschlachtet". Die Opposition habe zudem versucht, daraus politisches Kapital zu schlagen. Über seine als unsensibel wahrgenommene Rede vor den Bergleuten verliert er kein Wort.

Auch Kritik am Umgang der Polizei mit Demonstranten lässt er nicht gelten, denn schließlich würden die Molotowcocktails werfen, es handele sich also um Terrorakte, die bekämpft würden. Eine Einschränkung von Bürgerrechten und von Pressefreiheit gebe es in der Türkei nicht. Seine Gegner im Inneren wie im Ausland würden immer "dieselben Lügen und Verleumdungen" wiederholen, sagt er und spielt damit auf den Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck vor wenigen Wochen an, der die Einschränkung von Grundrechten kritisierte. Das Ziel dieser Mächte sei klar: den weiteren Aufstieg der Türkei zu verhindern.

Erdogan betont, er halte am Ziel einer Mitgliedschaft der Türkei in der EU fest. Europäischen Kritikern schleudert er entgegen: "Wie kann man einen Premierminister nach so vielen demokratischen Reformen als Diktator beschimpfen?" Die Türkei sei vielmehr ein "Gegengift" gegen den wachsenden Rassismus in Europa, sagt er und erwähnt in einem Halbsatz die NSU-Morde in Deutschland.

"Wir müssen ihn schützen vor den Feinden"

Der Ton ist nicht so aggressiv wie von deutschen Politikern befürchtet, aber er ist auch nicht versöhnlich. Das wäre vermutlich auch nicht, was seine Anhänger wollen.

Mehrere Tausend sind nicht mehr hineingekommen in die voll besetzte Lanxess Arena. Eine Gruppe steht hinter einem Gitterzaun, davor eine Reihe von Ordnern. Die Wartenden wollen rein, einer schreit einen Polizisten an: "Wer bist du, dass du verhinderst, dass wir unseren Premier sehen, du Deutscher?"

Jemand von den Organisatoren nimmt ein Megafon und sagt: "Der Premier wird euch grüßen kommen, versprochen. Wenn er nicht kommt, trefft ihr euch im Himmel." Ein anderer entgegnet den aufgebrachten Besuchern ohne Ticket: "Ihr müsst euch benehmen, damit die Deutschen nicht sagen, dass wir kriegerisch sind oder dass wir keine Ordnung beherrschen. Wenn ihr hier laut werdet, schadet ihr nur unserem Führer. Wir dürfen seinen Ansehen nicht schaden, wir müssen ihn schützen vor den Feinden."

Alle klatschen. Und jubeln.

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