Kroatiens Premier Milanovic "Wir haben keine Angst vor der Kanzlerin"

Begeisterung für die EU - gibt's sowas auch noch? Ja - in Kroatien. Premier Zoran Milanovic will sein Land in die Europäische Union führen und danach auch alle anderen Balkanstaaten aufnehmen. Im Interview spricht er über das Vorbild Deutschland und den begehrenswerten "Club EU".
Kroatisches Parlament in Zagreb: "Besser, zum Club dazuzugehören, als alleine zu stehen"

Kroatisches Parlament in Zagreb: "Besser, zum Club dazuzugehören, als alleine zu stehen"

Foto: Filip Horvat/ AP

SPIEGEL ONLINE: Die EU steckt in der wohl tiefsten Krise seit ihrem Bestehen. Lohnt es sich überhaupt noch beizutreten?

Milanovic: Man darf unseren Schritt nicht nur kurzsichtig aus dem Blickwinkel der Gegenwart sehen. Es ist gerade jetzt besser, zum Club dazuzugehören, als alleine zu stehen - auch wenn der Club im Moment vielleicht Probleme hat. Der Beitritt fordert von uns, hohe Standards im wirtschaftlichen und politischen Bereich zu erfüllen. Es ist wie eine Abschlussprüfung, wie ein Master of Business Administration. Wenn du den hast, kannst du nicht so leicht übergangen werden.

SPIEGEL ONLINE: Neulich hat der Bürgermeister von London, Boris Johnson, das "schöne Kroatien" schon mal in der EU willkommen geheißen - und Ihrem Land empfohlen, doch bloß auf den Euro zu verzichten. Werden Sie diesem Rat folgen?

Milanovic: Wir werden auf den Euro zuarbeiten. Aber ob wir ihn in zehn Jahren einführen? Ich weiß es nicht. Wenn wir jetzt ein Referendum darüber abhalten würden - ich bin nicht sicher, dass wir die Zustimmung der Kroaten bekämen.

SPIEGEL ONLINE: Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement der Euro-Zone?

Milanovic: Man darf in der aktuellen Situation vor allem eines nicht vergessen: Die EU hat in den letzten fünf Jahrzehnten zwischen Spanien und Finnland Räume zusammenwachsen lassen, die vorher Welten auseinander lagen. Das ist eindeutig eine Erfolgsstory, eine Meisterleistung. Ich bin in Jugoslawien geboren, einem multiethnischen Gebilde, da gab es auch Strukturhilfen für die armen Regionen. Dennoch blieb der ökonomische Graben zwischen dem Kosovo und Slowenien immer tief. Europa hat sich mit dem Euro-Rettungsschirm und dem Fiskalpakt neue Instrumente gegen die Krise zugelegt. Ich finde auch, dass die Europäische Zentralbank gute Arbeit leistet. Sie kauft Staatsanleihen, drückt die Zinslast, und sie generiert alles in allem Wachstum.

SPIEGEL ONLINE: An diesem Dienstag treffen Sie Kanzlerin Merkel. Sie ist besonders in einigen südlichen EU-Ländern zu einer Hassfigur geworden. Wie sehen die Kroaten Europas mächtigste Frau?

Milanovic: Wir haben hier keine Angst vor der Kanzlerin. Ich erinnere noch gut, wie jahrelang über die deutsche Malaise gesprochen wurde, wie Deutschland Wachstumsschlusslicht in Europa war. Aber daraus hat sich das Land mit mutigen Reformen befreit. Deutschland ist ein Vorbild für uns: Die deutsche Rationalität, der Fleiß...

SPIEGEL ONLINE: Die strenge deutsche Sparsamkeit auch?

Milanovic: Ja, auch.

SPIEGEL ONLINE: Oder halten Sie es eher mit Ihrem sozialdemokratischen Parteifreund François Hollande, der mehr Geld in die Märkte pumpen will, um Wachstum zu erzeugen?

Milanovic: Ich kenne ihn und seine Ansichten. Er ist kein leichtfertiger Politiker. Man kann auch nicht sagen, dass seine Haltung der deutschen absolut widerspricht. Er kommt aus dem Norden, der Normandie, das lässt vermuten, dass er eine eher niederländisch-protestantische, also durchaus sparsame, Auffassung vom Wirtschaften hat. Er ist Sozialist: Die deutschen Reformen hat schließlich auch ein Linker, Gerhard Schröder, durchgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wir wirkt die griechische Misere aus der Sicht eines postkommunistischen Landes? Griechenland, das schon lange der westlichen Sphäre angehört, bringt den Euro an den Rand des Kollapses.

Milanovic: Wir sehen Griechenland nicht als Missetäter. Die Krise dort ist ein Warnzeichen vor einem Weg, den wir nicht beschreiten sollen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Sorge, dass Kroatien als Europa-Nachzügler immer härtere Auflagen gemacht werden?

Milanovic: Die habe ich in der Tat. Aber aus unserer Sicht überwiegen in jedem Fall die Vorteile eines Beitritts. Wir werden zehn Jahre lang doppelt so viel Geld aus Brüssel bekommen, wie wir einzahlen. Wir haben eine Generation lang Zeit, zum Rest Europas aufzuschließen.

SPIEGEL ONLINE: In der EU sind viele der Auffassung, dass Rumänien und Bulgarien verfrüht aufgenommen wurden. Ist Brüssel deshalb mit Kroatien strenger gewesen?

Milanovic: Nein, ich würde nicht sagen, dass wir für Rumänien und Bulgarien büßen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Nationalismus hat in den neunziger Jahren Krieg auf dem Balkan provoziert. Ist die europäische Verheißung in Ihrem Land jetzt stärker als der Nationalismus?

Milanovic: Wir Kroaten haben im vorigen Jahrhundert an einer Überdosis Geschichte zu leiden gehabt. Es gibt noch Nationalismus bei uns, natürlich. Aber die Gemüter kühlen sich langsam ab. Wir, die Sozialdemokraten, wurden gewählt, obwohl wir die Menschen nie nach ihrer Sprache oder Religion eingeteilt haben, also alles andere als nationalistisch sind.

SPIEGEL ONLINE: Der ehemalige serbische Präsident, Boris Tadic, machte unlängst Urlaub an der kroatischen Riviera. Sind die Beziehungen nach Belgrad jetzt ganz entspannt?

Milanovic: Es gibt schon seit 16 Jahren ein Nachbarschaftsabkommen. Vieles hat sich seitdem verbessert. Die Vorurteile zwischen Serben und Kroaten schwinden, wenn auch langsam.

SPIEGEL ONLINE: Kroatien ist vorerst das letzte Land, dessen EU-Beitritt beschlossene Sache ist. Glauben Sie, dass danach der Erweiterungsprozess noch einmal wiederzubeleben ist?

Milanovic: Kroatien wird sich dafür einsetzen, doch wird das sehr schwierig. Erweiterungsmüdigkeit herrscht schon seit langem. Wir wollen aber, dass unsere Nachbarn ebenfalls aufgenommen werden. Natürlich auch Serbien.

Das Interview führte Jan Puhl
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