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10. März 2011, 07:50 Uhr

Erschossene Frau

Afghanischer Polizeichef klagt Bundeswehr an

Ein Distriktchef der afghanischen Polizei erhebt schwere Vorwürfe: Deutsche Soldaten sollen auf Patrouille eine Frau erschossen und eine weitere verletzt haben. Nun untersuchen Bundeswehrexperten den Fall.

Kunduz - Die Polizei in Chahar Darreh ist überzeugt, dass die Bundeswehr für den Tod der 35-jährigen Afghanin verantwortlich ist. Der Polizeichef des Distrikts, Gulam Mahidin, berichtet, deutsche Soldaten hätten auf Patrouille das Feuer eröffnet. In der Folge sei die Frau namens Jamila erschossen und eine weitere, 25-Jährige, verletzt worden. Wie viele Afghanen in der Region trug Jamila nur einen Namen.

Die deutschen Soldaten hätten einen Fehler gemacht, so der Polizeichef.

In seiner Schilderung stellt sich der Hergang so dar: Jamila sei aus ihrem Haus gekommen, als sie Schüsse gehört habe. "Die junge Frau wollte ihren Sohn in Sicherheit bringen", sagt Polizeichef Mahidin, "direkt vor dem Haus wurde sie von einer Kugel in den Kopf getroffen".

Mahidin weiter: "Wir gehen nicht davon aus, dass die Deutschen die Frau mit Absicht getötet haben. Dass sie in die Feuerlinie kam, war ein großes Unglück."

Auch der Ehemann der getöteten Frau erhob Vorwürfe gegen die Bundeswehr. "Wir sind harmlose Bauern", sagte Helaluddin, "doch nun werden wir bei der Arbeit von den Deutschen erschossen".

Soldaten sollen sich entschuldigt haben

Er beschrieb, dass sein ganzes Dorf nach den Schüssen verängstigt sei. Helaluddin bestätigte in einem Telefon-Interview mit SPIEGEL ONLINE, dass seine Frau Jamila durch einen Kopfschuss getötet wurde. Demnach sei sie gerade auf dem Rückweg vom Hof des Hauses gewesen als sie eine Kugel in den Hinterkopf traf. Die deutschen Soldaten hätten sich nach dem Vorfall bei ihm entschuldigt, allerdings keine Wiedergutmachung angeboten.

Ein Bundeswehrsprecher sagte, der Fall werde untersucht: "Es wird mit Hochdruck daran gearbeitet." Es sei aber noch keinesfalls erwiesen, dass die Zivilistin von deutschen Soldaten erschossen worden sei. Bisher wird lediglich bestätigt, dass Soldaten am Donnerstagvormittag Feuer erwidert hätten.

Die Bundeswehr-Soldaten seien kurz vor dem Polizeiquartier in Chahar Darreh mit einer Panzerfaustgranate und mit Kalaschnikows beschossen worden, sagte ein Armee-Sprecher in Kunduz SPIEGEL ONLINE. Die Granate explodierte demnach zwischen zwei Bundeswehrfahrzeugen und richtete daher keinen Schaden an. Ein Fahrzeug sei aber von mehreren Kugeln getroffen worden. Es sei noch unklar, wodurch die Frau gestorben sei. Sie sei den Soldaten später, bei einer zweiten Patrouille rund 1400 Meter vom Angriffsort entfernt, mit einer Kopfverletzung übergeben worden.

Es gebe "noch Ungereimtheiten" wie die Tatsache, dass die Frau Kopfverletzungen aufweise, die aber nicht von Schüssen stammten.

Sie sei sofort von einer deutschen Ärztin behandelt und dann ins Feldlazarett im Camp gebracht worden, sagte der Armeesprecher. Dort sei sie an ihrer schweren Verletzung gestorben. Die zweite Frau sei mit einer leichten Splitterverletzung am Fuß selbstständig ins Krankenhaus in Kunduz gekommen. Bei ihr liege der Verdacht nahe, dass die Verletzung bei dem Feuergefecht verursacht worden sei.

In der Provinzhauptstadt Kunduz betreibt die für Afghanistans Norden zuständige Bundeswehr ein Feldlager mit rund 1400 Soldaten.

sef/kaz/mgb/dpa

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