Eskalation in Nahost Raketeneinschläge in Haifa - Israel beschießt Flughafen von Beirut
Jerusalem - Die israelische Hafenstadt Haifa wurde nach israelischen Militärangaben vom Libanon aus mit zwei Katjuscha-Raketen angegriffen. Verletzt wurde dabei ersten Angaben zufolge niemand, wie die israelische Polizei am Abend mitteilte. Die Raketen schlugen nicht weit vom Stadtzentrum entfernt ein. Die Bewohner Haifas wurden aufgefordert, sich für den Fall weiterer Angriffe in der Nähe von Bunkern aufzuhalten. Zur Vergeltung griff Israel zum zweiten Mal den Flughafen der libanesischen Hauptstadt Beirut an.
Der israelische Botschafter in Washington, Daniel Ajalon, sprach von einer "bedeutenden Eskalation" des Konflikts. Ajalon drohte den Hisbollah-Unterstützern Iran und Syrien mit Konsequenzen: "Sie spielen mit dem Feuer." Die schiitische Hisbollah-Miliz bestritt jedoch nur kurze Zeit nach den Berichten über die Einschläge, Raketen auf Haifa abgefeuert zu haben. In einem Telefoninterview mit dem arabischen Nachrichtensender al-Dschasira sagte der stellvertretende Hisbollah-Führer Scheich Naim Kassem, die schiitische Miliz werde Haifa attackieren, wenn "Beirut oder seine südlichen Vorstädte angegriffen werden".
Die Hisbollah hatte schon zuvor mit einem Angriff auf Haifa gedroht. Sie reagierte damit auf israelische Luftangriffe auf den Libanon und die Blockade libanesischer Häfen, die Jerusalem als Reaktion auf die Entführung zweier israelischer Soldaten begonnen hatte.
Es wäre das erste Mal, dass vom Libanon abgefeuerte Raketen Haifa erreichten. Bislang galt als unklar, ob die Hisbollah über Raketen mit einer entsprechenden Reichweite verfügt. Insgesamt wurden zuletzt mehr als 80 Raketen aus dem Libanon Richtung Israel abgefeuert. Sie waren jedoch abseits von Haifa gelandet. "Wer Raketen in eine so dicht besiedelte Gegend feuert, wird einen hohen Preis zahlen", zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen hochrangigen Regierungsmitarbeiter.
Berichten zufolge schlugen die Geschosse im Viertel Stella Maris ein, das von zahlreichen christlichen Touristen besucht wird. Haifa ist mit mehr als 250.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Israels. Sie liegt etwa 35 Kilometer von der Grenze zum Libanon entfernt.
Treibstofftanks am Flughafen brennen
Am Abend griff Israel zum zweiten Mal binnen 24 Stunden den Flughafen von Beirut an. Ein Kampfhubschrauber feuerte Maschinengewehrsalven auf Treibstofftanks ab, drei weitere beschossen den Flughafen mit Raketen, wie libanesische Sicherheitskräfte berichteten. Die Treibstofftanks gingen in Flammen auf. Der Flughafen war bereits am Morgen von der israelischen Luftwaffe bombardiert und anschließend geschlossen worden. Es handelt sich um den einzigen internationalen Flughafen im Libanon.
Augenzeugen berichteten, die israelische Armee werfe über der libanesischen Hauptstadt Beirut Flugblätter ab. Darauf würden die Bewohner aufgefordert, sich von Hisbollah-Büros fernzuhalten. Unterzeichnet waren die Flugblätter mit: "Der Staat Israel".
In der Nacht nahmen israelische Kampfflugzeuge die Verkehrsverbindung zwischen Beirut und Damaskus unter Feuer. Einem libanesischen Sprecher zufolge, wurde die Straße an mindestens fünf unterschiedlichen Punkten getroffen. Israel hatte zuvor erklärt, die Armee wolle verhindern, dass ihre Soldaten nach Syrien verschleppt werden. Die Hisbollah reagierte auf die neuen Angriffe mit dem Abschuss von mehr als 80 Raketen.
Verteidigungsminister Amir Perez unterstrich am Donnerstagabend, die Vorgehensweise der Armee sei die einzig richtige Handlungsoption: "Wir haben erwartet, dass die Hisbollah die Spielregeln verletzen wird, und wir beabsichtigen die Zerstörung der Organisation."
Israel hatte heute seine Militär-Offensive gegen den Libanon ausgeweitet. Bei den israelischen Luftangriffen wurden libanesischen Sicherheitskreisen zufolge mindestens 52 Zivilisten getötet, die meisten davon im Südlibanon. Die heftigste Gewalt zwischen den beiden Ländern seit zehn Jahren schürt weltweit die Sorge, der Nahe Osten stehe vor einem weiteren Krieg.
Bush: Israel muss sich verteidigen
Die libanesische Regierung bat am Abend den Uno-Sicherheitsrat, den israelischen Luftangriffen auf ihr Land ein Ende zu setzen. Die Regierung "ruft den Uno-Sicherheitsrat auf, einen umfassenden und sofortigen Beschluss für einen Waffenstillstand zu treffen und die Belagerung des Libanons aufzuheben", erklärte Informationsminister Ghasi Aridi nach einer Krisensitzung des Kabinetts.
Der Weltsicherheitsrat plant für Freitagvormittag (Ortszeit) eine Dringlichkeitssitzung zum Libanon-Konflikt. Die 15 Sicherheitsratsmitglieder wollen in einer offenen Debatte über die jüngste Eskalation der Gewalt im Nahen Osten diskutieren. Auch Vertreter des Libanons und Israels planten an der Debatte teilzunehmen, sagte der französische Uno-Botschafter Jean-Marc de La Sablière.
US-Präsident George W. Bush kommentierte die neuen Angriffe auf Beiruts Flughafen mit den Worten: Israel müsse sich verteidigen. Er betonte jedoch, Israel solle aufpassen, mit seinen Angriffen nicht das libanesische Parlament zu schwächen. Auch Außenministerin Condoleezza Rice sagte am Rande ihres Deutschland-Besuches: "Es ist extrem wichtig, dass Israel bei den Akten der Selbstverteidigung Zurückhaltung übt." Israels Botschafter in den USA antwortete unverzüglich: Der derzeitige Kurs sei der effektivste Weg, die Hisbollah zu stoppen, sagte Ajalon dem Fernsehsender CNN.
Die Vereinigten Staaten legten am Donnerstag ein Veto gegen die Resolution Katars ein, die ein sofortiges Ende der israelischen Militäroffensive im Gaza-Streifen gefordert hatte. Die US-Regierung votierte als einziges der 15 Sicherheitsratsmitglieder gegen den Entwurf. Zehn Ratsmitglieder stimmten dafür, vier weitere enthielten sich. Der Entwurf war mehrfach überarbeitet worden, gefordert wurde in der letzten Version auch die Freilassung des entführten Soldaten und ein Ende der palästinensischen Raketenangriffe auf Israel. Der US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, John Bolton, erklärte jedoch, der Text sei angesichts der Entführung von zwei weiteren israelischen Soldaten durch die libanesische Hisbollah-Miliz überholt.
phw/agö/Reuters/AP/AFP