Eskalation nach Unfall Neue Krawalle in Pariser Vorstädten

Polizisten feuern Tränengas und Gummigeschosse, Randalierer zünden Autos an: In der zweiten Nacht nach dem Unfalltod von zwei Jugendlichen sind in Pariser Vororten erneut Krawalle ausgebrochen. Mindestens 30 Menschen wurden verletzt.


Villiers-le-Bel - Es begann mit einem friedlichen Schweigemarsch im Vorort Villiers-le-Bel. Hunderte Jugendliche und Erwachsene gedachten der beiden jungen Männer, die vor einem Tag bei einem Unfall mit einem Streifenwagen ums Leben gekommen waren. Doch dann entlud sich der Zorn über ihren Tod in Gewalt.

Jugendliche griffen in Villiers-le-Bel etwa 160 Bereitschaftspolizisten mit Feuerwerkskörpern und Wurfgeschossen an. Mülltonnen gingen in Flammen auf. Ein Polizeifahrzeug und neun weitere Autos wurden in Brand gesteckt. Die Sicherheitskräfte schossen mit Tränengas, Schreckschussmunition und Farbpatronen. "Es sieht nach einer langen Nacht aus", sagte Bürgermeister Didier Vaillant. "Wir haben gehört, sie wollen das Rathaus abbrennen", sagte ein Einwohner. "Wir haben Angst um unsere Autos."

Die Unruhen griffen auf weitere Städte des Départements Val d'Oise nördlich von Paris über. In insgesamt vier Vororten kam es bis zum späten Abend zu Ausschreitungen.

Schon in der Nacht auf Montag hatte es Krawalle gegeben - sie schürten Angst vor einer neuen Welle der Vorstadt-Gewalt wie vor zwei Jahren. Bei den Ausschreitungen am späten Sonntagabend wurden mindestens 26 Polizisten und Feuerwehrleute verletzt. Mehrere Autos gingen in Flammen auf, auch Häuser wurden beschädigt. Präsident Nicolas Sarkozy rief daraufhin während seiner China-Reise "jeden auf, sich zu beruhigen". Die Justiz müsse jetzt klären, wer die Verantwortung für den Unfall trage.

Bei der Kollision mit einem Streifenwagen waren zwei Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren getötet wurden. Sie waren Ermittlern zufolge ohne Helme auf einem gestohlenen Motorrad unterwegs, als sie in Villiers-le-Bel dem Polizeifahrzeug die Vorfahrt nahmen. Sowohl zwei Zeugen als auch die Polizisten sähen die Jugendlichen als die Unfallverursacher. Einwohner und Hinterbliebene bezweifeln diese Darstellung. Gegen die am Unfall beteiligten Beamten wird wegen fahrlässiger Tötung sowie wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt.

Bürgermeister Vaillant forderte eine "unparteiische Untersuchung". Der Unfall habe Wut und Zorn in der Bevölkerung hervorgerufen. In Villiers-le-Bel leben 27.000 Menschen, viele sind Einwanderer aus arabischen und afrikanischen Ländern. Die Stadt gilt wie viele andere nördliche Pariser Vororte als heikles Gebiet voller sozialer Spannungen.

2005 hatten sich in Frankreich die schlimmsten Vorstadt-Unruhen seit 40 Jahren am Tod zweier junger Männer entzündet, die sich auf der Flucht vor der Polizei in einer Transformatoranlage versteckt hatten und dort durch einen Stromschlag getötet worden waren. Sarkozy verfolgte damals als Innenminister eine harte Linie gegenüber den Randalierern, was Kritikern zufolge die Stimmung noch zusätzlich anheizte.

reh/Reuters/AP



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