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24. Mai 2014, 19:26 Uhr

Auftritt in Köln

Erdogan rechnet mit Kritikern ab

Er sprach über das Grubenunglück von Soma, Kritik an seinem Regierungsstil wies er zurück, deutschen Medien warf er Beleidigung vor: Der türkische Premier hat sich bei einem Auftritt in Köln von Tausenden Anhängern feiern lassen.

Köln - Recep Tayyip Erdogan kam schnell zum Thema, das derzeit viele Türken bewegt. Bei seiner Rede in der Kölner Lanxess-Arena sprach der türkische Ministerpräsident am Samstag das Grubenunglück von Soma an. "Wir empfinden Schmerz", rief er den 15.000 Anhängern in der Halle zu, die jeden Satz bejubelten und Erdogan wie einen Star feierten. Das würden Kritiker seiner Regierung offenbar nicht sehen. "Was verstehen sie denn schon davon? Was wird denn hier bewertet?", sagte Erdogan über die Proteste nach dem Grubenunglück.

Auch die Berichterstattung über das Bergwerkskatastrophe in Deutschland sprach Erdogan an: Ein Teil der deutschen Medien habe versucht, das Unglück für sich auszuschlachten und die türkische Regierung beleidigt. Unter anderem richtete sich seine Kritik gegen SPIEGEL ONLINE.

Kommentare aus dem Westen zu seinem Regierungsstil verbat er sich. Kritik am Umgang der türkischen Polizei mit Demonstrationen sei ebenfalls verfehlt, denn bei diesen handele es sich um "Terrorakte".

Erdogan bekräftigte, er sei für die Integration der Türken in Deutschland, aber gegen eine "Assimilierung". Der Ministerpräsident betonte die Verbundenheit zwischen der Türkei und den Türken in Europa. Er überbringe "Grüße von 77 Millionen Brüdern" in der Türkei, sagte er.

Proteste in Köln

Unter dem Jubel Tausender Zuschauer hatte Erdogan zuvor die voll besetzte Halle betreten. Vertreter der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD) kündigten ihn als "Mann des Volkes" an und versicherten, das ganze Volk der Türkei stehe hinter ihm.

Am Samstag waren Gegner und Anhänger Erdogans zu Tausenden auch aus europäischen Nachbarländern wie Frankreich, Belgien, Österreich oder den Niederlanden nach Köln gereist. Die Polizei war mit Hundertschaften vertreten, um Zusammenstöße zwischen beiden Lagern zu verhindern. Bis zum späten Nachmittag blieben die Proteste friedlich, wie die Polizei mitteilte.

Allerdings war die Stimmung aufgeheizt. Demonstranten forderten auf Plakaten: "Stoppt den Diktator Erdogan." Manche skandierten "Mörder" und "Faschist". Andere machten auf Transparenten deutlich: "Erdogan, du bist nicht willkommen." Redner der Alevitischen Gemeinde forderten Demokratie und Pluralität in der Türkei. Viele warfen dem türkischen Regierungschef vor, er schränke Menschenrechte ein, missachte Minderheitsrechte und beschneide die Meinungsfreiheit. Dass sich Erdogan kurz nach dem schweren Grubenunglück von Soma mit 301 Toten Zeit für einen Deutschland-Besuch nehme, sei unverzeihlich, meinten viele.

Offiziell sollte Erdogan zum zehnjährigen UETD-Bestehen sprechen, die als verlängerter Arm seiner Partei AKP gilt. Viele deutsche Politiker hatten eine Absage des Erdogan-Redeauftritts verlangt, der so kurz nach der Katastrophe von Soma unsensibel, falsch und empörend sei. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte Erdogan mehrfach zu Zurückhaltung auf. Martin Schulz, der SPD-Spitzenkandidat für die Europawahl, sagte in Frankfurt: "Ich habe das Gefühl, er ist auf der Flucht vor Problemen in der Türkei."

Türkische Medien berichten, dass Erdogans Berater Yusuf Yerkel, der nach dem Bergwerksunglück bei Tritten gegen einen am Boden liegenden Demonstranten gefilmt worden war, entlassen wurde. In der Türkei und im Ausland hatten die Bilder Entrüstung ausgelöst und die Kritik am Verhalten der Regierung verschärft.

Seit dem verheerenden Bergwerksunglück in Soma gibt es in der Türkei heftige Proteste, die sich auch gegen Erdogan und seine konservativ-islamische Regierung richten. Die Demonstranten werfen ihr eine Mitverantwortung an dem Unglück vor. Kritik gab es auch an Erdogans Umgang mit der Katastrophe. Bei einem Besuch am Unglücksort hatte er Bergwerksunglücke als unvermeidlich dargestellt. Auch Erdogan selbst soll Betroffene tätlich angegriffen haben, womit er weiteren Unmut provozierte.

suc/dpa/AFP

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