39 Tote in Lastwagen Was über den Leichenfund von Essex bekannt ist

In Großbritannien sind 39 Tote in einem Lkw-Container gefunden worden - laut Polizei ist ein Teenager unter den Opfern. Bislang gibt es in dem Fall eine Festnahme. Der Überblick.


Die Polizei in Großbritannien hat Dutzende Tote in einem Lastwagen-Container entdeckt. Das Fahrzeug sei in der Nacht zum Mittwoch in einem Industriegebiet östlich von London gefunden worden, teilte die Polizei in Essex mit.

Was ist über den Fall bekannt? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist passiert?

In der englischen Grafschaft Essex sind 39 Leichen in einem Lastwagen gefunden worden. Dieser sei im Waterglade-Industriepark in der Ortschaft Grays gefunden worden, teilte die Polizei mit. Dieser liegt nahe der Themse und ist etwa 30 Kilometer vom Zentrum der britischen Hauptstadt entfernt.

Rettungskräfte hatten den Lastwagen demnach gegen 1:40 Uhr Ortszeit entdeckt und die Polizei verständigt. Der Fundort wurde abgesperrt. Wer die Rettungskräfte alarmierte, ist unklar.

Was ist über die Toten bekannt?

Die Menschen in dem Container wurden laut Polizei noch vor Ort für tot erklärt. Nach ersten Erkenntnissen handelt es sich um 38 Erwachsene und einen Teenager.

Spurensicherer in Schutzanzügen untersuchten den großen weißen Auflieger und das rote Fahrerhaus des Lastwagens. Polizeichef Andrew Mariner sagte, die Ermittlungen liefen noch, man sei dabei, die Opfer zu identifizieren. "Dies kann allerdings längere Zeit in Anspruch nehmen."

In dem Fall deutet vieles auf Schlepperkriminalität hin, offiziell bestätigt ist das bislang aber nicht. Zahlreiche Flüchtlinge versuchen seit Jahren, heimlich nach Großbritannien zu kommen. Oft verstecken sie sich dabei in Lkws.

Was weiß man über die Route des Lkw?

Das Fahrzeug stammt Ermittlern zufolge vermutlich aus Bulgarien. Ersten Erkenntnissen zufolge führte die Route zunächst nach Irland - wie genau, wird ermittelt. Danach sei der Lastwagen am Samstag über den Hafen von Holyhead in Wales nach Großbritannien gekommen. Dies ist einer der wichtigsten britischen Häfen für Fähren aus Irland.

Wenn das Ziel von Anfang an England war, wäre die Route zumindest ungewöhnlich - der Weg über Irland bedeutet einen zusätzlichen Tag Fahrt. Es wurde gemutmaßt, dies sei möglicherweise in Kauf genommen worden, um strengere Kontrollen im großen englischen Hafen Dover und im französischen Calais zu umgehen.

Das bulgarische Außenministerium konnte bisher nicht bestätigen, dass der Laster seine Fahrt in Bulgarien begann. "Wir überprüfen noch die Informationen, die in britischen Medien veröffentlicht wurden, und kontaktieren die Behörden", sagte eine Sprecherin. Die bulgarische Botschaft in London kündigte an, mit den britischen Behörden zusammenzuarbeiten.

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39 Leichen in Lkw: Grausiger Fund in Essex

Gibt es Festnahmen?

Der Fahrer des Lastwagens, ein 25-jähriger Mann aus Nordirland, sei wegen Mordverdachts festgenommen worden, teilte die Polizei mit. Näheres zu seiner Identität ist nicht bekannt. Eine Anklage gegen den 25-Jährigen gibt es bislang nicht.

Wie reagiert die Öffentlichkeit auf den Fall?

Polizeichef Mariner sprach von "einem tragischen Vorfall, bei dem viele Menschen ihr Leben verloren haben". Die Ermittlungen liefen, man sei dabei, die Opfer zu identifizieren.

Großbritanniens konservative Innenministerin Priti Patel erklärte, sie sei "schockiert und traurig über diesen absolut tragischen Vorfall".

Noch sind die Hintergründe des Falls weitgehend ungeklärt. Die konservative Abgeordnete Jackie Doyle-Price aus dem Wahlkreis Thurrock, in dem der Fundort des Lkw liegt, schrieb aber bereits in einem Tweet: "Menschenhandel ist ein abscheuliches und gefährliches Geschäft. Dies ist eine große Ermittlung für die Polizei in Essex. Lassen Sie uns hoffen, dass sie die Mörder vor Gericht bringen."

Boris Johnson schrieb auf Twitter, er sei "entsetzt von dem tragischen Vorfall in Essex" und bekundete den Hinterbliebenen der Toten sein Beileid. Er werde regelmäßig über die neusten Entwicklungen im Fall unterrichtet, sagte der Premierminister vor Abgeordneten im Unterhaus.

Innenministerin Patel soll sich im Lauf des Nachmittags mit Informationen an die Parlamentarier wenden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sei tief erschüttert von dem qualvollen Tod der Menschen, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Sie wolle ihre Anteilnahme ausdrücken. Ein Sprecher des Innenministeriums ergänzte, die deutschen Sicherheitsbehörden würden bei Bedarf den britischen Ermittlern jede denkbare Unterstützung leisten.

Gab es in der Vergangenheit vergleichbare Fälle?

Im Jahr 2000 fanden britische Zollbeamte in Dover die Leichen von 58 Chinesen in einem Tomatentransporter. Der Fall gilt als die bisher schwerste Flüchtlingstragödie in Großbritannien.

Auf dem Weg nach Deutschland starben vor drei Jahren 71 Flüchtlinge in einem Kühllastwagen in Österreich. Der abgestellte Lkw mit den Leichen der Flüchtlinge war am 27. August 2015 auf einer Autobahn in Österreich gefunden worden. Das Fahrzeug war am Tag zuvor in Südungarn abgefahren. Die Flüchtlinge im Laderaum waren nach spätestens drei Stunden qualvoll erstickt. Ein ungarisches Gericht verurteilte die Hauptverdächtigen zu langen Haftstrafen.

asa/AFP/dpa

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