EU-Lateinamerika-Gipfel Chávez und Merkel reichen sich die Hand

Noch Stunden vor dem Zusammentreffen beschimpfte Venezuelas Präsident Chávez Kanzlerin Merkel aufs Übelste: Der deutschen Regierungschefin fehle es an allem, "sogar an der Vernunft". Auge in Auge jedoch gab sich der Mann aus Lateinamerika handzahm.


Lima - Zum Auftakt des EU-Lateinamerika-Gipfels in Lima ging der venezolanische Präsident Hugo Chávez gleich zwei Mal auf Merkel zu und versicherte ihr, er habe sie nicht beleidigen wollen. Aus Merkels Umfeld verlautete: Es seien "ein paar freundliche Sätze" ausgetauscht worden.

Chávez und Merkel: "Ein paar freundliche Sätze"
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Chávez und Merkel: "Ein paar freundliche Sätze"

Noch kurz vor seinem Abflug nach Lima hatte Chávez die Kanzlerin erneut scharf angegriffen. Der deutschen Regierungschefin fehle es an allem, "sogar an der Vernunft", sagte er in Caracas. Er ermahnte sie, sich wie eine Staatsfrau zu benehmen und aufzuhören, "Pfeile auf uns zu schießen oder Steine auf uns zu werfen".

Ausgelöst worden war der Streit durch ein Interview, in dem Merkel Chávez das Recht absprach, die Interessen anderer lateinamerikanischer Staaten zu vertreten. Der venezolanische Präsident hatte sie daraufhin in die Nähe von Adolf Hitler gerückt.

Merkel hatte die Attacken nicht kommentiert und auf Deeskalation gesetzt: "Ich glaube, wir werden uns gut vertragen, und es wird ein guter EU-Lateinamerika-Gipfel." Zu den Begegnungen der beiden kam es beim traditionellen Familienfoto nach der Eröffnungssitzung des Gipfels, dessen inhaltliche Schwerpunkte die Armutsbekämpfung und der Klimaschutz waren.

Zu der Konferenz kamen 27 europäische und 33 lateinamerikanische Delegationen nach Lima. Aus den 27 EU-Mitgliedstaaten reisten 15 Staats- und Regierungschefs an. Die lateinamerikanischen und karibischen Staaten waren fast durchgehend mit ihren Spitzenleuten vertreten.

Merkel bekräftigt Hilfszusagen für Armutsbekämpfung

Merkel versicherte in Lima, dass Deutschland seine Hilfszusagen für die Armutsbekämpfung einhalten werde. Auf einem Gipfelforum zu dem Thema erinnerte sie daran, dass die Vereinten Nationen sich zur Jahrtausendwende eine Halbierung der Zahl in extremer Armut lebender Menschen vorgenommen habe.

"Deutschland bekennt sich zu diesem Ziel", sagte die Kanzlerin laut veröffentlichtem Redetext: "Wir wissen uns hier im engen Schulterschluss mit den anderen europäischen Staaten und unseren Partnern in Lateinamerika und der Karibik." Es dürfe nicht nur ein Bekenntnis bleiben, sondern müsse ernsthaft und konkret in die Tat umgesetzt werden.

Schätzungen zufolge leben etwa 19 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut. Das heißt, sie müssen mit weniger als einem US-Dollar am Tag auskommen. Betroffen sind weltweit rund eine Milliarde Menschen, davon etwa 47 Millionen in Lateinamerika. Das sind neun Prozent der Bevölkerung dieser Region.

Zwei Feiertage für Gipfel ausgerufen

Chávez schlug einen gemeinsamen Hilfsfonds von Europäern und Lateinamerikanern vor, der arme Menschen mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgen soll. Der Fonds solle einen Umfang von einer Milliarde Dollar (650 Millionen Euro) haben.

Für den fünften EU-Lateinamerika-Gipfel seit 1999 wurde ein gigantischer Aufwand betrieben. 50.000 Polizisten wurden abgestellt, um die Veranstaltung zu sichern. Zur Verkehrsberuhigung rief die Regierung kurzerhand zwei Feiertage aus und sperrte große Teile der Innenstadt.

Merkel verteidigte den großen Aufwand. Der Gipfel sei eine "Chance, dass beide Kontinente sich näher kommen", sagte sie. Lateinamerika setze große Hoffnung auf die Partnerschaft mit Europa, und die Europäer seien gefordert, darauf einzugehen.

Von Michael Fischer, AP



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