Extreme Verluste für Corbyns Partei bei der EU-Wahl Der Labour-Haken

Mit ständigem Lavieren in der Brexit-Frage hat Labour-Chef Jeremy Corbyn seine Partei bei der Europawahl in den Abgrund gesteuert. Ein Besuch in seinem Wahlbezirk Islington zeigt: Es kann jetzt nur noch einen Kurs geben.

Carmen Cousens: "Wie kann ich da Corbyn wählen?"
Steffen Lüdke

Carmen Cousens: "Wie kann ich da Corbyn wählen?"

Aus London berichtet


Was muss das für ein Gefühl gewesen sein für Jeremy Corbyn, als er am späten Sonntagabend von den Ergebnissen im Londoner Bezirk Islington erfuhr? Islington, dort liegt auch Corbyns Wahlbezirk, im Norden des Stadtteils hat Labour seit Jahrzehnten jede Wahl gewonnen, Corbyn selbst zuletzt mit mehr als 72 Prozent.

Dass Labour ausgerechnet hier verlieren könnte, schien ausgeschlossen, auch wenn Corbyn nicht selbst als Kandidat bei der Europawahl antrat. Doch mit seiner Vorherrschaft war an diesem Sonntagabend, Corbyns 70. Geburtstag, Schluss.

Stattdessen triumphierten die Liberaldemokraten in Islington. 27 Prozent erreichten sie, 18 mehr als 2014. Corbyns Labour-Partei verlor im Vergleich 21 Prozent und kommt nun auf 26 Prozent.

Die Liberaldemokraten gewannen auch in London insgesamt, landesweit kamen sie vor Labour und hinter der Brexit-Partei auf den zweiten Platz. Islington war also nur ein Sieg von vielen - aber ein symbolischer.

Wer verstehen will, wie Corbyn in seinem Wahlbezirk so eine herbe Niederlage einfahren konnte, muss mit Menschen wie Carmen Cousens reden. Es ist Feiertag an diesem Montag in London, Hunderte Menschen schlendern durch die Upper Street in Islington. Im Bio-Laden gibt es "Superfood", nebenan stehen ein "Social Cafe" und eine zuckerfreie Bäckerei. In der Auslage liegt glutenfreies Brot.

Im Eisladen "Udderlicious" steht Cousen hinten in der Küche, rührt in einem riesigen Bottich. "Ich habe Lib Dems gewählt", ruft die 24-Jährige von hinten. "Labour ging einfach nicht." Bei den letzten Wahlen habe sie Corbyn noch ihre Stimme gegeben. "Aber ich bin gegen den Brexit. Wie kann ich da Corbyn wählen?"

Erst habe sie für die Grünen stimmen wollen, die andere Partei, die den Brexit noch verhindern will. Dann sei sie doch noch umgeschwenkt, obwohl sie mit vielen Positionen der Liberaldemokraten nicht übereinstimme. Aber deren klare Haltung zum Brexit habe den Ausschlag gegeben - und sie selbst letztlich taktisch abgestimmt.

"Bollocks to Brexit", auf Deutsch etwa: "Scheiß auf den Brexit!", mit diesem Slogan warben die Liberaldemokraten im Wahlkampf. Deutlicher geht es kaum.

Seid ihr für oder gegen den Brexit? Das wollten die Briten vor dieser Europawahl von ihren Repräsentanten wissen. Die Grünen und die Liberaldemokraten hatten auf die Frage eine klare Antwort parat. Die beiden Parteien konnten am Sonntagabend jubeln. Außerdem fuhr Nigel Farages Brexit-Partei einen klaren Sieg ein. Sie kam mit Maximalforderungen und brachialer Brexit-Rhetorik auf knapp 32 Prozent der Stimmen.

Jeremy Corbyn: Krachende Niederlage
Daniel Leal-Olivas / AFP

Jeremy Corbyn: Krachende Niederlage

Tories und Labour hingegen erzielten historisch schlechte Ergebnisse. Nach Jahren des Brexit-Wirrwarrs hat sich die britische Gesellschaft polarisiert. Die Wähler hatten offenbar genug Zeit, um sich eine eindeutige Meinung zu bilden - und wanderten massenhaft zu Parteien ab, die ebenfalls eine haben.

In der Brexit-Frage hat Corbyn sich immer wieder um eine klare Antwort gedrückt. Er strebe eine Neuwahl an, sagte er immer wieder. Nur wenn das nicht gelinge, würde er eine zweite Volksabstimmung über einen von den Tories verhandelten Deal unterstützen. Es ist Corbyns Formel, um es sowohl Brexit-Gegnern als auch Brexit-Befürworter unter den Labour-Wählern recht zu machen.

"Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht genau, was Labour in Sachen Brexit möchte", sagt Cousens im Eisladen dazu. Haben sie nicht zuletzt erzählt, dass sie das Resultat des Referendums respektieren wollen?"

Lib Dems bewerten die Wahl als möglichen Wendepunkt

Genau diese bewusst mehrdeutige Haltung ist es, die Nick Wakeling in die Hände spielt. Der 44-Jährige war einer der lokalen Kandidaten der Liberaldemokraten in Islington. Im Wahlkampf ist er pro Tag Dutzende Kilometer durch seine Heimat gelaufen, hat an Türen geklopft und Menschen überredet, nicht für Labour zu stimmen. Jetzt führt er durch Straßen mit Reihenhäusern, Parks und Plätze mit Crêpes-Läden.

Einst gab es hier viele Sozialwohnungen, nun sind viele Kreative und Wohlhabende eingezogen. "Diese Häuser hier kosten ab 30 Millionen Pfund", sagt Wakeling und deutet auf die Backsteinvillen, die hinter Bäumen stehen. "Hier wohnt auch Keira Knightley, habe ich gehört."

Nick Wakeling: Immer mehr Überläufer aus dem Labour-Lager
Steffen Lüdke

Nick Wakeling: Immer mehr Überläufer aus dem Labour-Lager

Jetzt, ziemlich plötzlich, habe die Parole "Stop Brexit" verfangen, sagt Wakeling. Dutzende ehemalige Labour-Wähler hätten ihm in den vergangenen Tagen gesagt, dass sie nun die Lib Dems wählen würden. Wakeling glaubt: "Die EU-Wahl kann zu einem Wendepunkt werden."

Ob es soweit kommt, hängt auch von Labours Reaktion ab. Wird Labour zur Anti-Brexit-Partei, steigen die Chancen auf ein zweites Referendum dramatisch. In dem Fall könnte es mit dem Erfolg der Liberaldemokraten schnell wieder vorbei sein.

Der interne Kampf in der Partei ist eröffnet

Schon Sonntagnacht wurde klar, was Labour nun bevorsteht. Es waren noch längst nicht alle Resultate bekannt, als Schatten-Außenministerin Emily Thornberry den Machtkampf eröffnete. Ihre Partei hätte sich klar für ein zweites Referendum stark machen sollen. "Und wir hätten sagen sollen, dass wir dafür werben werden, um in der EU zu bleiben." Ein Seitenhieb gegen Corbyn und seine Taktik, live im Fernsehen.

Am Montag schlossen sich ihr weitere wichtige Labour-Leute an, darunter Schattenkanzler John Martin McDonnell - eigentlich einer von Corbyns engsten politischen Freunden. Es sei Zeit, ein zweites Referendum zu unterstützen, sagte er.

Vizeparteichef Tom Watson startete gar eine Umfrage, in der Labour-Unterstützer abstimmen sollen, ob sie die Brexit-Politik der Partei lieber an einem Sonderparteitag oder bei einer Mitgliederbefragung ändern wollen.

Und Jeremy Corbyn? Bewegt sich zentimeterweise. Er höre sich beide Seiten sehr aufmerksam an, sagte er zunächst am Montag. Später schrieb er laut "Guardian" seinen Parlamentariern, dass Labour bereit sei, jeden Brexit-Deal - und nicht nur einen von den Tories verhandelten - noch einmal durch eine zweite Volksabstimmung oder eine Neuwahl bestätigen zu lassen.

Nach enthusiastischer Unterstützung für ein zweites Referendum und eine Anti-Brexit-Kampagne hört sich das nicht an. Corbyn hat es zudem bisher vermieden, in einer großen öffentlichen Rede einen Strategiewechsel zu erklären.

Während Corbyn noch überlegt, hat Carmen Cousens sich unterdessen bereits festgelegt. Wenn Labour zur Anti-Brexit-Partei werde, wolle sie wieder Corbyn wählen. Aber auch nur dann.

