EU-Kommissar Verheugen in Moskau "Die Platte kennen wir"

EU-Erweiterungs-Kommissar Verheugen bereitet in Moskau mit dem russischen Außenminister Iwanow den bevorstehenden EU-Russland-Gipfel in Rom vor. Während eines Vortrags in der Diplomatischen Akademie schwärmte er von der Zukunft der künftigen Nachbarn Russland und EU. Die russischen Diplomaten konnte er dafür nicht erwärmen.

Von Jörg R. Mettke, Moskau


Günter Verheugen: Russland ist viel mehr als ein Nachbar
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Günter Verheugen: Russland ist viel mehr als ein Nachbar

"Hast Du eine Frage zugeteilt bekommen", raunte eine Studentin ihrem schmuck mit Krawatte und passendem Brusttüchlein ausstaffierten Kommilitonen zu. Doch der legte den Finger auf den schmalen Mund, welcher dann doch, eher widerwillig, Herrschaftswissen preis gab: "Diesen Gast" hätten sich ganz allein "die Alten vorbehalten".

Der heutige Gast in Russlands Diplomatischer Akademie: Günter Verheugen, Erweiterungs-Kommissar der Europäischen Union (EU). Er war angereist, um mit dem russischen Außenminister Igor Iwanow den bevorstehenden EU-Russland-Gipfel in Rom vorzubereiten. Und dabei fiel auch jener Vortrag in der außenpolitischen Kaderschmiede ab, die Iwanows Ministerium untersteht.

Der Besucher aus Brüssel malte ein Bild schöner und immer besserer Nachbarschaft während des Erweiterungsprozesses und danach. Besonders Russland, das "ja viel mehr" sei "als nur ein Nachbar", werde vom Erstarken der Union an seinen Westgrenzen, dort, wo früher die sowjetischen Bruderrepubliken des Baltikums begannen, vielfältigen "Nutzen haben".

Doch das Hochgefühl des Vortragenden über die EU-"Erfolgsgeschichte" wollte nicht recht aufs Publikum überspringen. "Die Platte kennen wir", murrte ein pensionierter Botschafter und inspizierte danach, ebenfalls ohne großen Lustgewinn, sein Frühstücksbrot.

Die entscheidende Frage hatte sich Rektor Jurij Fokin vorbehalten. Der einstige Gromyko-Gehilfe, der Russland vor der Abkommandierung auf seinen akademischen Posten zuletzt in London vertreten hatte, wollte von Verheugen wissen, ob und in welcher Form er in Moskau denn Energiefragen zu besprechen gedenke.

Die Stunde war günstig. Da saß nun endlich zum Greifen nahe einer jener Euro-Bürokraten, die erst vor zwei Wochen von Russlands Präsidenten Wladmir Putin pauschal als "unehrenhafte" Wegelagerer auf Moskaus langem Marsch in die Welthandelsorganisation (WTO) ausgemacht und angezählt worden waren.

Während des russisch-deutschen Gipfels in Jekaterinburg hatte Putin von Verheugens Parteifreund Gerhard Schröder in alter Sowjetmanier brüsk gefordert, endlich die "Eurobürokraten unter Druck zu setzen", damit diese von ihrem Ansinnen abließen, Russland marktkonformere Preise und Verhaltensweisen im heimischen Energiebereich diktieren zu wollen.

Doch anders als der Bundeskanzler, der sich im Ural die russische Schelte mit einem "Das ist schlecht" zu eigen zu machen schien, ließ der EU-Kommissar seinen Moskauer Gastgeber ungerührt leer laufen: Es gäbe "keinen Grund, heute und morgen über Energie zu reden", beschied er Rektor Fokin kühl: "Der Dialog" über dieses Thema entwickele sich im übrigen auch so "sehr gut".

Zum Zeitpunkt dieser Antwort hatten die Moskauer Wertpapierbörsen bereits seit 40 Minuten ihren Handel eingestellt, weil vaterländische Energieaktien, allen voran jene von "Jukos", nach der Verhaftung von "Jukos"-Chef Michail Chodorkowski in die schiere Wertlosigkeit zu stürzen drohten.

Der "riesige Zusammenbruch", über den Putin für den Fall eines verhinderten WTO-Beitritts Russlands gebarmt hatte, schien ganz ohne Brüsseler Beihilfe, hausgemacht allein von Putins KGB-Kartell, näher denn je seit dem vernichtenden Moskauer Finanzcrash im August 1998: Binnen weniger Stunden hatte die russische Wirtschaft um 15 Milliarden US-Dollar an Wert verloren. Und der von Günter Verheugen viel beschworene "strategische Partner Russland" viel von seinem pseudo-demokratischen Lack: "Das Land", prognostizierte Moskaus klügste Politologin Lilia Schewtzowa, "steht am Rande der schwersten Krise seit Putins Amtsantrittt."



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