Eskalationstaktik der Nato Bombenhagel auf Gaddafis letzte Bastion

Die Nato fliegt Tag und Nacht Attacken auf Gaddafis Truppen, auch Helikopter kommen zum Einsatz. Die schwersten Angriffe seit Beginn der Intervention in Libyen deuten einen neuen Kurs an: Das Bündnis nimmt im Kampf gegen den Diktator höhere Risiken in Kauf - denn die Zeit drängt.

DPA

Von und


Hamburg/Tripolis/London - Unter normalen Umständen hätte Muammar al-Gaddafi Grund zum Feiern gehabt. Am Dienstag wurde der libysche Diktator 69 Jahre alt. Es war sicher kein Zufall, dass sich die Nato genau diesen Tag aussuchte, um die bisher massivsten Luftangriffe auf die Hauptstadt Tripolis zu fliegen.

Mehr als 60 Attacken lancierte das Bündnis gegen Ziele in der Metropole, nach unbestätigten Angaben libyscher Behörden starben dabei 31 Menschen. Zum Vergleich: Für die vergangene Woche meldet die Nato-Website im Schnitt 50 Luftschläge pro Tag - wohlgemerkt für das ganze Land. Entsprechend stieg auch die Zahl der gemeldeten Treffer stark an. Für den 7. Juni liest sich die Liste der wichtigsten zerstörten Ziele ("Key Hits") im Stadtgebiet von Tripolis so:

  • Fünf Kommando- und Kontrollzentren,
  • ein Fahrzeuglager,
  • zwei Luftabwehrgeschütze,
  • eine Radarstation.

Neun Treffer an einem Tag - das ist ein deutlicher Anstieg gegenüber den drei schweren Treffern im Stadtgebiet in der gesamten vergangenen Woche. Einige besonders heftige Einschläge wurden aus dem Stützpunkt Bab al-Asisija gemeldet, in dem Gaddafis Anwesen liegt. Bilder aus der Anlage zeigen zerstörte Mauern und Tore. Auch ein Zelt auf einer Kamelwiese außerhalb von Tripolis wurde zerbombt - ein BBC-Korrespondent vor Ort spekulierte, ob es sich dabei um einen Aufenthaltsort Gaddafis gehandelt haben könnte.

Knapp drei Monate nach Beginn des Bombardements scheinen die Nato-Verantwortlichen ungeduldig zu werden. Nicht nur die Frequenz der Attacken steigt, ein weiterer Faktor deutet auf eine neue Strategie im Kampf gegen das Gaddafi-Regime hin: Ein beträchtlicher Teil der Bomben und Raketen schlug am helllichten Tag in der Stadt ein. Bisher hatten die Jets meist im Schutz der Nacht angegriffen, um die Gefahr für die Piloten gering zu halten.

Die Angriffe bei Tageslicht sind nicht das einzige neue Risiko, das die Nato eingeht. Am Wochenende kamen zum ersten Mal britische und französische Kampfhubschrauber zum Einsatz - die tief fliegenden Hightech-Maschinen sind vom Boden aus leichter abzuschießen als Flugzeuge. "Apache"-Helikopter der Royal Air Force beschossen zwei Ziele in der ostlibyschen Ölstadt Brega. Gleichzeitig attackierten französische Tiger- und Gazelle-Hubschrauber insgesamt 15 Fahrzeuge und fünf Kommando-Einrichtungen der Gaddafi-Armee. "Wir wenden alle Methoden an, um Gaddafis Kontrolle zu schwächen und die Versorgungswege zu zerstören", sagte der britische Verteidigungsminister Liam Fox.

Ärger über schleppende Entwicklung wächst

Manche Beobachter interpretieren die Intensivierung des Bombardements als Verzweiflungstat der Nato. Tatsächlich wächst in den westlichen Hauptstädten der Frust über die schleppenden Fortschritte. Doch kommt die Eskalation des Einsatzes nicht überraschend. Die führenden Mächte der Libyen-Allianz, Frankreich, Großbritannien und die USA, hatten in den vergangenen Wochen angekündigt, dass sie den Druck auf das libysche Regime weiter erhöhen würden.

