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03. November 2010, 06:35 Uhr

Erfolg für US-Republikaner

Wahl der Wut

Von , New York

Amerika ist demoralisiert, gespalten, zornig - diese Stimmungslage hat den Republikanern zum Triumph im Repräsentantenhaus verholfen. Die Rechtsdissidenten von der Tea Party trumpfen auf, ziehen zu Dutzenden in den Kongress ein. Nun müssen sie zeigen, dass sie mehr können als "nein" sagen.

Schon das erste Ergebnis, der erste Sieg, nimmt den Rest der Nacht vorweg. Am späten Abend tritt im Bundesstaat Kentucky der Tea-Party-Darling und baldige Senator Rand Paul auf die Bühne, umjubelt von seinen Fans. "Ich habe eine Botschaft", ruft er. "Eine Botschaft, die laut und deutlich ist: Wir sind gekommen, um die Regierung zurückzuerobern!" Der Saal tobt.

Paul, 47, ist Augenarzt. Dies ist sein allererster Ausflug in die Welt der Politik. Der Sohn des schrulligen Ex-Präsidentschaftskandidaten Ron Paul bezeichnet Amerika als "einzigartig" und sich selbst als "verfassungskonservativ". Er hat kuriose Ansichten zur Rassenfrage, lehnt die Abtreibung ab, misstraut der Zentralbank, hasst Defizite, propagiert Waffenbesitz, will das Gefangenenlager in Guantanamo Bay in Betrieb halten und das US-Bildungsministerium abschaffen.

Und jetzt will er im US-Senat die Tea-Party-Fraktion innerhalb der Republikanischen Partei anführen - die erste in der Geschichte.

Es waren Anhänger Pauls, die im Oktober eine demokratische Aktivistin zu Boden gerissen und ihr auf dem Kopf herumgetrampelt hatten. Die Frau erlitt eine Gehirnerschütterung. Paul bedauerte den Zwischenfall - und verniedlichte ihn dann als "Leidenschaft" seiner Mannen.

Pauls Wahltriumph zeigt exemplarisch, was gerade in Amerika geschieht. Nur zwei Jahre nach Barack Obamas Hoffnungssieg ist die Nation demoralisiert, gespalten, zornig. Nun haben die Zornigsten laut aufgeschrien und sich einen Platz am Tisch der Macht verschafft. Die Kongresswahl 2010 wird als Wahl der Wut in die Geschichte eingehen.

Wie erwartet haben die Republikaner - die großen Verlierer von 2008 - abgeräumt in dieser wohl am heißesten umkämpften Midterm-Wahl seit Generationen. Sie holten sich die Mehrheit im US-Repräsentantenhaus zurück, im Senat kamen die Demokraten dagegen mit einem blauen Auge davon und behielten die knappe Mehrheit.

Querbeet setzten sich prominente Tea-Party-Favoriten durch. Marc Rubio in Florida. Dan Coats in Indiana. Nikki Haley in South Carolina.

Sie alle bemühten prompt große Worte. Sprachen von "Gottes Hand", von "Rache" für Washington, von der neuen Macht des kleinen Mannes. "Das Volk hat gesprochen!", rief Kelly Ayotte, die von Tea-Party-Mäzenin Sarah Palin protegierte Senatssiegerin in New Hampshire.

Amtsinhaber verlieren massenhaft ihre Macht

In der Tat ist dies zuallererst eine Abstrafung Barack Obamas. Die Mehrheit sah die Wahl als Referendum über den Präsidenten, als Protest gegen die eskalierende Staatsverschuldung und die Mega-Milliarden-Rettungspakete für die Wirtschaft. Manche Demokraten hatten sich deshalb schon früh vom Präsidenten abgesetzt wie Bobby Bright in Alabama und Gene Taylor in Mississippi. Beide Herren verloren trotzdem.

Andere nahmen Obamas Wahlkampfhilfe in Anspruch - und unterlagen ebenfalls. Etwa Blanche Lincoln, die langjährige Senatorin aus Arkansas: Die moderate Demokratin hatte sich nur widerwillig zu Obamas Gesundheitsreform durchgerungen, nun wurde sie haushoch geschlagen - vom Abgeordneten John Boozman, einem erklärten Reformgegner.

Die Republikaner verstanden es, die Wählerwut gegen Obama zu bündeln. Das Ziel hatte Mitch McConnell vorgegeben, der Chef-Republikaner im Senat: "Dass Präsident Obama ein Präsident von einer Amtszeit ist".

"Wir haben es auf Obamas Weise probiert", sagte John Boehner, seit 2007 Fraktionschef der Republikaner und jetzt Sprecher des Repräsentantenhauses. "Wir haben es auf Washingtons Weise versucht. Es hat nicht funktioniert. Es ist Zeit, dass das Volk wieder das Sagen hat." Dass Boehner selbst seit 20 Jahren im Kongress sitzt, also der Ausbund des verhassten Washington-Establishments ist, das ist nur eines der vielen Paradoxe dieser Wahl.

Ein weiteres: Dies war eine Wahl, in der die Wähler reflexartig auf die Wirtschaftskrise und die hohe Arbeitslosigkeit reagierten - indem sie jetzt ausgerechnet derjenigen Partei zur Renaissance verhalfen, die bis Ende 2008 über den Absturz in die große Krise präsidiert hatte.

