Eskalation am Golf Wer half Jemens Rebellen beim Angriff auf das Öl der Saudis?

Nach dem Angriff auf die weltweit größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien droht der Konflikt zwischen den USA und Iran zu eskalieren. Was steckt hinter dem Anschlag - und welche Rolle spielen Jemens Rebellen?

Reza / Getty Images

Von und Mohammed al-Kibsi


Wer den Herrschern in Saudi-Arabien schaden will, attackiert ihre wichtigste Einnahmequelle: das Öl.

Der Drohnenangriff gegen die wichtigste Ölfabrik im Osten des Landes, Abkaik, und das Ölfeld Khurais sind deshalb weit mehr als nur ein überraschender militärischer Erfolg. Die Attentäter demonstrierten vor aller Welt die überraschende Verwundbarkeit des weltweit größten Ölexporteurs und wichtigsten Alliierten der USA am Golf: Saudi-Arabien muss seine Tagesproduktion vorübergehend auf die Hälfte drosseln, von zehn Millionen Barrel pro Tag auf fünf. Das sind fünf Prozent des weltweiten Ölverbrauchs.

Sechs Stunden nach dem Angriff bekannten sich die schiitischen Huthi-Rebellen im Jemen zu dem Anschlag. Ein Sprecher kündigte dem saudischen Regime kurz darauf weitere "umfassendere und schmerzhaftere Operationen" an, sollte die saudi-arabische "Aggression und Belagerung" im Jemen fortgesetzt werden.

Aber wie kamen die Huthi-Rebellen an diese Technologie, die es ihnen ermöglicht, so effektiv auf so große Entfernung zuzuschlagen? Und von welcher Basis starteten die angeblich zehn bewaffneten Drohnen, bevor ihre explosive Ladung auf die Raffinerie und das Ölfeld niederging? Die jemenitische Grenze ist 1000 Kilometer vom Ort des Anschlags entfernt.

Die Attacken, heißt es in Washington, seien aus dem Norden und Nordwesten gekommen, was auf einen Angriff nicht aus dem Jemen, sondern aus Iran oder dem Irak hindeute. Auf US-Satellitenfotos waren mindestens 17 Einschlagstellen zu sehen.

US-Außenminister Mike Pompeo beschuldigte sogleich Iran, hinter dem "beispiellosen Angriff auf die Energieversorgung der Welt" zu stehen. Konkrete Belege für diese Behauptung nannte er nicht, außer jenen Hinweis, dass "nicht bewiesen sei, dass der Angriff aus Jemen" kam. Der republikanische Senator Lindsey Graham rief bereits dazu auf, "iranische Ölraffinerien anzugreifen". US-Beamte berichteten außerdem, Präsident Donald Trump sei bereit, "militärische Maßnahmen" zu ergreifen. Eine Eskalation scheint unausweichlich.

Iran allerdings wehrt sich heftig gegen die Anschuldigungen. Nur weil Pompeos Strategie des "maximalen Drucks" gegen Teheran versage, versuche er es jetzt mit "maximaler Täuschung", schrieb Außenminister Mohammad Javad Zarif auf Twitter. Die USA und ihre "Kunden", gemeint sind die Saudis, steckten gemeinsam im Jemen fest, teilte der Politiker weiter mit. Es helfe daher wenig, für die "Katastrophe" Teheran verantwortlich zu machen.

Qualm über der brennenden Aramco-Raffinerie
Stringer/REUTERS

Qualm über der brennenden Aramco-Raffinerie

Jubel im Jemen über den Angriff

In Sanaa feierten die Jemeniten dagegen ihren Erfolg über die geschlagenen Saudi-Araber. Der gelungene Anschlag sei Stadtgespräch Nummer eins, berichtete ein Supermarktbesitzer dem SPIEGEL.

Ein jemenitischer Twitter-User schrieb, er habe noch "rasch seinen Tank gefüllt", bevor die Ölpreise jetzt stiegen. Ein anderer meinte, ob es "bei den kommenden Anschlägen, etwa auf die Raffinerie in Yanbo" nahe der ägyptischen Grenze, dann hoffentlich auch heißen werde, dass die Drohnen aus Ägypten kämen, also aus einem verbündeten Nachbarland?

Insider in Sanaa, die keinem bestimmten Lager angehören, behaupten, die Huthis hätten die Drohnen-Technologie tatsächlich selbst entwickelt, wenn auch mit technischer Hilfe aus Iran und von der Hisbollah. Auch Jemeniten in den USA und in Europa hätten geholfen. Bereits im März 2019 habe ein hochrangiger Huthi-Revolutionär, Mohammed Ali Al-Houthi, in einem Interview mit dem TV-Sender France 24 angekündigt, Anschläge auf Einrichtungen der staatlichen Ölfirma Aramco verüben zu wollen. Dies sei nun offenbar gelungen.

Am Montag drohten die Huthis offen mit Attacken auf Aramco. Die Anlagen seien nach wie vor ein Ziel. Sie könnten jederzeit angegriffen werden. Ausländer sollten das Gebiet verlassen.

Die Kampfdrohnen seien möglicherweise gar nicht aus dem Jemen gestartet, spekuliert ein Sicherheitsanalyst, der seit drei Jahrzehnten in Sanaa arbeitet, seinen Namen aber aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht sehen will. Erstmals hätten die Rebellen von einer "Kooperation mit ehrenwerten und freien Männern innerhalb des Königreichs" gesprochen. Damit wird behauptet, dass die Huthis Helfer innerhalb Saudi-Arabiens hätten, die gemeinsam mit ihnen gegen das Regime von König Salman und dem mächtigen Kronprinzen Mohammed bin Salman kämpfen.