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
schwaebischehausfrau 28.05.2019
1. Das ist jetzt schon die dritte Wahl...
nach dem Brexit-Referendum selbst, danach der von Theresa May vorgezogenen Parlamentswahl und jetzt die EU-Wahl, in der die EU-Befürworter eindeutig KEINE Mehrheit bekommen. Auch dieses Mal nicht. Dazu muß man nur die Stimm-Anteile von Nigel Farage's Brexit-Partei, UKIP, Tories zusammenzählen und berücksichtigen, dass diejenigen Wähler, die immer noch Labour gewählt haben (und nicht zu den EU-freundlichen Liberalen und GRÜNEN abgesprungen sind) zu substantiellen Teilen auch für einen Brexit und gegen einen EU-Verbleib von UK sind. Ganz abgesehen davon, dass man davon ausgehen darf, dass die Wahlbeteiligung am Sonntag bei EU-Remainern höher war als bei EU-Gegnern, für die das Thema eh durch ist und die deshalb auch eine Beteiligung GBs an den EU-Wahlen abgelehnt haben. Aber immer noch die verzweifelten Versuche, eine Pro-EU-Stimmung herzustellen so wie in den Tagen und Wochen nach dem Brexit-Referendum, wonach dieses Referendum nur ein großes Mißverständnis gewesen sei und eine deutliche Mehrheit der Briten doch eigentlich für einen EU-Verbleib sei. Das war niemals der Fall in UK.
112211 28.05.2019
2. Hin und her
Hin und her, Taktieren der Partei, welcher Wähler will das schon? Andererseits sollte man der EU Wahl in Brexittanien nicht so viel Bedeutung beimessen. Wer würde hierzulande schon zu einer Wahl gehen, deren Sinn sich nur wenige Monate später erübrigt? Also, ich nicht.
lesheinen 28.05.2019
3.
Corbyn hat es immer noch nicht kapiert. Sein Lavieren, sein Versuch, everybodys darling zu sein, klappt genauso gut, wie einen Pudding an die Wand zu nageln.
throwaway 28.05.2019
4. @schwaebischehausfrau
Eindeutige Brexit-Befürworter (Brexit und UKIP) haben bei dieser Wahl zusammen gerade einmal gut ein Drittel der Stimmen geholt (35.3%). Eindeutige Brexit-Gegner (Liberaldemokraten, Grüne, Schotten, ChangeUK) zusammen ebenfalls 35.8%, die Lager sind weiterhin quasi gleich groß. Bleiben die zwei alten Parteien, die sich nicht einigen können, auf welcher Seite sie stehen (Tories und Labour) mit insgesamt 22.8%. Ebensowenig wie alle Labour-Wähler gegen den Brexit sind, sind alle Torie-Wähler für den Brexit. Wenn man es auf einen Punkt herunter brechen will, kann man hingegen auf jeden Fall sagen, dass fast 2/3 der UK-Wähler gegen einen harten No-Deal-Brexit sind.
Celegorm 28.05.2019
5.
Zitat von schwaebischehausfraunach dem Brexit-Referendum selbst, danach der von Theresa May vorgezogenen Parlamentswahl und jetzt die EU-Wahl, in der die EU-Befürworter eindeutig KEINE Mehrheit bekommen. Auch dieses Mal nicht. Dazu muß man nur die Stimm-Anteile von Nigel Farage's Brexit-Partei, UKIP, Tories zusammenzählen und berücksichtigen, dass diejenigen Wähler, die immer noch Labour gewählt haben (und nicht zu den EU-freundlichen Liberalen und GRÜNEN abgesprungen sind) zu substantiellen Teilen auch für einen Brexit und gegen einen EU-Verbleib von UK sind. Ganz abgesehen davon, dass man davon ausgehen darf, dass die Wahlbeteiligung am Sonntag bei EU-Remainern höher war als bei EU-Gegnern, für die das Thema eh durch ist und die deshalb auch eine Beteiligung GBs an den EU-Wahlen abgelehnt haben. Aber immer noch die verzweifelten Versuche, eine Pro-EU-Stimmung herzustellen so wie in den Tagen und Wochen nach dem Brexit-Referendum, wonach dieses Referendum nur ein großes Mißverständnis gewesen sei und eine deutliche Mehrheit der Briten doch eigentlich für einen EU-Verbleib sei. Das war niemals der Fall in UK.
Man kann sich natürlich alles so zurecht legen, wie es einem passt. Fakt ist aber, dass die erwähnten Parteien zusammen auf gerade einmal 42.5% kommen, wobei man da ignoriert, dass die Tories (und damit deren Wähler) keineswegs geschlossen für den Brexit sind. Selbst wenn man noch grosszügig die Hälfte von Labour oben drauf schlägt, reicht das nicht für eine klare Mehrheit, sondern nur für 49.5%. Richtig ist darum eher, dass das Land nach wie vor stark gespalten ist und zwar ziemlich genau hälftig. An der Situation hat sich also nicht viel geändert und bei einer neuen Abstimmung wäre es wohl wieder sehr eng, sprich könnte mit ein, zwei Prozent auf die eine oder andere Seite fallen. Das grössere Problem ist aber so oder so, dass das nach wie vor nichts darüber aussagt, was für ein Brexit es denn sein soll. Da gibt es ja offenkundig für keine Variante eine wirkliche Mehrheit und das lässt das ganze Unterfangen endgültig ziemlich lächerlich aussehen..
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