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25. Februar 2015, 09:21 Uhr

Fatales Studienergebnis

Europa glaubt nicht mehr an Europa

Von , Rom

Immer mehr EU-Bürger halten immer weniger von Europa - zu diesem bitteren Schluss kommt eine Studie in sechs großen Mitgliedsländern. Die miesen Umfragewerte bedeuten vor allem: ein Totalversagen der Politik.

Vertrauen in Europa? Ja, eine knappe Mehrheit der Deutschen - 53 Prozent - hat es noch. Im restlichen Europa ist das Vertrauen schon dahin, die Mehrheit der Bürger ist EU-skeptisch. Das ist das fatale Ergebnis einer Umfrage des angesehenen italienischen Forschungsinstitutes Demos & pi. In Kooperation mit anderen Meinungsforschern und mit der Zeitungsgruppe um "La Repubblica" wurden dazu in den sechs größten EU-Ländern zwischen dem 12. und 23. Januar jeweils 1000, repräsentativ ausgesuchte Bürger befragt.

In Frankreich, Spanien und Polen stehen nur noch gut 40 Prozent der Befragten dem Projekt Europa vertrauensvoll gegenüber. In Großbritannien sinkt deren Anteil auf 28 Prozent. Und in Italien, das ist traditionell das Land größter Europabegeisterung, mit Zustimmungsraten von einst 70 Prozent, ist Europa-Zuversicht gerade einmal bei 27 Prozent der Bürger zu finden.

Noch schlechter als die EU schneidet der Euro ab. Nur Minderheiten stimmen der These noch zu, die gemeinsame Währung habe Vorteile gebracht und werde weiter Nutzen stiften. Ihr Anteil liegt zwischen 23 Prozent in Frankreich und 11 Prozent in Italien. Selbst die Deutschen, vom Rest Europas als Nutznießer des Euro eingeschätzt und deshalb beneidet, wenn nicht gehasst, glauben nur zu 13 Prozent, dass sie tatsächlich Vorteile von der Währungsunion hätten. Fast dreimal so viele, 37 Prozent, sind laut dieser Studie für eine Rückkehr zur D-Mark.

Nur die Angst vor den möglichen Folgen eines Austritts aus der Währungsunion oder einer Beendigung des Euro-Projektes hält eine Mehrheit der EU-Bürger vor einem klaren "nein" ab. Doch ein "Europa aus Angst", dessen Fundament aus "gegenseitigem Misstrauen" bestehe, werde nicht dauerhaft Bestand haben, fürchtet der Politik- und Soziologieprofessor Ilvo Diamanti, Chef des Demos-Instituts. Verständlich, dass in Polen und Großbritannien, die den Euro nicht haben, ihn überwältigende Mehrheiten auch ganz gewiss nicht bekommen wollen.

"Der Deutsche" gegen "die Griechen"

Nur, wie kann das eigentlich sein, dass immer mehr EU-Bürger der festen Überzeugung sind, die anderen zögen die Vorteile daraus und man selber zahle drauf? Je nach Blickwinkel ist der eine einmal Neider und einmal Beneideter. Logisch ist das nicht. Mithin muss es politisch sein. Dabei trifft sich das politische Management Europas doch seit dem Ausbruch der großen Finanzkrise in immer kürzeren Abständen, um gemeinsame, "europäische" Lösungen zu finden. Und manche der politischen Manager werden dabei zu Helden erkoren - zu Hause jedenfalls. In anderen Ländern gilt derselbe Held gelegentlich eher als Verbrecher.

Wolfgang Schäuble, zum Beispiel, hat seine Griechenlandpolitik in Deutschland zu Popularität und Ansehen gebracht. "Der Deutsche und die Griechen" überschrieb die "FAZ" einen Bericht zur Athen-Reise des Berliner Finanzministers. Um was es geht, ist schon vorab klar: Die Griechen nerven "mit alten Forderungen nach Reparationen", der brave Deutsche, ganz allein, "verteidigt das Recht der Kreditgeber, sich um ihr Geld zu sorgen." Zeilen aus dem Sommer 2013.

Die Zeilen von heute sind ganz ähnlich. "Schäuble weiß, welche Sprache Athen versteht", schrieb vor einigen Tagen "Die Welt".

Den Mist hat Europa verbockt

Und auf der anderen Seite brachte sich der 92-jährige Syriza-Abgeordnete und Held aus alten Partisanenzeiten Manolis Glezos noch einmal zurück auf die politische Bühne. Er hatte den Kompromiss seines Partei- und Regierungschefs Alexis Tsipras verworfen und sich zu der Formulierung verstiegen, "zwischen dem Sklaven und seinem Unterdrücker" könne es keinen Kompromiss geben.

Keine Problemlösung, aber zwei Helden. So läuft es überall. Jede Regierung, fast jede Partei betreiben ihre Europapolitik primär national, mit Blick auf das Wahlvolk daheim. Was gut läuft, hat man selbst gemacht, den Mist hat Europa verbockt. Wenn das Europagegner tun, mag das Sinn haben. Wenn das Regierungen tun, die ständig das "Jahrhundert-" oder auch "Friedensprojekt" beschwören, ist das entweder Vorsatz, grob fahrlässig oder dämlich.

Der deutsch-griechische Streit ist das bislang schlimmste Beispiel dafür. Das erste Rettungspaket für die in die Krise gerutschten Griechen musste bis zur NRW-Landtagswahl im Mai 2010 auf das Berliner "okay" warten. Denn Griechenhilfe wurde als unpopulär eingeschätzt. So wurde es für die Deutschen teurer und für die Griechen misslicher.

Im Jahr drauf wählten die Berliner ihre Stadtregierung: Breit wurde im Vorfeld über ein Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone politisiert. Und so ging es weiter. Jede Stimme bei einer Landtagswahl, so muss man annehmen, ist wichtiger, als der Bestand der EU. Und wenn sich EU-, Griechen-, Italien- oder Deutschland-Bashing auszahlt, dann wird eben gepöbelt.

Natürlich gilt das nicht nur in Deutschland. Auch in Frankreich, in Polen, in Großbritannien, in Italien. Und besonders auch in Griechenland: Mit heftiger Polemik gegen die deutsche "Kolonisierung" schaffte es Alexis Tsipras auf den Stuhl des Regierungschefs. Untermalt von den Medien mit Nazi-Anspielungen wie "Heil Schäuble", der in Athen nicht als Held, sondern eher als Verbrecher gilt.

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