Krisentreffen in Brüssel Der Gipfel der Gesichtswahrung

Ist zur Griechenland-Krise alles gesagt, nur noch nicht von allen? Beim EU-Spitzentreffen beraten Merkel und Tsipras stundenlang, bloß um die bestehende Einigung zu bekräftigen. Dennoch könnte genau das einen Durchbruch bedeuten.

Krisengespräch in Brüssel: "Griechenland wurde netter gebeten"
AP

Krisengespräch in Brüssel: "Griechenland wurde netter gebeten"


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


28 Tage sind schon vergangen, seit sich die Euro-Gruppe mit Griechenland auf eine Verlängerung des Hilfsprogramms gegen Reformauflagen geeinigt hat. Hinzu kommen an diesem Donnerstagabend in Brüssel beinahe vier weitere Stunden, die Kanzlerin Angela Merkel in kleinem Kreis mit Premier Alexis Tsipras verhandelt.

Und, schwupps, schon soll es einen echten Fortschritt geben im Schulden-Showdown mit Athen.

Zumindest kann man diesen Eindruck bei der Pressekonferenz der Kanzlerin um 2.30 Uhr morgens erhalten. Die Regierung in Athen wollte statt einer first list an Reformen, die sie bereits der Euro-Gruppe vorgelegt habe, nun eine full list an Reformen schicken, ist da zu vernehmen.

Das verblüfft die Journalisten. Worin genau der Unterschied bestehe?

Die full list sei eben keine first list mehr, erklärt Merkel hilfsbereit. Komplett und spezifisch halt.

Aha. Solche Listen-Exegese soll also einen Durchbruch bedeuten - und als Resultat eines spektakulären Krisentreffens taugen, an dem neben Merkel und Tsipras noch Frankreichs Präsident François Hollande, EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, EU-Ratspräsident Donald Tusk, Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem und EZB-Präsident Mario Draghi teilnahmen?

Paradoxerweise: Ja. Denn zwar klingt vieles, das Merkel vorträgt, tatsächlich erstaunlich vertraut. Sie spricht von einem Bekenntnis zu den "Beschlüssen der Euro-Gruppe", und dem Wunsch an Athen, die Arbeit an Reformen zu "beschleunigen". Das fordern die Kreditgeber seit Wochen von Griechenland.

Am Montag kommt Tsipras nach Berlin

Auch die gemeinsame Erklärung von Tsipras und Spitzenvertretern der EU hört sich bekannt an. In dem Papier verpflichtet sich Athen, in den nächsten Tagen konkrete Reformen zu benennen und umzusetzen, um Gelder zu erhalten, die in dem 240 Milliarden Euro schweren Rettungspaket noch vorhanden sind.

EU-Diplomaten berichten, die Runde hätte zudem mit Tsipras beraten, welche Reformen der Premier schnell durchs Parlament boxen kann, ohne viele Wähler gegen sich aufzubringen. Auch dies ist mittlerweile eine vertraute Übung.

Und doch: Dass in der Politik der Ton die Musik machen kann, gilt auf diesem EU-Gipfel mehr denn je. Im Kern ging es darum, noch einmal auf allerhöchster Ebene zu besprechen, was Untergebene - etwa Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis in seinen Gesprächen mit der Euro-Gruppe - verhandelt hatten.

Merkel betont daher, sie sei ja bislang noch nie mit Tsipras zu diesem Thema zusammengetroffen. Erst am Montag wird der Premier seinen Antrittsbesuch in Berlin absolvieren.

Dass Merkel und die anderen EU-Größen sich schon am Donnerstag demonstrativ für ihn Zeit nahmen, ist für den Griechen ein wichtiger symbolischer Triumph. Tsipras möchte seinen Wählern daheim unbedingt zeigen, dass er die Souveränität Griechenlands auf Augenhöhe verteidigt.

"Der gute Ausgang dieses Treffens heute könnte sein, dass Griechenland das Abkommen vom 20. Februar komplett umsetzen muss - einfach weil es darum netter gebeten wurde, und von wichtigeren Leuten", sagt der Economist-Kolumnist Tom Nuttal.

Merkel jedenfalls bemüht sich nach Kräften, diesen Eindruck zu stützen. Die verbalen Attacken von Tsipras und Co. gegen Deutschland seien kein Thema mehr gewesen, betont sie, "wir haben uns auf die Zukunft konzentriert". Zugleich beteuert sie ihren Optimismus, mittlerweile sei das Bekenntnis zu Reformen in Griechenland authentisch.

