Kommentar zu Jean-Claude Juncker Europa muss noch üben

Jean-Claude Juncker wird Präsident der EU-Kommission - und muss mit üblen Gerüchten leben. Angela Merkel bekommt einen Kommissionschef, den sie eigentlich nicht wollte. Und die Wähler dürfen fünf Jahre auf einen wirklich fähigen Kandidaten warten.

David Cameron und Jean-Claude Juncker (Archivbild): Jedes üble Gerücht gilt als salonfähig
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David Cameron und Jean-Claude Juncker (Archivbild): Jedes üble Gerücht gilt als salonfähig

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Kennen Sie mittlerweile Jean-Claude Juncker? Ja, leider, muss die Antwort lauten, nach einem Monat Tauziehen um seine Nominierung für den Vorsitz der EU-Kommission. Der Luxemburger trinke ziemlich gerne, war zu lesen, er sei faul und ausgelaugt obendrein. Er halte für viel Geld Reden vor Lobbyverbänden, und sein Vater sei ein verkappter Nazi gewesen. Juncker hat die Europawahl gewonnen, doch sein Ruf ist ramponiert - noch das übelste falsche Gerücht über ihn gilt europaweit als salonfähig.

Leider bleibt eins aber wahr: Der Luxemburger ist ein nicht gerade glückliches Ergebnis für Europas demokratisches Experiment. Er wirkt oft wie ein müder Politiker des 20. Jahrhunderts, der sich ins 21. verirrt hat. Der Mann beherrscht drei Sprachen fließend, das Publikum mitreißen kann er in keiner.

Demokratie mit Stützrädern

Nur kannten EU-Regierungschefs wie Kanzlerin Merkel, die Juncker aufs Schild hoben, dessen Schwächen ganz genau. Aber diese störten sie nicht weiter, denn sie hielten Europas Demokratie immer noch für eine mit Stützrädern: Nach der Europawahl wollten sie in aller Ruhe entscheiden, was dem Bürger zuzumuten ist - und am liebsten einen Kompromisskandidaten aus dem Hut zaubern. Den Unwillen der europäischen Wähler und Parlamentarier, sich das gefallen zu lassen, haben die Chefs unterschätzt. Deswegen müssen sie nun mit Juncker leben.

Merkel hätte das unwürdige Gezerre mit einem rascheren Bekenntnis zu Juncker abkürzen können. Die Kanzlerin wollte partout die Briten einbinden, doch die bocken unverdrossen. Europas Meisterstrategin hat sich verkalkuliert.

Die Kommission wiederum steht mit einem Amtschef da, dessen Ruf angeschlagen ist. Und das so selbstbewusste Europäische Parlament kann zwar den Kommissionchef mitbestimmen, aber offenbar nicht mal seinen eigenen Präsidenten. Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Gabriel kungelten aus, dass Juncker-Gegenkandidat Martin Schulz mit dem Posten getröstet werden muss.

Dennoch: Vom Prinzip der "EU-Spitzenkandidaten" gibt es kein Zurück mehr, Europas Bürger wollen mitbestimmen. Hinterzimmer-Absprachen spülten viel zu lange blasse Bürokraten wie Amtsinhaber José Manuel Barroso an die Kommissionspitze.

Beim nächsten Mal werden fähigere Kandidaten antreten, vielleicht schon in fünf Jahren. Leider ist dies in einem Europa, das sich jetzt neu erfinden muss, eine lange Zeit.

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Dennis Drenner
Gregor Peter Schmitz ist Europa-Korrespondent bei SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Brüssel.

E-Mail: Gregor_Peter_Schmitz@spiegel.de

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insgesamt 73 Beiträge
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Seite 1
bucksatan 27.06.2014
1. Hoffentlich
ändert sich was in fünf Jahren, sonst gehen in Europa langsam die Lichter aus. Nicht nur Junker wirkt "wie ein müder Politiker des 20. Jahrhunderts, der sich ins 21. verirrt hat". Die große Mehrheit in Europa verharrt im 20. Jahrhundert und hat die Herausforderungen des 21. noch nicht angenommen. Traurig!
Einweckglas 27.06.2014
2. Gut das Barroso weg ist....
Aber ob Juncker, der ja bekanntlich einen Staat fuehrte, dessen Geschäftsmodell auf nicht immer ganz saubere Geldgeschäfte basiert, der richtige Mann ist, wage ich zu bezweifeln. Nun dann...Herr Juncker...beweisen Sie uns vom Gegenteil! ;-)
spmc-122226439819235 27.06.2014
3. Denkzwang für Politiker !
Die Befindlichkeiten von Frau Merkel sind zweitrangig,der Mann ist eine zumindest Halbkrimineller,so etwas bekommt staatliche Alimentation und Zustimmung,Frage ist wie schlimm ist dann der Rest ?Noch schlöimmer ist die Alternative ist ohne Intelligenz und zweifelhaften Ruf ist dies EUROPA ?
privado 27.06.2014
4. Das wird eine lange...
...und ernüchternde Wartezeit, bis vielleicht bei der nächsten Europawahl mal ein junger, dynamischer und kompetenter Kandidat zur Wahl steht. Naja, eigentlich, so fürchte ich, werde ich das wohl nicht mehr erleben.
Luxemburger II 27.06.2014
5. Stillstand statt Reform
Ich bin Luxemburger, EU Befürworter, doch kein JCJ Fan. Ich sehe ihn auch als ein falsches Zeichen der EU, er steht für Stillstand,nicht für die grossen Reformen die für meine Sicht notwendig sind. genau deswegen ist er auch in Luxemburg abgewählt worden! Er hat bestimmt einiges geleistet, in der vergangenheit, ist ein kluger Kopf, aber seine Zeit ist vorbei. Das sieht man schon an seiner Körpersprache: müde, ausgelaugt. Da helfen ihm auch seine 4 Sprachen (ja, es sind 4 da Luxemburgisch auch eine Sprache ist) nicht weiter. Bin mal gespannt wie Europa sich in den nächsten Jahren entwickeln wird....
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