Eskalation in Nahost Israel attackiert Gaza und Dschenin

Jetzt schlägt Israel zurück. Als Antwort auf die Selbstmordattentate vom Wochenende hat die israelische Armee mit Kampfhubschraubern Ziele im Gaza-Streifen angegriffen. Am Abend wurde auch ein palästinensisches Polizei-Hauptquartier in Dschenin im Westjordanland attackiert.


Gaza: Rauch über dem Hauptquartier von Arafat
REUTERS

Gaza: Rauch über dem Hauptquartier von Arafat

Gaza - Mindestens zwei israelische Kampfflugzeuge haben Augenzeugen zufolge in Dschenin Raketen abgefeuert. Nach palästinensischen Angaben gab es keine Verletzten oder Tote, da das Polizeigebäude schon vor dem Angriff evakuiert worden sei. Auch in Bethlehem soll es eine gewaltige Explosion gegeben haben. Nähere Einzelheiten wurden zunächst nicht bekannt.

Nach palästinensischen Angaben wurden bei den Angriffen in Gaza zahlreiche Menschen verletzt. Es war die erste dramatische Antwort Israels auf die Terroranschläge vom Wochenende, bei denen drei palästinensische Selbstmordattentäter in Jerusalem und Haifa 25 Israelis mit in den Tod gerissen hatten. Bei israelischen Militäraktionen im Gebiet der Stadt Dschenin (Westjordanland) waren in der Nacht bereits fünf Palästinenser getötet worden.

Nach den Raketenangriffen, bei denen auch zwei Hubschrauber Arafats zerstört wurden, hieß es in israelischen Militärkreisen, dass man Arafat durch den Angriff klar machen wolle, "wie ernst die Situation ist". Die israelischen Kampfhubschrauber zerstörten auch eine Tankstelle und ein kleines Munitionslager. Jassir Arafat hielt sich zum Zeitpunkt der Attacke in seinem Hauptquartier in Ramallah (Westjordanland) auf und kann nun nicht mehr auf direktem Weg nach Gaza reisen. Der palästinensische Minister Sajib Erekat verurteilte den israelischen Angriff, der nur neue Gewalt provozieren werde.

Druck auf Arafat wächst

Während die Regierung von Ministerpräsident Ariel Scharon über eine "extrem harte" Reaktion auf die Bluttaten vom Wochenende beriet, setzte die palästinensische Polizei ihre am Vortag begonnenen Verhaftungen mutmaßlicher Extremisten fort. Aus Furcht vor den drohenden israelischen Militärschlägen baten palästinensische Politiker die Regierung Scharon um einen viertägigen Aufschub, um die geplanten "Säuberungsmaßnahmen" gegen die extremen Gruppen Hamas und Islamischer Dschihad fortsetzen zu können. Beobachter sprachen von der größten Verhaftungswelle in den Palästinensergebieten seit 1996.

Auf massiven internationalen Druck hatte Arafat bereits am Sonntag den Ausnahmezustand über die Palästinensergebiete verhängt, Demonstrationen verboten und die Polizei ermächtigt, jeden Zivilisten zu verhaften, der ohne Erlaubnis Waffen trägt. In den Stunden danach wurden nach inoffiziellen Angaben mehr als hundert mutmaßliche Extremisten und potenzielle Terroristen festgenommen. Das Hauptquartier der Hamas bestritt Berichte, wonach der gelähmte geistliche Führer der Organisation, Scheich Ahmed Jassin, unter Hausarrest gestellt worden sei.

Scharon befand sich nach seiner Rückkehr aus Washington am Montag in Marathon-Beratungen mit seinen wichtigsten Ministern, um über die israelische Reaktion auf die Terroranschläge zu entscheiden. Am Abend wollte er sich in einer Fernsehansprache direkt an die Israelis wenden. Ungeachtet der zahlreichen wütenden Reaktionen in Israel rechneten Beobachter nicht damit, dass Israel offen die Zerstörung des politischen Apparats der Palästinenser oder die Entmachtung Arafats plane.

Kein Sturz Arafats

Die führenden israelischen Minister Schimon Peres und Benjamin Ben-Elieser sprachen sich eindeutig gegen einen Sturz Arafats und seiner Autonomiebehörde aus. Nach Medienberichten stellten sie sich während der Sitzung des "Sicherheitskabinetts" am Morgen auch Forderungen entgegen, die Autonomiebehörde offiziell zum Feind Israels oder zur "Terror-Einheit" zu erklären. Mehrere rechtsgerichtete israelische Minister hatten nach den blutigen Anschlägen vom Wochenende die gewaltsame Ablösung Arafats verlangt.

"Wir dürfen die Verbindungen zur palästinensischen Autonomiebehörde nicht zerstören", sagte Verteidigungsminister Ben-Elieser. Er sprach sich für eine "Mischung harter israelischer Militäraktionen mit massivem US-Druck auf Arafat" aus, um eine Waffenruhe zu erzielen. Außenminister Peres sprach von einer "großen Gelegenheit", um eine Waffenruhe mit Arafat zu schließen. Der massive internationale Druck nach den blutigen Anschlägen müsse den Palästinenser-Präsidenten dazu zwingen, den bewaffneten Konflikt zu beenden.



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