39 Leichen in Container Wie der Lkw nach Essex kam

Wie gelangte ein Lastwagen mit 39 Leichen in ein Industriegebiet in Essex? Die Polizei glaubt, den letzten Teil der Route rekonstruiert zu haben. Doch viele Fragen - etwa zur Identität der Opfer - sind offen, Mordermittlungen laufen.

AP

Boris Johnson spricht von einer "unvorstellbaren Tragödie", die britische Innenministerin Priti Patel zeigte sich schockiert und zutiefst betrübt, Bundeskanzlerin Angela Merkel bekundete ihr Beileid: In der englischen Grafschaft Essex sind in einem Lkw-Container 39 Leichen gefunden worden.

Bei den Toten handelt es sich der Polizei zufolge um 38 Erwachsene und einen Teenager. Die Ermittler nahmen den Fahrer fest; der 25-Jährige steht unter Mordverdacht. Laut BBC handelt es sich um einen Nordiren aus der Gegend um Portadown. Es ist unklar, ob nur er das Fahrzeug lenkte.

Am frühen Abend begann die Polizei, den Lkw von seinem Standort an der Eastern Avenue im Industriegebiet Waterglade Industrial Park in der Ortschaft Grays wegzubringen. An einem sicheren Ort sollten die Toten geborgen werden. Danach solle die Spurensicherung ihre Arbeit am Fundort beenden, um den Firmen in dem Industriegebiet wieder Zugang zu dem Areal zu verschaffen, hieß es.

Für Migration zuständige Beamte des Innenministeriums arbeiteten mit der Polizei an der Aufklärung des Falles, sagte die britische Innenministerin Priti Patel dem Parlament. Auch die National Crime Agency (NCA), die britische Ermittlungsbehörde für organisierte Kriminalität, ist mit dem Fall befasst.

Die Polizei verfolgt mehrere Ermittlungsansätze:

  • Wer sind die Toten?
    Zu Nationalität, Alter, Geschlecht ist bislang nichts bekannt. Die Polizei geht davon aus, dass es lange dauern könnte, bis die 39 Opfer identifiziert sind.
  • Was ist über das Fahrzeug bekannt?
    Der britischen Polizei zufolge stammt das Fahrzeug vermutlich aus Bulgarien. Das bulgarische Außenministerium teilte mit, dass der Lastwagen der Marke Scania ein bulgarisches Kennzeichen trage. Er sei 2017 in der Hafenstadt Varna an der bulgarischen Schwarzmeerküste registriert. Inhaberin ist demnach eine Firma, die einer Frau aus Irland gehört. Laut Bulgariens Regierungschef Bojko Borissow verließ das Fahrzeug wenige Tage nach der Registrierung das Land und kehrte nie mehr zurück.
  • Über welche Route kam der Lkw nach Essex?
    Wo der Lkw losfuhr, ist unbekannt - ebenso, wann und wo die 39 Personen in den Container gepfercht wurden. Aktuell geht die Polizei davon aus, dass die Zugmaschine aus Nordirland kam und den Container-Anhänger unterwegs einsammelte. Das Gespann sei über Zeebrugge in Belgien in den Hafen von Purfleet im Osten Englands gelangt. Gegen 0.30 Uhr Ortszeit am Mittwoch sei es in der Gegend um Thurrock angekommen, heißt es in einer Mitteilung der Behörde. Gegen 1.05 Uhr habe der Lkw das Hafengelände verlassen. Weitere 35 Minuten später - gegen 1.40 Uhr - alarmierten Rettungskräfte die Polizei. Wer zuvor die Rettungskräfte zu dem Lkw gerufen hatte, ist unklar. Von der Staatsanwaltschaft in Belgien hieß es, man werde untersuchen, wie lange der Lkw in Belgien gewesen sei - es könnten Tage oder Stunden gewesen sein, man wisse es nicht.

Im Video: 39 Leichen in einem Lastwagen in Essex entdeckt

Mit den Angaben zu der Route über Belgien korrigierten die Ermittler frühere Angaben, wonach die Route des Lastwagens zunächst nach Irland geführt habe und der Lkw am Samstag von Irland per Fähre zum Hafen von Holyhead in Wales gelangt sei - und von dort aus weiter nach England.

Wenn das Ziel von Anfang an England war, wäre diese Route zumindest ungewöhnlich gewesen - der Weg über Irland bedeutet einen zusätzlichen Tag Fahrt. Zunächst war gemutmaßt worden, dass so strengere Kontrollen im großen englischen Hafen Dover und im französischen Calais umgangen werden sollten.

Die Freight Transport Association (FTA) wollte sich nicht zu möglichen Routen, die der Fahrer genommen haben könnte, äußern. Ein Sprecher des Frachtunternehmer-Verbands wies darauf hin, dass nicht nur Calais eine Anlaufstelle für Migranten sei, sondern "alle europäischen Häfen" .

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39 Leichen in Lkw: Grausiger Fund in Essex

Die Ermittler gehen von einem Fall von Menschenschmuggel aus. Alle Menschenhändler sollten gejagt und zur Rechenschaft gezogen werden, sagte Premier Johnson im Parlament. Die Abgeordnete Jackie Doyle-Price, in deren Wahlkreis der Lkw gefunden wurde, sagte: "39 Menschen in einen geschlossenen Metallcontainer zu stecken, zeigt eine böse Verachtung für menschliches Leben."

Der Leichenfund erinnert an zwei vergleichbare Fälle: Im Jahr 2000 fanden britische Zollbeamte in Dover die Leichen von 58 Chinesen in einem Tomatentransporter. Der Fall gilt als die bisher schwerste Flüchtlingstragödie in Großbritannien.

Vor drei Jahren starben auf dem Weg nach Deutschland 71 Flüchtlinge in einem Kühllastwagen in Österreich. Der abgestellte Lkw mit den Leichen der Flüchtlinge war am 27. August 2015 auf einer Autobahn in Österreich gefunden worden. Das Fahrzeug war am Tag zuvor in Südungarn abgefahren. Die Flüchtlinge im Laderaum waren nach spätestens drei Stunden qualvoll erstickt. Ein ungarisches Gericht verurteilte die Hauptverdächtigen zu langen Haftstrafen.

asa/AP/Reuters



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