Bizarrer Streit über Backwaren EU im Zimtkrieg mit Dänemark

Will die EU-Kommission wirklich Zimtschnecken aus Dänemark verbieten, weil diese Gift enthalten? Brüssel liegt deshalb nicht nur im Clinch mit dänischen Medien - auch im Netz wird über den "Irrsinn" schon heftig diskutiert.
Zimtschnecken: Streit über EU-Vorschriften

Zimtschnecken: Streit über EU-Vorschriften

Foto: Corbis

Die Europäische Kommission ist eine mächtige Institution, Tausende Beamte stark, natürlich leistet sie sich auch eine "Abteilung Abwehr". Professionelle Kommissionskrisenmanager schreiten entschlossen ein, sobald die edle europäische Idee in Verruf zu geraten droht - etwa wenn sich auf dem Kontinent irrtümlich Mythen verbreiten, die Kommission wolle Spülungen in Toiletten und Pissoirs vereinheitlichen oder plane, Glühbirnen komplett abzuschaffen. Per Twitter, Blog oder Telefon erklären die PR-Profis dann, warum selbst die hartnäckigsten Brüsseler Bürokratien so etwas nicht einmal zu denken wagen.

Doch all das ist leicht verglichen mit der Aufgabe, vor der sich Europas Krisenmanager gerade sehen: Sie müssen sich gegen den Vorwurf verteidigen, den EU-Bürgern die berühmten dänischen Zimtschnecken wegnehmen zu wollen. Seit Tagen wettern Journalisten aus Dänemark, Brüssel plane das Verbot seiner geliebten "kanelsnegler", weil darin verbackener Zimt den Aromastoff Cumarin enthalte - der Leberschäden verursachen soll. Seit 2011 schreibt eine EU-Verordnung europäische Höchstgehalte für Cumarin vor. "EU-Irrenhaus, für dessen Irrsinn wir alle bezahlen", schreibt die "Copenhagen Post" empört . Der dänische Radiosender DR fürchtet gar die "Ausrottung" der geschätzten Zimtschnecken - deren Verzehr erwiesenermaßen noch keinen Menschen getötet habe.

Blitzschnell verbreitete sich die Nachricht vom vermeintlichen Zimt-Zoff. "Auf welchem Planeten leben diese Europäer eigentlich?", fragte Twitter-Nutzer @catallaxer aus London. Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten höhnten: "Brüssel zeigt mit der Regulierung der Zimtschnecken, dass es tatsächlich wichtigere Themen gibt als die Euro-Krise." Der US-Radiosender Public Radio International widmete der Debatte erstaunt einen Beitrag:  "EU hat Zimt den Krieg erklärt. Es wird dort nun wie eine gefährliche Droge behandelt", tweetete Ann Marie Hauser aus Washington. Ob Europas Regulierungswahn nicht etwas extrem geworden sei, fragte Hauser per E-Mail.

Aufgeschreckt erstellten die Brüsseler Beamten in mühsamer Kleinarbeit eine lange Liste von Argumenten, um Journalisten in aller Welt ihre Sicht zu erklären:

  • Die EU hat keine Pläne, dänisches Zimtgebäck zu verbieten, das sich an EU-Gesetzgebung hält.
  • Traditionelle und/oder saisonale Backwaren müssen laut EU-Gesetzgebung zwei Voraussetzungen erfüllen: Sie müssen Zimt als Zutat ausweisen und die maximale Obergrenze von 50 mg Cumarin pro Kilogramm beachten. Dies ist in Annex III, Teil B von Verordnung 1334/2008 zu Geschmacksmitteln und Lebensmittelzutaten mit Geschmackszusätzen geregelt.
  • Zimt kann als Zutat in bestimmten Lebensmitteln verwendet werden. Zimt enthält Cumarin. Cumarin gehört zu den Substanzen, die laut Verordnung 1334/2008 Lebensmitteln nicht zugefügt werden sollen.
  • Es ist Aufgabe der dänischen und schwedischen Behörden, EU-Vorgaben umzusetzen.
  • Die Kommission ist bereit zu Konsultationen mit dänischen Institutionen - falls sie Hilfe beantragen sollten, eine gemeinsame EU-konforme Regulierung zu finden, die dänische (und andere europäische) Verbraucher schützt und den EU-Binnenmarkt nicht behindert.

Schöne und detaillierte Worte, weit differenzierter als der pauschale "Ausrottungsvorwurf". Wären die Brüsseler Beamten nicht so höflich, hätten sie hinzufügen können: Die ebenfalls zimtliebenden Schweden waren schlicht schlauer als die Dänen: Kanelbullar, die schwedische Version der Zimtschnecke, wurde als "garantiert traditionelle Spezialität" eingestuft, dafür gelten andere Vorschriften.

Doch die faktenreiche Beamtenformulierung ist nur schwerlich auf 140 Twitter-Zeichen einzudampfen. Beendet eine offizielle Antwort schlagartig unliebsame Diskussionen? Oder stachelt sie eher zu neuen an?

Vorerst setzt die Kommission auf die Kraft der Vernunft: "Ich hoffe einfach, dass die ganze Albernheit dieser Geschichte wie der Zimtgeschmack verschwinden wird, nachdem man eine dänische Zimtschnecke gegessen hat", schreibt ein Sprecher.

Eine mutige Vorhersage. Auf Twitter haben Nutzer bereits neue Hashtags zu Europas Zimt-Zoff kreiert. "Overreach" heißt eins davon, Überregulierung. Das andere lautet schlicht: "eumadness",  der ganz normale EU-Wahnsinn.

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