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01. März 2012, 17:55 Uhr

EU-Präsident Herman Van Rompuy

Die Stärke des blassen Belgiers

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Anfangs war er nur der "blasse Belgier", doch Herman Van Rompuy hat sich zu einem einflussreichen Strippenzieher in Brüssel gemausert: Der EU-Ratspräsident hat in der Euro-Krise seine Rolle gefunden. Jetzt ist er wiedergewählt - und erhält noch einen zweiten Posten.

Gleich auf seinem ersten EU-Sondergipfel musste er seine ganze diplomatische Kunst aufbieten. Im Februar 2010 war Herman Van Rompuy seit zwei Monaten EU-Ratspräsident, da stritten Angela Merkel und Nicolas Sarkozy schon um Hilfen für Griechenland. Ein Kompromiss musste her, der Belgier bat zum vertraulichen Gespräch, am Ende sagten alle Partner Athen grundsätzlich Unterstützung zu. Es war der Einstieg in die Griechenland-Rettung.

Die Euro-Krise hat Van Rompuy seither nicht mehr losgelassen. Unzählige Gipfel und Sondergipfel sind gefolgt, und immer war der stille Christdemokrat mit seiner ausgleichenden Art einer der entscheidenden Akteure. Kritiker bemängeln zwar, dass die Europäer in den vergangenen zwei Jahren nicht entschieden genug gehandelt haben. Die Schuld daran wird aber in der Regel der zaudernden Kanzlerin gegeben. Van Rompuy hingegen wird als effizienter Vermittler gelobt.

Zu Beginn nur "der blasse Belgier"

Als Belohnung wurde der 64-jährige Flame an diesem Donnerstag auf dem EU-Gipfel für eine zweite Amtszeit von zweieinhalb Jahren bestätigt. Die Entscheidung der 27 EU-Staats- und Regierungschefs fiel einstimmig. Van Rompuy erklärte via Internet-Kurzdienst Twitter, er fühle sich sehr geehrt über die Mandatsverlängerung.

Dass die Personalie unumstritten ist, zeigt, welchen Wandel Van Rompuy in dem Amt hinter sich hat. Zu Beginn wurde er belächelt, in Medien und Politik war er nur "der blasse Belgier". Er galt als Notlösung, nicht als Traumkandidat. Doch inzwischen sind EU-Gipfel ohne ihn nicht mehr vorstellbar.

Obendrein wird er künftig noch einen zweiten Präsidenten-Hut tragen: Er soll die separaten Gipfeltreffen der 25 EU-Staaten leiten, die den Fiskalpakt unterzeichnen und eine Art Wirtschaftsregierung der Euro-Zone bilden wollen. Den zusätzlichen Posten als Chef der Euro-Plus-Gruppe hat Van Rompuy vor allem praktischen Erwägungen zu verdanken: Die Regierungschefs wollten sich die mühsame Kandidatensuche ersparen. Auch hätte ein neuer Kandidat nur für zusätzliche Reibungspunkte gesorgt - und das braucht gerade niemand.

Auf dem Papier ist der studierte Philosoph und Betriebswirt damit einer der mächtigsten Männer Europas. Das spiegelt sich aber nicht in seiner Außenwirkung wieder. Seine Pressekonferenzen bei Gipfeltreffen sind spärlicher besucht als die von Merkel oder Sarkozy. Er gilt weiterhin als Befehlsempfänger und Erfüllungsgehilfe der Regierungschefs, allen voran des deutsch-französischen Duos. Er setzt keine eigenen öffentlichen Akzente, sondern trägt Konsenspositionen der 27 vor.

Die Aura eines Sekretärs

Das ist zum Teil dem Amt geschuldet, hat aber auch mit seinem persönlichen Stil zu tun. Van Rompuy hat eher die Aura eines Sekretärs als die eines Präsidenten. "Er tut so, als ob er nicht da ist", hat der luxemburgische Ministerpräsident Jean-Claude Juncker die Methode des Belgiers einmal beschrieben. Die "Süddeutsche Zeitung" bezeichnete ihn als "Super-Diener".

Sein Einfluss ist jedoch im Laufe der Jahre stetig gewachsen. Je mehr Gipfel er leitet, desto wichtiger wird er. Das lässt sich auch an seinem wachsenden Personal ablesen. Im Unterschied zu den Regierungschefs kann sich der Ratspräsident der Euro-Rettung in Vollzeit widmen. Er bereist die Mitgliedstaaten, bereitet sämtliche Sitzungen vor, formuliert Abschlusserklärungen, lotet Verhandlungspositionen aus. Das verschafft ihm einen entscheidenden Vorteil: Wer ständig mit allen redet und mehr Informationen hat als der Rest, gewinnt automatisch an Autorität.

Mitunter blitzt diese Autorität auch auf, etwa als er im Dezember nachdrücklich vor den rechtlichen Problemen des Fiskalpakts warnte - sehr zum Unwillen der Kanzlerin. Auch den Sondergipfel im vergangenen Juli hatte er gegen Merkel durchgesetzt, die eigentlich kein zweites Griechenland-Paket vor der Sommerpause hatte beschließen wollen. Van Rompuys Gabe besteht darin, es sich trotzdem mit niemandem zu verderben.

Auch als Doppel-Präsident kann Van Rompuy nicht von sich behaupten, für Europa zu sprechen. Im supranationalen Institutionengeflecht gibt es gleich mehrere, die ihm diesen Status streitig machen: EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker, EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, selbst EZB-Präsident Mario Draghi. Insbesondere Barroso beäugt Van Rompuy mit einigem Neid.

Der Belgier kann es gelassen sehen: Er ist zweifelsohne im Aufwind. Wenn es einen Gewinner der Euro-Krise gibt, dann heißt er Herman Van Rompuy.

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