Chinesische Reaktionen auf die Tragödie in Essex "Mir zittern die Hände"

Viele Chinesen zeigen sich im Internet schockiert über den Tod ihrer 39 Landsleute in Großbritannien. Die Zensur der Kommunistischen Partei hält sich bislang zurück - und hinterfragt die Identität der Toten.

Spurensicherung am Fundort
Ben Stansall/ AFP

Spurensicherung am Fundort

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Mit Bestürzung haben viele Chinesen auf die Meldung reagiert, dass die 39 Toten in Großbritannien aus China stammen. Zwar teilte eine Sprecherin des Außenministeriums in Peking am Freitag mit, es sei noch nicht zweifelsfrei geklärt, ob es sich bei den toten Männern und Frauen tatsächlich um chinesische Staatsbürger handele. Im Netz debattieren aber bereits viele ihrer Landsleute.

"Mir zittern die Hände", schreibt eine Userin namens Yang-Yu-Ting auf dem Kurznachrichtendienst Weibo: "Ich kann nicht glauben, dass das stimmt." Ein anderer User fragt: "Muss heutzutage wirklich noch jemand illegal (aus China) auswandern?" Eine dritte Userin, die sich Yizhi Yiyuan nennt, schreibt: "Gibt es denn nicht genügend gute Jobs in China?"

Hollie Adams/PA Wire/DPA

Nach Angaben der Pekinger "Global Times" wurde die Meldung auf dem Kurznachrichtendienst Weibo bis Donnerstagabend mehr als 600 Millionen mal geklickt und 149.000 mal kommentiert.

Die Fassungslosigkeit scheint umso größer, als noch am Morgen - bevor die chinesische Herkunft der Opfer bekannt geworden war - ganz andere Kommentare zu lesen waren: "China geht es so gut", hatte da jemand geschrieben, offenbar in der Annahme, die Toten stammten aus einem anderen Land. "Beängstigend", schrieb ein User namens Xiong Baoling: "Ich hoffe, diese Leute kommen nicht nach China."

Auch im Jahr 2000, als schon einmal 58 chinesische Migranten tot in einem Container in Großbritannien gefunden wurden, war die Bestürzung groß. Doch damals schien vielen zumindest verständlicher, warum Menschen aus China das Risiko und die Kosten einer illegalen Flucht nach Europa auf sich nehmen würden.

Debatte im Internet scheint nicht strikt zensiert zu werden

Damals lebten einer Schätzung der Weltbank zufolge 224 Millionen Chinesen von weniger als einem Dollar pro Tag. Heute ist China die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt. Es gibt nach wie vor sehr arme und rückständige Regionen in China, doch bis 2020 will die Regierung die absolute Armut im Land völlig beseitigt haben - ein Ziel, das internationale Experten für erreichbar halten.

Chinesische Medien berichteten am Donnerstag und Freitag zurückhaltend über die Nachricht aus London, vielfach wurden nur westliche Agenturmeldungen wiederholt. Anders als bei kontroversen Meldungen sonst üblich, scheint die Debatte über das Thema im Internet aber nicht strikt zensiert zu werden.

Unverständnis hat allerdings ein Post von Hu Xijin ausgelöst, dem prominenten Chefredakteur der "Global Times". Auch Hu zeigte sich "traurig und schockiert" von der Nachricht, stellte dann aber die Frage: "Warum passieren solche Katastrophen immer im Vereinigten Königreich, aber nicht in anderen europäischen Ländern oder Amerika?" Tatsächlich haben sich ähnliche Tragödien auch in anderen Ländern ereignet, etwa im Sommer 2015, als in Österreich 71 Tote in einem Kühlcontainer aufgefunden worden waren.

