Syrien-Politik der Türkei Erdogan hat sich verzockt

Premier Erdogan wandte sich früh und entschlossen von Diktator Assad ab. Doch der türkische Ministerpräsident hat sich verrechnet: In Syrien ist noch immer Krieg. In der Türkei wächst der Unmut über seine Damaskus-Strategie.
Erdogan: Die Syrien-Politik des Premiers stößt in der Türkei auf Kritik

Erdogan: Die Syrien-Politik des Premiers stößt in der Türkei auf Kritik

Foto: MURAD SEZER/ REUTERS

Ankara/Berlin - Es wird viel um Syrien gehen, wenn der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdogan am Donnerstag Barack Obama trifft. Er wird den US-Präsidenten in Washington wohl drängen, seine Unterstützung für Syriens Opposition auszuweiten.

Denn Erdogan hat sich im Syrien-Konflikt in eine Sackgasse manövriert, aus der er so leicht nicht wieder herauskommt.

Die Bomben von Reyhanli haben mindestens 51 Menschen getötet, mehr als hundert verletzt - und sie haben der Syrien-Politik des türkischen Regierungschefs einen schweren Schlag versetzt. Die Kritik an ihm wächst. Neben Ankaras Friedensbemühungen mit PKK-Chef Abdullah Öcalan spaltet kaum ein Thema die türkische Opposition und Regierung so sehr wie Syrien.

"Erdogans Provokationen gegenüber Damaskus kommen nun wieder zurück in unser Land in der Form von Attacken und Gegenprovokationen", sagte Devlet Bahceli von der rechten türkischen Oppositionspartei MHP nach den Anschlägen. Der Chef der wichtigsten Oppositionsgruppe, der kemalistischen CHP, Kemal Kilicdaroglu, forderte die Regierung auf, ihre Außenpolitik zu überdenken.

Der Syrien-Krieg polarisiert die Türkei

Je länger die Gewalt im Nachbarstaat Syrien anhält, desto mehr wird die Türkei in Mitleidenschaft gezogen. Rund 300.000 syrische Flüchtlinge sind nach Angaben der Uno in der Türkei. Obwohl Ankara versucht, sie aus der Grenzregion umzusiedeln, wachsen dort die Spannungen zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen.

Nach den Bomben von Reyhanli zertrümmerten einzelne Türken wütend Autos mit syrischen Kennzeichen. Sie machten die Flüchtlinge für die Gewalt verantwortlich. Syrer trauten sich in Reyhanli nicht mehr auf die Straße.

Auch in der Türkei leben verschiedene Konfessionen und Ethnien zusammen. Dass Erdogan in Syrien die Opposition unterstützt, die immer islamisch-konservativer zu werden scheint, in einem Krieg, der zunehmend konfessionelle Züge annimmt, wirkt sich auch auf die Türkei aus. Die Gräben zwischen Opposition und Regierung werden dadurch vertieft.

Besonders in der türkischen Provinz Hatay, die lange zu Syrien gehörte und eine ähnliche bunt gemischte konfessionelle Zusammensetzung wie die syrischen Küstenprovinzen hat, haben viele für Erdogans Haltung kein Verständnis. Dort kommt es sogar immer wieder zu Demonstrationen von Assad-Unterstützern.

So früh und entschieden wie kein anderer Regierungschef hatte Erdogan im Syrien-Konflikt Stellung bezogen. Es war eine 180-Grad-Wende für den Premier, der einst mit Assad im Urlaub war: Bereits 2011 drohte Ankara Baschar al-Assad mit einem Militäreinmarsch und fing offen an, die Opposition zu unterstützen.

Das Kalkül Erdogans war einfach: Assad würde wohl bald weg sein und moderate Islamisten in Syrien die Macht übernehmen, die der türkischen Regierungspartei nahestünden. Erdogan rechnete mit Nato-Unterstützung für seine härtere Linie.

Zwei Jahre später muss Erdogan feststellen, dass er sich verrechnet hat. Assad herrscht noch immer in weiten Teilen Syriens. Die Nato-Bündnispartner sind zurückhaltend - und dies umso mehr, je stärker der Einfluss Radikaler in Syrien wird. Sie könnten irgendwann auch zur Bedrohung für Erdogan selbst werden.

Allein will Erdogan sich auf keinen Fall auf ein Syrien-Abenteuer einlassen. Dies hat er schon mehrmals klargemacht - zuletzt bei seiner Forderung nach einer US-Flugverbotszone: Eine härtere Linie gegenüber Damaskus, ja, aber nur im Windschatten amerikanischer oder europäischer Führung. Ankaras scharfe Rhetorik soll vor allem das heimische Publikum besänftigen.

"Wir werden die notwendige Antwort geben", sagte Erdogan am Montag auf die Frage nach der türkischen Reaktion auf die Bomben. "Wir werden sie zur notwendigen Zeit geben." Damit könnte es am Donnerstag so weit sein - wenn Erdogan nach dem Treffen mit Obama weiß, ob und inwiefern er mit Rückendeckung rechnen kann.

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