EU-Abstimmung in Tschechien "Das Ende des Zweiten Weltkriegs"

Mit klarer Mehrheit haben sich die Tschechen für den Beitritt ihres Landes zur Europäischen Union ausgesprochen. 77,33 Prozent der Wähler sagten beim Referendum am Freitag und Samstag Ja zur EU. Prager Politiker feierten das Ergebnis als endgültigen Abschluss des Kalten Krieges und als Rückkehr Tschechiens in den Westen.


Prag - Nur 22,67 Prozent stimmten dem amtlichen Endergebnis zufolge mit Nein. Die Wahlbeteiligung lag bei gut 55 Prozent.

"Dies ist ein Sieg für das tschechische Volk", begrüßte Ministerpräsident Vladimir Spidla den Ausgang des Referendums. "Für mich ist es das Ende des Zweiten Weltkrieges mit allen Konsequenzen." Die Tschechische Republik werde nun gleichberechtigt `der Familie der europäischen Nationen angehören".

Staatspräsident Vaclav Klaus sagte, Tschechien sei bereit für den Anschluss an die EU. Die Mitgliedschaft werde jedoch zahlreiche Probleme des Landes wie die Staatsverschuldung sowie die Misere im Gesundheits- und Bildungswesen nicht lösen können.

Außenminister Cyril Swoboda sprach vom "Abschluss einer Ära unserer Geschichte nach dem Sturz des totalitären Regimes".

Tschechien stehe nun aber noch sehr viel Arbeit bevor, sagte er. EU-Kommissionspräsident Romano Prodi sprach von "einem guten Tag für Europa" und einem `weiteren Beweis, dass unsere Völker zusammengehören". Das Votum bekräftige die Entscheidung für einen Schlussstrich unter Jahrzehnte der Trennung, hieß es in der Erklärung der EU-Kommission weiter.

Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder gratulierte den Bürgern und der Regierung Tschechiens zum Ergebnis der Volksabstimmung. Damit habe Tschechien `eine historische Chance ergriffen", erklärte Schröder am Samstagabend in Berlin. Auch die Beziehungen zwischen Berlin und Prag würden durch den Beitritt Tschechiens zur EU neu gestärkt. `Ich freue mich auf eine enge Zusammenarbeit in Geiste der gegenseitigen Solidarität und der gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft Europas."

Bei einer Feier der Pro-EU-Initiative "Ja zu Europa" ließen die Gäste den ehemaligen Staatspräsident Vaclav Havel hochleben, der sich vehement für den EU-Beitritt eingesetzt hatte. `Die antikommunistische Revolution von 1989 ist jetzt wirklich abgeschlossen", sagte einer der Initiatoren, Slavomil Hubalek. EU-Kritiker Jefim Fistejn warnte hingegen vor sozialer Unzufriedenheit und Streiks, wenn die Regierung schmerzhafte Reformen durchsetzen müsse. "Willkommen an Bord der Titanic", sagte Fistejn. Rückhalt der Bevölkerung bereits in siebtem Beitrittsland Mit ihrer Zustimmung machten die Tschechen den Weg zur Aufnahme in die EU zum Mai nächsten Jahres frei. Das bindende Referendum war das erste in der Geschichte Tschechiens, eine Mindestbeteiligung war für seine Gültigkeit nicht vorgeschrieben. Wahlberechtigt waren 8,2 Millionen Bürger.

Tschechien ist das siebte von zehn Beitrittsländern, dessen Bevölkerung sich für die EU-Mitgliedschaft ab 2004 entschieden hat. Die Letten und Esten stimmen im September über den Beitritt ab, in Zypern entscheidet allein das Parlament. Für den Beitritt ausgesprochen hat sich bereits die Bevölkerung in Polen, Ungarn, Litauen, Malta, Slowenien und der Slowakei.



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