Auch Tsipras gibt dieser Zuversicht nach dem Krisentreffen neue Nahrung. "Alle Seiten tun ihr Bestes, um die griechischen Probleme zu überwinden", sagt er.

Und wenn das schlicht nicht mehr reicht, weil seit dem Abkommen im Februar ein Monat ohne Reform-Fortschritte verstrich - und Athen das Geld auszugehen droht?

"Alles soll schnell gehen"

Zwar erklärten griechische Regierungsvertreter am Donnerstagabend, man werde eine fällige Kreditrate von rund 350 Millionen Euro pünktlich an den Internationalen Währungsfonds (IWF) überweisen. Zu einer Staatsanleihe über 1,6 Milliarden Euro, die ebenfalls am Freitag fällig wird, sagte der Regierungsvertreter allerdings nichts. Zuletzt war zu hören, dass Athen öffentliche Unternehmen als Käufer für eine Neuauflage der Papiere in die Pflicht nehmen wolle.

Fest steht offenbar: Der Staatsbankrott scheint zum Greifen nahe, Ende März muss die Regierung Renten und Beamtenbezüge in Milliardenhöhe zahlen.

Einen konkreten Einblick in die Kassenlage in Athen habe sie beim Brüsseler Krisentreffen nicht erhalten, sagt Merkel. Doch die Lage dort sei gewiss "nicht einfach".

Für den Fall, dass die Griechen mit den Reformen tatsächlich so schnell vorankommen, bot Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem an, die Euro-Gruppe schon nächste Woche wieder zusammenzurufen, um Finanzhilfen freizugeben. Die Kanzlerin will sich aber nicht auf ein Datum festlegen. "Alles soll schnell gehen", sagt Merkel nur.

Zusammenfassung: Angela Merkel und Alexis Tsipras haben erstmals miteinander über die Finanzkrise in Griechenland gesprochen. Das Ergebnis: Athen legt der Euro-Gruppe in Kürze eine Liste mit konkreten Reformen vor. Dann sollen die Griechen dringend benötigte Finanzhilfen erhalten.

insgesamt 118 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Michael9999 20.03.2015
1. Lachnummer
Eine Lachnummer jagt die Nächste! Wenn Ein netterer Tonfall nun bedingt das GR aktiv wird, hat die GR Regierung offensichtlich nicht verstanden worum es geht. Sicherlich sind die Auswirkungen für die EU im Falle eines Grexit nicht schön, für GR und die Bevölkerung wohl aber zuallererst katastrophal. Aufgewacht Herr Tsipras! Sie spielen mit dem Feuer !
stefan.p1 20.03.2015
2. Kein Wort von der finanzielen Lage Griechenlands
Wie sollen den die Geldgeber überhaupt wissen wie die aktuelle Finanzlage der Griechen ist wenn die Troika nicht mehr in die Bücher schauen darf.Oder war das kein Thema bei dem Treffen.Will Merkel den Griechen etwa vertrauen wenn die Auskunft über ihren Kontostand geben?
surfaxel 20.03.2015
3. Was macht Frau Merkel im Angesicht der Trümmer ihrer...
...Politik? Sie gibt Herrn Tsipras Ratschläge, wie man Parlamente und Wähler täuschen und überrumpeln kann. Zitat: "EU-Diplomaten berichten, die Runde hätte zudem mit Tsipras beraten, welche Reformen der Premier schnell durchs Parlament boxen kann, ohne viele Wähler gegen sich aufzubringen. Auch dies ist mittlerweile eine vertraute Übung." Es ist sogar eine vertraute Übung!!! Das schlägt dem Fass den Boden aus und zeigt, wessen Geistes Frau Merkel ist. Das ist schon eine neue Qualität der Unverschämtheit, Respekt!
lemmy01 20.03.2015
4. Und täglich grüßt das Murmeltier
Und täglich grüßt das Murmeltier. Das schlimmste aber ist, dass Griechenland der Mühlstein Europas ist. Ständig geht es nur noch um dieses Thema. Da werden dann leider irgendwann auch die europafreundlichen Politiker "keinen Bock" mehr auf Europa haben.
haenner 20.03.2015
5. die nie endende Geschichte
und spätestens heute Abend kann sich Tsipras wieder an keinerlei Zusagen erinnern und wird Deutschland an seine Reparationsforderungen erinnern. Wenn Griechenland Bestandteil von Afrika wäre, wäre es schon längst um dieses Land geschehen, was traditionell über seine Verhältnisse lebt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.