TV-Duell zwischen Weber und Timmermans Noch mal ohne blaues Auge davongekommen

Manfred Weber und Frans Timmermans, die Topanwärter auf den Posten des nächsten EU-Kommissionschefs, haben sich das erste TV-Duell geliefert. Zu sehen gab es klare Unterschiede in Sachen Stil - und einen Sieger nach Punkten.
Spitzenkandidaten Timmermans (l.), Weber, Moderatorin Nicholson

Spitzenkandidaten Timmermans (l.), Weber, Moderatorin Nicholson

Foto: Elyxandro Cegarra

Da schreiben Parteien Hunderte Seiten lange Wahlprogramme, die Kandidaten reiben sich jahrelang in Sachpolitik auf - und am Ende entscheiden wenige Momente in einem TV-Duell die Wahl. Geschehen ist das schon oft, und entsprechend hoch ist der Einsatz für die Teilnehmer.

Allerdings: Das erste Aufeinandertreffen von Frans Timmermans und Manfred Weber vor Fernsehkameras beginnt mit Geplänkel. Was sie denn zum Brand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame zu sagen hätten, will Catherine Nicholson, Moderatorin des französischen Senders France 24, wissen. Zurück kommt unter anderem ein Lob für die europaweite Solidarität (Timmermans) und ein Glückwunsch an die Feuerwehr (Weber). "Ich werde Sie von jetzt an bitten, zu streiten", sagt Nicholson.

Doch Streit will auch beim ersten Sachthema nicht so recht aufkommen: dem Brexit. Wenn die EU dabei durch eines aufgefallen ist, dann durch ihre verblüffende Geschlossenheit, und so geben sich auch der bayerische CSU-Mann Weber und der niederländische Sozialdemokrat Timmermans.

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Letzterer geißelt die britische Tory-Partei für ihr "unglaublich verantwortungsloses" Verhalten: Der Brexit sei für die Menschen in Großbritannien nie ein Topthema gewesen - bis der frühere Premier David Cameron einen parteiinternen Konflikt mit dem Referendum befrieden wollte. "Jetzt ist das Volk vollkommen gespalten, selbst in Familien redet man nicht mehr miteinander", so Timmermans. "Das passiert, wenn man konfrontative Politik verfolgt." Auch für Weber lautet die "wichtigste Botschaft" des Brexit: "Folgt nicht den Populisten!" Man müsse die EU reformieren und stärken, nicht aber zerstören.

Runde eins, so scheint es, endet unentschieden. Mehr als ein erstes Abtasten war das nicht.

Weber: Mehr "Illegale" nach Afrika zurückschicken

In Runde zwei laufen sich die Kontrahenten langsam warm, es geht jetzt um Migration. Weber zerknirscht: Ja, die Menschen seien zu Recht unzufrieden. "Wir haben das nicht vollständig gelöst", sagt der Bayer, und landet damit schon jetzt die Untertreibung des Abends. Dann spult er das bekannte Programm der Konservativen ab: Man brauche eine strenge Grenzkontrolle, ein menschenwürdiges Programm zur Umverteilung von Neuankömmlingen und einen "Marshall-Plan für Afrika". Das sei nicht weniger als "das Topthema für den nächsten Anführer der Europäischen Union".

Timmermans, zunächst konziliant: "Im Großen und Ganzen stimme ich den Elementen zu, die Manfred vorgelegt hat." Nur eines sei noch gefährlicher für die Zukunft der EU als die Migrationskrise selbst: die "Identitätspolitik der extremen und radikalen Rechten", welche die Europäer gegeneinander aufbringe.

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Weber scheint zu ahnen, was danach kommt, und sucht sein Heil in der Offensive: "Wir haben viele Illegale, die keine Flüchtlinge sind." Wer kein Recht habe, in der EU zu bleiben, sollte schnellstens in die Heimat zurückgeschickt werden. Nur seien die Sozialdemokraten im EU-Parlament "nicht bereit, unseren Ansatz zur Rückführung von Illegalen nach Afrika zu verstärken".

"Es gibt da einen Unterschied zwischen uns"

Timmermans visiert den Schwachpunkt in Webers Deckung an. Man brauche auch Solidarität in der EU. "Da können wir einzelne Staaten nicht sagen lassen, dass sie einfach nicht mitmachen." Gemeint ist vor allem Ungarn, dessen Ministerpräsident Viktor Orbán sich seit Jahren weigert, Flüchtlinge und Migranten aus anderen EU-Staaten aufzunehmen. Und Orbáns Fidesz-Partei ist ebenso wie Webers CSU Mitglied der Europäischen Volkspartei. Orbán verbreite den Eindruck, "dass jeder Fremde eine Bedrohung der Kultur ist". Weber gibt zurück, dass auch einige von Europas Sozialdemokraten nicht akzeptierten, "dass eine Person zuallererst ein menschliches Wesen ist".

Damit endet auch Runde zwei mit einem Unentschieden: Die Attacken haben weniger den jeweiligen Gegner als seine Betreuer getroffen.