Menschen sind berührt vom Umgang der britischen Behörden

Beeindruckt zeigen sich Chinesen davon, wie die britischen Behörden mit dem Unglück in Essex umgehen - übrigens ein Hinweis darauf, wie viele User in China ausländische Medien verfolgen, die im Internet geblockt und nur mittels sogenannter VPN-Tunnel zugänglich sind: "In der BBC habe ich gesehen, wie Polizeibeamte trauernd verharrten, als der Sattelschlepper weggefahren wurde", kommentiert ein User. "Die (Menschen dort) haben wirklich Respekt vor dem Leben."

Einem anderen Weibo-User fiel auf, dass die britische Polizei angekündigt hatte, die Toten "einen nach dem anderen, ungestört und würdevoll" aus dem Container zu nehmen. "Die Briten haben sogar eine Zeremonie für die 39 Toten abgehalten. Diese Details haben mich berührt."

Umso kritischer sieht ein User namens "MOPVER" manche zynischen Kommentare seiner eigenen Landsleute: "Während die (Britischen) Menschen betrauern, die nicht einmal aus ihrem eigenen Land stammen, beschimpfen manche Netizens hier die Toten als Verräter, die nichts Besseres verdient hätten."



insgesamt 30 Beiträge
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n.schutta 25.10.2019
1. Woher die wohl stammen
Ich fresse einen Besen wenn das keine Uighuren sind. Daß die meisten Chinesen wenig davon wissen was da gerade los ist kann ich mir vorstellen. Irgendwann kommt raus, daß es Uighuren waren und dann werden Fragen aufkommen. Ich habe engen Kontakt nach China und die Regierung ist gerade sehr gereizt wegen HK. Von daher wundert es mich, daß sie das jetzt so laufen lassen.
bigroyaleddi 25.10.2019
2. Warum
kommen Chinesen ausgerechnet nach England? Und dann noch mit solchen Risiken. Bei aller Erschrockenheit über deren furchtbares Ende möchte ich gerne wissen, was hier die Intention war. Bei den Flüchtlingen aus dem Nahen Osten können wir deren Gründe nachvollziehen. Aber bei China? Weiss da jemand etwas genaueres?
macarthur996 25.10.2019
3. die Toten in England
Das sind alles Menschen, Menschen wie Du und ich. wir sind alle von der menschlichen Familie. Religion und Nationalität sind zweitrangig. ist ja natürlich das Menschen auf der ganzen Welt berührt sind von solchen Vorkommnissen. Das zeigt, das wir Menschen sind
aggro_aggro 25.10.2019
4. Europäische Politik
Ich finde es traurig, dass europäische und vor allem britische Politiker jetzt Härte gegen die scheußlichen "Menschenhändler" fordern. Aus der Sicht der Menschen, die in dem Container waren, waren die Schleuser Dienstleister, vielleicht sogar Helfer. Solange es nicht darum geht Menschen gegen ihren Willen wie Ware zu verkaufen (Sklaven, Prostituierte) ist Schleusen kein Menschenhandel und die Politik ist in erster Linie dafür verantwortlich, dass Menschen sich freiwillig in Todesgefahr begeben und auch sterben. Die Schleuser waren eventuell dumm oder fahrlässig, weil sie falsche Ausrüstung verwendet haben, oder weil sie Zeitpläne nicht eingehalten haben, aber die Ursache für den Vorfall ist der Fluchtgrund in China und die Verweigerung legaler Einreisemöglichkeiten oder Asyls in Großbritannien.
telos 25.10.2019
5. @macarthur 996
Zitat von macarthur996Das sind alles Menschen, Menschen wie Du und ich. wir sind alle von der menschlichen Familie. Religion und Nationalität sind zweitrangig. ist ja natürlich das Menschen auf der ganzen Welt berührt sind von solchen Vorkommnissen. Das zeigt, das wir Menschen sind
Kann mich Ihrem Beitrag anschließen. Neben der menschlichen Fähigkeit der Anteilnahme und Emphatie gibt es aber auch genau das Gegenteil, die solche Taten überhaupt generieren.
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