"Gaddafi muss gehen und seine Macht an das libysche Volk übergeben, und der Druck wird immer größer, bis er dies tut", hatte US-Präsident Barack Obama zuletzt am Dienstag in der Pressekonferenz mit Angela Merkel in Washington bekräftigt. Es sei nur noch eine "Frage der Zeit", bis Gaddafi gehe. Es gebe einen "unaufhaltsamen Trend" in Libyen: Die Regierungstruppen seien auf dem Rückzug.

Bei Obamas Analyse schwingt eine gehörige Portion Wunschdenken mit, doch sind die Folgen des Bombardements inzwischen sichtbar. Gaddafis Truppen wurden aus dem Osten des Landes, aber auch aus Misurata und anderen Städten rund um Tripolis zurückgedrängt. Den letzten Truppenbewegungen nach zu urteilen bunkerten sie sich in der Hauptstadt ein. Gaddafi schien die Kraft zum Gegenschlag zu fehlen.

Doch am Mittwoch legte das Regime noch einmal nach. Gaddafi-Truppen haben nach Angaben der Rebellen eine Großoffensive gegen Misurata gestartet. Tausende Soldaten seien im Einsatz und griffen die Stadt von Osten, Westen und Süden an, sagte Rebellensprecher Hassan al-Misrati der Nachrichtenagentur Reuters. "Sie versuchen, in die Stadt einzudringen." Ärzte des Krankenhauses im Stadtzentrum berichteten, mindestens elf Menschen seien getötet und 35 verletzt worden, viele davon schwer. Das Gaddafi-Lager äußerte sich zunächst nicht zu den Angaben. Auch aus anderen Städten wurde Beschuss durch die Regierungstruppen gemeldet.

Parallel geht es bei den Rebellen auf der politischen Ebene voran. Der Nationalrat in Bengasi nimmt immer mehr die Form einer Übergangsregierung an. Der Exodus aus Gaddafis Kabinett hält an, am Dienstag wechselte sein Arbeitsminister die Seiten und lief zu den Aufständischen über. Zwar sind die Pläne für ein Libyen nach Gaddafi noch in der "Embryo-Phase", wie der britische Außenminister William Hague es am Wochenende ausdrückte. Doch wurden die ersten Grundsteine eines neuen politischen Systems gelegt.

Der Alltag in Tripolis läuft weiter

Insofern scheint der Prozess tatsächlich in die vom Westen gewünschte Richtung zu gehen. Ob er "unaufhaltsam" ist, wie Obama sagt, wird sich jedoch erst zeigen. Noch ist Tripolis fest in Gaddafis Hand, und westliche Korrespondenten vor Ort können keine Anzeichen für einen Aufstand erkennen. Der Alltag läuft relativ ungestört weiter, daran haben auch die jüngsten Bombardements wenig geändert. Die Rebellen haben aber Tripolis bereits im Visier, und die Nato hofft, dass der Widerstand der Gaddafi-Truppen weiter nachlässt, je stärker ihre Schlagkraft durch die Luftschläge dezimiert wird.

Laut "Guardian"-Korrespondent Chris Stephens in Misurata werden die Angriffe von Rebellen-Bodentruppen und Nato-Luftwaffe inzwischen zumindest so weit koordiniert, dass beim Bombardement keine Regimegegner mehr getroffen werden. Die Aufständischen warten demnach auf grünes Licht der Nato, bevor sie vorrücken. In den ersten Wochen hatte es bei den chaotischen Bodenoffensiven immer wieder Opfer des "Friendly Fire" gegeben.

Wie lange die Nato die erhöhte Angriffsfrequenz aufrechterhalten kann, ist fraglich. Schon jetzt murren Großbritannien und Frankreich, weil sie die Hauptlast tragen müssen. Beim zweitägigen Nato-Verteidigungsministertreffen in Brüssel, das am Mittwoch begann, drängten sie ihre Partner erneut, sich stärker zu engagieren. Auch Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen erinnerte die Alliierten an ihre Solidaritätspflicht. Die Appelle verhallen jedoch bislang ungehört. Der deutsche Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt sagte, die deutsche Position sei unverändert.

Die Zurückhaltung erklärt sich auch damit, dass der Einsatz sich noch lange hinziehen kann. Vertreter der Alliierten vermeiden es bewusst, eine Frist zu setzen. Der britische Außenminister William Hague sagte am Wochenende: "Es könnte Tage oder Wochen oder Monate dauern."

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.