EU-Krisenmanagement Führungsschwäche der Europäer schockiert USA

Erst die Posse um die Vulkanasche, jetzt das Hin und Her in der Griechen-Krise: Washington ist entsetzt über den Mangel an Führungsstärke in der EU. Zum Gipfel in Europa wollte Barack Obama anreisen, doch das Meeting ist ihm momentan nicht wichtig genug - er schickt Vize Joe Biden.
US-Vizepräsident Biden: Zum Europa-Besuch nur freundliche Floskeln

US-Vizepräsident Biden: Zum Europa-Besuch nur freundliche Floskeln

Foto: SAUL LOEB/ AFP

US-Vizepräsident Joe Biden

Wenn am Donnerstag Europas Hauptstadt beehrt, ist es wenigstens für seine Redenschreiber ein leichter Besuch. Schließlich soll Biden in Brüssel die transatlantische Partnerschaft feiern, da kann man zu bewährten Worthülsen greifen.

"Die Vereinigten Staaten und Europa können stolz sein, was sie gemeinsam erreicht haben", gab Biden vor Reiseantritt in einem Meinungsbeitrag in der "International Herald Tribune" den Tenor vor. "Wir haben die erfolgreichste Allianz der Geschichte geformt."

Präsident Barack Obama

Doch die Umstände der Reise, auf der Biden Nato-Konsultationen abhalten und Madrid besuchen wird, sind weniger erhaben. Eigentlich sollte diesen Monat zum EU-US-Gipfel in die spanische Hauptstadt reisen. Die Europäer hatten sich schon um die Sitzordnung beim Abendessen mit ihm gestritten - aber dem Amerikaner war das Treffen nicht wichtig genug, er sagte es kurzerhand ab. Biden kommt nur als Ersatz.

Seine Visite bringt Debatten mit sich, die Europäern nicht behagen dürften. Ihr Einfluss in Washington steht nämlich wie der Euro-Kurs: Alles kann sogar noch schlimmer werden. Lange löste Europa einfach sanftes Gähnen in der US-Hauptstadt aus - nun sorgt es gar für entsetztes Kopfschütteln.

Schuldenkrise in Griechenland

  • Erst irritierte Amerika die Posse um die Vulkanasche, als auch fehlende europäische Abstimmung rund zehn Millionen Flugreisende zu tagelangen Zwangsstopps verdonnerte.
  • Nun schockiert die unkoordinierte europäische Antwort auf die . "Wo ist Europa, während sich das griechische Drama abspielt?", fragt die "New York Times".

"Nicht schon wieder Gefühl" in den USA

"Der Mangel an europäischer Führungsstärke löst hier ein 'Nicht schon wieder'-Gefühl aus", sagt Jacob Kirkegaard, Research Fellow am Peterson Institute for International Economics in Washington.

Bei den Amerikanern wachse die Überzeugung, dass die europäischen Institutionen einfach nicht für politisches Krisenmanagement aufgestellt seien. Annette Heuser vom Washingtoner Büro der Bertelsmann Stiftung glaubt: "Die politische Idee eines starken und einigen Europas hat massiv an Glaubwürdigkeit verloren. Die Amerikaner sehen: In Europa guckt man bei einer Krise auf den Nationalstaat, nicht nach Brüssel."

Zu verwirrend gebärdeten sich die Europäer in der Krise. Lange vertraten sie den Standpunkt, der Internationale Währungsfonds (IWF) dürfe nicht als Finanz-Feuerwehr in der Griechenland-Krise agieren. Nun geschieht aber genau das.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel kann dies als politischen Erfolg werten, denn so fordert der Fonds die Griechen zu harten Sparmaßnahmen auf, nicht sie alleine. Doch auch ihr Krisenmanagement wurde laufend von der Wirklichkeit überholt. "Erst hieß es, dass alleine die Ankündigung von Hilfe als 'Ultima Ratio' die Märkte beruhigen werde", sagt Jakob von Weizsäcker von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel. "Dann sollten die Kredite tatsächlich vergeben werden, und zwar mit verbilligten Zinsen. Es hieß, den Steuerzahler würde es trotzdem nichts kosten, denn Griechenland werde alle Schulden zurückzahlen. Mittlerweile aber scheint man zumindest in Teilen der Bundesregierung die Restrukturierung der griechischen Schulden für durchaus denkbar zu halten."

Auch der IWF selbst zeigt wenig Führungsstärke. An seiner Spitze steht ein Europäer, der Franzose Dominique Strauss-Kahn. Doch der scheut derzeit unpopuläre Entscheidungen - denn er möchte Nicolas Sarkozy als französischen Staatspräsidenten beerben.

Also wächst das Kopfschütteln in Washington. Ironischerweise taucht Europa so überhaupt wieder in den Debatten der US-Hauptstadt auf.

Man fürchtet Instabilität in Europa

Man fürchte Instabilität in Europa, ist aus Regierungskreisen besorgt zu vernehmen, sollte die Schuldenkrise sich ausdehnen. Die könnte schließlich auch Amerikas Krisenbewältigung negativ beeinflussen.

"Ich sehe einen neuen 'Balkan'-Moment'", sagt Ökonom Kirkegaard. "Anfang der neunziger Jahre konnten die Europäer den Jugoslawien-Konflikt im eigenen Hinterhof nicht lösen, und die Amerikaner mussten eingreifen. Nun erleben wir Ähnliches bei der Finanz- und Wirtschaftskrise."

Europäische Union

Insbesondere wird den Europäern so ihre beste Werbung für die aus der Hand geschlagen - der funktionierende Binnenmarkt, der wirtschaftliche Aufschwung, die gelungene Erweiterungspolitik. Stattdessen rücken die politischen Mängel wieder in den Blickpunkt. Der komplizierte Lissabon-Vertrag sollte die eigentlich abstellen und Europas Institutionen schlagkräftiger machen.

Doch davon ist wenig zu sehen. Die Namen der wichtigsten neuen Verantwortlichen auf EU-Ebene - die Vertreterin für Außenbeziehungen, Catherine Ashton, und Ratspräsident Herman Van Rompuy - haben nur wenige US-Vertreter parat.

"Wer spricht für Europa? Jeder und niemand", sagt Karel Lannoo, Chef des Centre for European Policy Studies in Brüssel.

Kanzlerin Merkel gilt in Washington noch am ehesten als europäische Führungsfigur. Doch ihr zögerliches Krisenmanagement zu Griechenland sorgte ebenfalls für Enttäuschung. US-Präsident Obama musste sie persönlich anrufen und zum Schnüren des Hilfspakets ermuntern. "Gerade als man von den Deutschen Führungsstärke erwartete, schienen sie dazu nicht bereit", sagt Jackson Janes, Chef des American Institute for Contemporary German Studies in Washington.

Gelingt nicht rasch ein Kurswechsel, könnte Europa in Washington mehr denn je absteigen - zum zwar noch bedeutenden Handelsblock, der aber politisch keine Rolle spielt.