Doch in der nächsten Runde geht es erst richtig los mit dem Thema Populismus, denn Timmermans setzt nach: "Es gibt da einen Unterschied zwischen uns." Da ist das halbstündige Duell bereits zur Hälfte vorbei, aber immerhin. "Ich schließe es kategorisch aus, mit der extremen Rechten zusammenzuarbeiten", sagt der Niederländer. In Webers EVP geschehe genau das. Österreichs Kanzler Sebastian Kurz etwa koaliere mit der FPÖ, "einer rechtsextremen Partei". Und die habe jetzt auch noch eine Debatte über ihre Verbindungen zur Identitären Bewegung Österreichs am Hals. "Unglaublich, dass so etwas in der Regierung sitzt."

Weber fühlt sich offenbar unter der Gürtellinie getroffen. "Inakzeptabel" seien diese Vorwürfe. "Wir sind die Gründungspartei Europas", die Partei von Adenauer, Kohl und de Gasperi. "Es ist unser Europa, und wir werden es beschützen." Timmermans kontert süffisant: "Ich glaube, es ist das Europa des Volkes und nicht das Europa politischer Parteien."

Das sitzt. Wirkungstreffer für Timmermans.

Timmermans will Ehrgeiz, Weber warnt vor falschen Erwartungen

Weber ist von nun an leicht in der Defensive. Es macht sich auch zunehmend bemerkbar, dass Timmermans der geschmeidigere Redner ist, der zudem sieben Sprachen fließend beherrscht - bei einem auf Englisch geführten TV-Duell kein kleiner Vorteil. Auf die Frage, warum viele EU-Bürger unzufrieden seien mit dem, was die EU für ihre Lebensverhältnisse tue, geht Weber in Verteidigungsstellung: Sicher, es gebe harte Einzelfälle, aber im Allgemeinen sei die EU eine "Maschinerie, die gleiche Lebensstandards schafft".

TV-Duell zwischen Timmermans und Weber: "Es gibt da einen Unterschied zwischen uns"

TV-Duell zwischen Timmermans und Weber: "Es gibt da einen Unterschied zwischen uns"

Foto: Elyxandro Cegarra

Timmermans aber meint: "Die Realität ist für viele Europäer trostlos." 15 Prozent der Jugend arbeitslos, mancherorts gar 30 Prozent. Eines von vier Kindern wachse in Armut auf - "in Europa, dem reichsten Kontinent der Welt!" Der Unterschied zwischen Arm und Reich wachse in jedem Mitgliedsland. "Das müssen wir ändern", sagt Timmermans. "Sonst werden sich alle den Nationalisten zuwenden."

Weber warnt, unerfüllbare Erwartungen zu wecken. Für Renten, Gesundheits- oder Steuersysteme sei die EU nicht zuständig, sondern die Mitgliedstaaten. Timmermans kann das nicht stoppen, er ist jetzt in Schwung: "Ich bin wirklich anderer Meinung als Manfred." Wo er auch hinkomme, sprächen ihn die Menschen auf Arbeitslosigkeit oder hohe Wohnungsmieten an - und was Europa tun werde. "Ich werde ihnen nicht sagen, dass das nicht unser Problem ist", sagt Timmermans. Vielleicht werde die EU nicht alles zurechtbiegen können. "Aber wir sollten den Ehrgeiz dazu haben." Und schon jetzt könne die EU vieles tun.

"Aber nicht bei den Steuern oder Gehältern", wendet Weber ein. Das seien nationale Fragen. Jetzt ist es Timmermans, der das "inakzeptabel" findet. "Die Mitgliedsländer sind unfähig, multinationale Konzerne zu besteuern." Deshalb müsse die EU ran.

Diese Runde scheint ebenfalls an Timmermans zu gehen.

In diesem Stil kommt er auch beim letzten Thema zu einem Sieg nach Punkten: Handel und Verteidigung. Weber erklärt, die EU sollte in der Außenpolitik künftig nicht mehr einstimmig, sondern per Mehrheit entscheiden. Und die Idee der Gründungsväter der EU, mit Hilfe einer europäischen Armee den Krieg für immer vom Kontinent zu verbannen, sei nach wie vor "faszinierend". Beim Handel wiederum könnte man davon profitieren, dass die USA nicht nur gegenüber der EU, sondern auch vielen anderen Staaten aggressiv aufträten. "Die Welt sucht nach Alternativen zum amerikanischen Markt", so Weber.

Timmermans sagt es simpler: "Wenn wir als Europäer geeint sind, sind wir stärker als die Amerikaner. Wenn wir gespalten sind, sind wir schwächer. So einfach ist das."

Weniger einfach dürfte es dagegen für Timmermans werden, Weber bei der Europawahl im Mai zu besiegen. Denn dessen EVP wird laut Umfragen mit hoher Wahrscheinlichkeit erneut stärkste Kraft im EU-Parlament werden. Um das zu ändern, bräuchte der Niederländer im nächsten TV-Duell wohl einen K.-o.-Sieg.

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