Mohammed bin Salman, der den Krieg im Jemen als Verteidigungsminister selbst vor vier Jahren begonnen hatte, ließ bereits verlauten, er sei "bereit und fähig", auf die Anschläge zu reagieren.

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Frankonia 16.09.2019
1. Es wäre auch denkbar dass Saudi Arabien die USA bitten auf einen
Millitärischen Gegenschlag, vermutlich gegen den Iran, "vorerst" zu verzichten, einfach aus Angst vor den schrecklichen Konsequenzen. Der Grund ist logisch: Würden die USA, nehmen wir an gegen den Iran, losschlagen ist zu vermuten dass der Iran alles daransetzen würde der Saudi Arabischen Ölproduktion und evtl. der ihres Koalitionspartner in Jemen den VA möglichst sofort großen Schaden zuzufügen. Vermutlich wäre es auf lange Sicht das Ende deren Ölproduktion mit verheerenden Konsequenzen in vielerlei Hinsicht. Denn wie man lesen konnte und nun mittlerweile bewiesen ist sind die dortigen Ölanlagen (extrem) sehr leicht verwundbar. Ob die USA wohl von sich aus erwägen vor Aktionen "vorerst" zurückzuschrecken aufgrund der Gefahr eines dann sehr wahrscheinlichen Weltweiten Wirtschaftlichen Kollapses? MfG
mantrid 16.09.2019
2. Wer zündelt da am Pulverfass?
Die V1 war auch eine solche Flugbombe und musste ihr Ziel noch ohne GPS finden. Trotzdem gehört da einiges an technischen Sachverstand dazu, so eine Waffe zu bauen. Eine rein jeminitische Geschichte dürfte das nicht sein. Neben den Kräften, die Saudi-Arabien treffen möchten -wozu so ziemlich alle mehrheitlich schiiitischen Gebiete gehören dürften- , kämen auch alle Kräfte in Frage, die an einer militärischen Auseinandersetzung der USA mit dem Iran interesse haben. Das wären dann alle mehrheitlich sunnitischen Gebiete zuzüglich Israel. Nich zu vergessen sind radikale Gruppen aus Saudi-Arabien selbst, denen das aktuelle Regime zu weltoffen oder zu fundamental sind. Genau genommen kommt jeder in Frage, der nicht dem saudischen Königshaus freundschaftlich verbunden ist, und das sind sehr, sehr viele.
pförtner 16.09.2019
3. Schuldzuweisung
Mir der Schuldzuweisung muss man hier vorsichtig sein, die Lage ist unübersichtlich. Man muss die Auswertung abwarten. Fernaufklärer und Satelliten. Auf jeden Fall dürfte sich die 6. US- Flotte in Daueralarmbereischaft befinden. Vice Admiral Liza M Franchetti wird es schon richten.
kassandra21 16.09.2019
4.
>Aber wie kamen die Huthi-Rebellen an diese Technologie, die es ihnen ermöglicht, so effektiv auf so große Entfernung zuzuschlagen?< Mal den Film "Lord of War" gesehen? Schon etwas älter, aber gut. Genau so kommen jemenitische "Rebellen" an Drohnentechnologie. Mich würde es, wie gesagt, nicht wundern, wenn es amerikanische Drohnen waren, Irgendwer verkauft auch die auf dunklen Kanälen. Bevor wieder unzählige Foristen ihre Verschwörungen mit der wohlfeilen, aber unnützen Pseudo-Frage "Cui bono?" raushauen, stelle ich die einzig vernünftige Frage im Spekulationsraum: "Wie hätte ich es gemacht?" Nun, ich hätte eventuell Drohnen in Einzelteilen nach Saudi-Arabien geschafft, sie dort zusammengebaut und auch aus diesem Land heraus gesteuert. Luftüberwachung ist wie ein Ameisenhaufen oder eine Militärbasis. Ist man erst einmal drin, fällt man nicht mehr auf. Abgesehen davon, daß Drohen explizit auch gebaut sind, um im Radar nicht aufzufallen. Vielleicht hätte ich auch vom Irak aus angegriffen. Immerhin ist das ein Gebiet, das dank amerikanischer Friedensbemühungen jegliche Staatlichkeit vermissen läßt. Dort hätte ich meine Drohnen sogar im Ganzen hinbringen und starten können. Vielleicht hatte der Iran seine Finger im Spiel. Kann sein. Aber ich würde doch im Zweifel eher Pompeos Twitter-Account bombardieren als Teheran. Mr. Pompeo erfährt übrigens im entsprechenden Thread sehr wenig Zusporuch, um es diplomatisch zu sagen.
HH-Hamburger-HH 16.09.2019
5. Gut oder Böse?
Hier fällt es schwer zu unterscheiden, wer hier die Guten und/oder die Bösen sein sollen. Die USA stehen natürlich treu an der Seite des mit ihnen verbündeten wahabitischen Königshauses in Riad und ich befürchte, die deutsche Regierung wird sich über kurz oder lang in gleicher Weise äußern. Tatsache bleibt aber, dass kein Staat in dieser Region auch nur gewisse Mindestandards an Demokratieverständnis aufweist und Menschenrechte dort überall nicht viel zählen. Der Stellvertreterkrieg im Jemen tobt seit vielen Jahren fast unbemerkt von den Augen der westlichen Öffentlichkeit und in bezug auf Saudi Arabien / Iran wäre es wohl ähnlich, ginge es nicht - mal wieder - ums Öl. Der Westen sollte sich allerdings keine zu großen Hoffnungen machen, hier mäßigend auf die eine oder andere Partei einwirken zu können und ein Militärschlag würde lediglich mehr zur Eskalation der Gewalt in Nahost beitragen
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