Estemirowa-Mord Russische Menschenrechtler bezweifeln Medwedews Killer-Theorie

Stolz vermeldete Russlands Präsident beim Besuch von Bundeskanzlerin Merkel die Aufklärung des Mordes an einer Menschenrechtlerin. Tatsächlich wachsen Zweifel an Medwedews Äußerungen - denn der angebliche Killer ist womöglich seit Monaten tot.

Ermordete Menschenrechtlerin Estemirowa: "Medwedew hat sich wohl überstürzt geäußert"
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Ermordete Menschenrechtlerin Estemirowa: "Medwedew hat sich wohl überstürzt geäußert"

Von , Moskau


Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei den deutsch-russischen Regierungskonsultationen in Jekaterinburg eine energische Aufklärung des Mordes an der russischen Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa gefordert - und prompt meldete Russlands Präsident Vollzug. Es sei "unrichtig zu sagen, es gebe keine Ermittlungen", sagte Dmitrij Medwedew. Die Ermittlungen sind in vollem Gange". Außerdem sei der "Killer genau ermittelt" und "zur internationalen Fahndung ausgeschrieben".

Kollegen Estemirowas melden da erhebliche Zweifel an. Offenbar verfüge der Präsident über "ungenaue Informationen", sagt Arseni Roginski, der Leiter der Menschenrechtsorganisation Memorial, für die Estemirowa gearbeitet hatte.

Jüngst hatte die Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta" enthüllt, die Ermittler gingen davon aus, ein tschetschenischer Kämpfer namens Alchasur Baschajew habe den Mord verübt. Baschajew wurde allerdings schon Ende November von russischen Sicherheitskräften getötet.

"Als wollte man einem Toten etwas anhängen"

"Medwedew hat sich wohl überstürzt geäußert," sagt Alexander Tscherkassow von Memorial zu SPIEGEL ONLINE. Der Tatverdacht gegen Baschajew sei wenig überzeugend. Die Ermittler gingen davon aus, Baschajew habe sich für Ermittlungen und Berichte von Estemirowa gerächt - alle anderen möglichen Tatversionen hätten sie inzwischen verworfen. Tscherkassow: "Das wirkt alles sehr konstruiert, ganz so, als wollte man einem Toten etwas anhängen."

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE hat sich der Pressedienst des Kreml nicht dazu geäußert, ob es sich bei dem laut Medwedew zur Fahndung ausgeschriebenen Verdächtigen um Baschajew handelt. "Details sind uns nicht bekannt", sagte eine Sprecherin und verwies an die leitenden Ermittlungsbehörden.

Estemirowa hatte Menschenrechtsverletzungen und Gräueltaten in Tschetschenien sowohl von russischen Sicherheitsbehörden als auch von tschetschenischen Kämpfern untersucht. Die Menschenrechtlerin war am 15. Juli 2009 vor ihrem Haus in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny von Unbekannten entführt und kurz darauf tot in der Nachbarrepublik Inguschien aufgefunden worden.

Russische Bürgerrechtler und Aktivisten von Memorial äußerten daraufhin die Vermutung, Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow könnte in den Mordfall verwickelt sein. Kadyrow wehrt sich gegen die Verdächtigungen. Vor kurzem erklärte er die Mitarbeiter von Memorial zu "Feinden des Volkes, des Gesetzes und des Staates".

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