Erster Auftritt von Obama/Biden Demokraten-Duo erklärt McCain den Kampf

Jetzt ist er im Rennen, und er ist aggressiv. Beim ersten Auftritt mit Präsidentschaftsbewerber Obama profilierte sich der gerade gekürte Vize-Kandidat Joe Biden als Kämpfer. Sein alter Freund und republikanischer Rivale McCain wolle nur die katastrophale Ära Bush verlängern, giftete er - und pries "Barack Amerika".


"Lassen Sie mich den nächsten Präsidenten ..." - Barack Obama korrigiert sich - "... den nächsten Vizepräsidenten der USA vorstellen!" Aus den Lautsprechern dröhnt plötzlich "The Rising" von Bruce Springsteen, dem alten Held der von Obama so verzweifelt umworbenen US-Arbeiterklasse, und dann joggt der Rising Star des Tages federnd hin zu Barack Obama.

Joe Biden, 65, Sohn eines Autoverkäufers, Senator für den Staat Delaware seit 35 Jahren, betritt die ganz große Bühne dieses US-Wahlkampfes 2008.

Obama, Biden: "Keine vier Jahre Bush und McCain mehr ertragen"
REUTERS

Obama, Biden: "Keine vier Jahre Bush und McCain mehr ertragen"

Vor dem alten Kapitol in Springfield, Illinois, am gleichen Ort, an dem Obama 2007 seine Bewerbung im Rennen ums Weiße Haus verkündet hat, wird Biden an diesem Abend offiziell als sein Vize-Kandidat präsentiert. Beide fassen sich an die Schulter, wenden sich ihrem Publikum zu, lassen sich bejubeln in ihren weißen hochgekrempelten Hemden bei 32 Grad Hitze.

Obama macht einen Schritt zurück, Biden spricht - und korrigiert en passant erst mal den Fauxpas einige Minuten zuvor: "Ich bin stolz, hier neben dem nächsten Präsidenten der USA zu stehen", sagt er und weist auf Obama. Der sitzt einen guten Meter hinter ihm und hört nun zu, was sein neuer politischer Partner zu sagen hat.

Alle großen Sender des Landes zeigen diese Szene, viele Millionen US-Bürger verfolgen an ihren Fernsehern den Auftritt dieses weißhaarigen Mannes, den viele bisher höchstens als außenpolitisches Schlachtross der Demokraten kennen.

Sie wollen nach der lange erwarteten dürren Verkündung der Vize-Personalie endlich wissen, wie sich Biden bei dem Auftritt schlagen wird. Wie er mit Obama harmoniert. Wie aggressiv er mit dem republikanischen Rivalen John McCain umgehen wird - was vermutlich sein Hauptjob in den zwei Monaten bis zur Wahl sein wird, damit sich Obama präsidial aus den schmutzigeren Untiefen des Wahlkampfes zurückziehen kann.

Biden macht schnell klar, dass er diese Aufgabe anzunehmen gedenkt.

Er geißelt die Regierung von Amtsinhaber George W. Bush als verfehlt, genauer: "von Bush und McCain", er wirft beide immer wieder zusammen. Nie sei es in seiner langen Karriere in Washington so schlecht um die Politik in der Hauptstadt bestellt gewesen, "aber es gibt gute Neuigkeiten - wir müssen keine vier Jahre Bush und McCain mehr ertragen."

Biden sagt, er kenne und schätze McCain seit 30 Jahren, doch dieser habe Bushs Politik "zu 95 Prozent" unterstützt. McCain könne die USA nicht vorwärtsbringen, weil er Bushs Politik fortsetzen wolle.

Obama dagegen, "Barack Amerika", wie er ihn einmal nennt, habe die Vision und die Kraft, das Land zu verändern.

Diese Sätze sind auch eine Antwort auf einen Video-Spot, den die Republikaner unmittelbar nach Bidens Kür veröffentlicht haben. Darin zitieren sie Bidens Kritik an Obamas Erfahrung im Vorwahlkampf, als er noch selbst Präsidentschaftskandidat war, und sie zitieren Bidens Lob für McCain in einer Fernsehshow (siehe Video).

Fürs Pflegen derlei alter politischer Freundschaften sieht Biden nun keine Chance mehr - er erhebt seine Kandidatur mit Obama zur historischen Weichenstellung zwischen Demokraten und Republikanern: "Das ist keine gewöhnliche Zeit, das ist keine gewöhnliche Wahl." Diese Zeit erfordere "mehr als einen guten Soldaten, sie erfordert einen weisen Anführer", und Obama sei ein "klarsichtiger Pragmatiker, der den Job erledigen wird".

Bidens Schlussruf: "Es ist unsere Zeit!" Jubel brandet auf.

Obama hat seine Entscheidung für Biden vorher ausführlich begründet, eine Viertelstunde lang. Er sei "ein Anführer, der in der Lage ist, einzuspringen und Präsident zu sein". Die USA benötigten nach acht Jahren der gescheiterten Politik von Amtsinhaber George W. Bush eine neue Politik.

Biden sei dessen Kritiker gewesen - und in vielen außenpolitischen Fragen ein wirklicher Staatsmann mit starker Urteilskraft. Dass er ein Washington-Insider ist, ein Profi im politischen Getriebe der USA, woran viele Anstoß nehmen könnten angesichts Obamas Botschaft vom Change, von Wandel und Veränderung - das lässt der Kandidat nicht gelten: Biden habe "Change nach Washington gebracht, aber Washington hat ihn nicht verändert". Eine rare Mischung sei das. "Er ist ein Experte für Außenpolitik, dessen Herz und Werte fest in der Mittelklasse verankert sind."

Da ist es wieder, das Motiv dieser Nominierung: Obama, der Akzeptanzprobleme bei einfachen weißen US-Bürgern hat, dem Mängel in der Außenpolitik vorgeworfen werden, er braucht jemanden, der diese Schwächen glaubhaft ausgleicht.

Die Kür des Vize-Kandidaten nur darauf zu stützen, ist Obama dann aber doch zu wenig. Es folgt eine Würdigung von Bidens mehrfach gebrochenem Lebenslauf, der ihn zu einem Mann von Charakter, Stärke und Durchsetzungskraft gemacht habe. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, habe er sein Stottern als Kind besiegt, den Unfalltod von Frau und Kind überwunden, seine zwei Söhne zunächst allein großgezogen, in den achtziger Jahren einen lebensbedrohlichen Gehirntumor überstanden: "Das ist der Kämpfer, den ich an meiner Seite haben will!"

Nach dem Auftritt der beiden eilen die Frauen der Kandidaten auf die Bühne. Michelle Obama herzt Joe Biden, Jill Biden Barack Obama.

Dann umarmen sich alle, und die beiden Kandidaten brechen ins Publikum auf, zu ihren Tausenden Fans vor dem Kapitol in Springfield, um Autogramme zu geben. Sie tauchen ab ins Meer der gerade gedruckten "Obama Biden 2008"-Plakate.

plö/dpa/AP/Reuters/AFP



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