Bei so etwas sind die Amerikaner unsentimental. Die Rezession hat Obama nur geerbt - doch die Folgen sind heute längst sein eigenes Problem. Für die Herrschenden kann das tödlich sein. Vor allem in einer Gesellschaft, die politische Geduld nicht gerade zu ihren Tugenden zählt.

Längst ist da vergessen, dass Obama den Kollaps der gesamten Finanzbranche abwendete. Viele Amerikaner verstehen heute nicht mal mehr, warum der bösen Wall Street überhaupt geholfen wurde. Dann kam der Streit um die Gesundheitsreform - mit dem Obama das Schicksal seiner Parteifreunde besiegelte.

Und so ist die Liste der Amtsinhaber, deren Karriere in dieser Nacht endet, lang. Tom Perriello in Virginia, den Obama vorige Woche noch mit einem Wahlkampfauftritt unterstützt hatte. John Spratt in South Carolina, seit 1983 im Kongress. Jim Marshall in Georgia, obwohl der sich dezidiert von Nancy Pelosi distanziert hatte, der nunmehr entthronten Sprecherin des Repräsentantenhauses. Russ Feingold in Wisconsin, seit 1993 einer der unabhängigsten Köpfe im Senat.

Kalifornien zeigt: Geld allein siegt nicht

Aber die Demokraten hatten auch Lichtblicke. In Connecticut setzte sich Dick Blumenthal, seit 1991 dort Generalstaatsanwalt, gegen die Wrestling-Queen Linda McMahon durch. In New York wurden die Senatoren Chuck Schumer und Kirsten Gillibrand wiedergewählt, während Andrew Cuomo den Tea-Party-Poltergeist Carl Paladino vertrieb und sich das Gouverneursamt sicherte, das einst sein Vater innehatte.

In Massachusetts konnte sich Barney Frank retten, verlor aber sein mächtiges Amt als Chef des Bankenausschusses. In Ohio hielt sich der Gouverneur Ted Strickland, wenn auch nur mit Mühen. Ein symbolischer Sieg: Obama war ihm noch am Sonntag helfend zur Seite geeilt.

In Kalifornien gab es einen demokratischen Doppelsieg. Senatorin Barbara Boxer überlebte und half ihrer Partei so, die Senatsmehrheit zu halten. Jerry Brown, Gouverneur von 1975 bis 1983, wurde nochmals Gouverneur. Beide besiegten millionenschwere Gegnerinnen aus der Wirtschaft: Carly Fiorina, die Ex-Chefin von Hewlett-Packard, und Meg Whitman, die Ex-Chefin von Ebay. Whitman hatte 175 Millionen Dollar aus eigener Tasche für den Wahlkampf ausgegeben. Die Moral: Geld allein siegt nicht.

Und in Nevada, in einem der spannendsten Rennen der Nacht, schlug Harry Reid, der eherne Senatsführer, die Tea-Party-Herausforderin Sharron Angle. Die 61-Jährige hatte sich im Wahlkampf mit kruden, von manchen sogar als rassistisch kritisierten Äußerungen profiliert.

Dennoch blieb dies die Nacht der Tea Party. Vor einem Jahr noch verlacht, verhöhnt und verkannt, unterstützte die lose Bewegung mehr als 130 Kandidaten im Rennen. Dutzende schafften nun den Sprung in den Kongress.

Diese Dissidenten haben sich als mächtiger entpuppt, als es selbst die Republikaner erwartet hatten. Vor allem bewies diese Wahl, dass die Tea Party mehr ist als eine Verschwörung aus Verrückten, Clowns, Rassisten, Waffennarren und Schwulenhassern.

Zwar traten all diese Tendenzen im Wahlkampf krass zu Tage und machten viele Schlagzeilen. Doch die schlimmsten Klamauk-Kandidaten scheiterten: Christine O'Donnell in Delaware ("Ich bin keine Hexe") schaffte es ebenso wenig wie Angle in Nevada und McMahon in Connecticut.

Stattdessen ziehen, neben Novizen wie Rand Paul, eine Reihe relativ etablierte Politiker unter dem Banner der Tea Party nach Washington. Dan Coats war schon mal Senator und später US-Botschafter in Berlin. Todd Rokita ist Innenminister von Indiana. Mark Kirk, der sich Obamas früheren Senatssitz in Illinois sicherte, sitzt seit zehn Jahren im US- Repräsentantenhaus, Marco Rubio seit 2000 im Parlament von Florida. Das sind keine Laien.

Sie müssen nun zeigen, dass sie mehr können als nur "nein" sagen. Wut kann Wahlen gewinnen. Regieren lässt sich damit aber nicht.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde John Boehner irrtümlich als ehemaliger Sprecher des Repräsentantenhauses bezeichnet - er war Fraktionschef der Republikaner. Außerdem hieß es, die Demokraten hätten im Senat erst jetzt die Mehrheit von 60 Stimmen verloren. Tatsächlich war diese Mehrheit schon im Frühjahr verlorengegangen, als ein Nachfolger für den verstorbenen Ted Kennedy gewählt wurde. Wir bitten, die Fehler zu entschuldigen.

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