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04. Juli 2012, 06:35 Uhr

Merkel in Rom

Auf schwieriger Mission bei Signor Monti

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Sie galt als Verliererin des jüngsten Euro-Krisengipfels, nun reist Angela Merkel nach Italien zu Premier Mario Monti. Kein leichter Besuch, denn in Rom gibt man sich selbstbewusst - dank der Allianz mit Paris und Madrid. Die Kanzlerin muss ihre neue Rolle erst noch finden.

Rom - Wieder einmal Rom. Wieder einmal die rasende Autofahrt im Blaulichtgeflacker vom Flughafen zur Villa Madama, dem freskenverzierten Medici-Landhaus aus dem 16. Jahrhundert, das heute von der italienischen Regierung genutzt wird. Angela Merkel kommt an diesem Mittwoch zu ihrem nächsten Termin in die italienische Hauptstadt. Deutsch-italienische Regierungskonsultationen stehen an, gleich fünf Minister aus ihrem Kabinett begleiten die Kanzlerin.

Business as usual, so scheint es. Erst vor zwölf Tagen war Merkel hier. Zum Vierergipfel mit Frankreichs Präsident François Hollande, Spaniens Ministerpräsident Mariano Rajoy und natürlich Italiens Regierungschef Mario Monti. Damals war die Merkel-Welt noch in Ordnung: Die Kollegen forderten wie üblich dies und das, die Deutsche sagte wie immer nein zu allem, was ihr nicht passte, gönnte ihren Kollegen aber immerhin den Wachstumspakt, den sie so nachdrücklich eingefordert hatten. Das war es dann auch. Punkt. Basta. Heimflug.

Plötzlich ist alles anders. Zweimal haben die scheinbar übermächtigen Deutschen gegen die Italiener verloren, auf dem Fußballplatz in Warschau beim EM-Halbfinale und beim EU-Gipfel in Brüssel, und das am selben Abend. Das hat die Deutschen schrumpfen und die Südländer gewaltig wachsen lassen. Gleich drei neue Helden dürfen diese nun feiern, alle heißen Mario: Mario Balotelli, der mit zwei Toren die deutsche Nationalmannschaft erledigte; Mario Monti, der im politischen Wettstreit die eigentlich doch unbesiegbare "eiserne Kanzlerin" bezwang; und Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), der mit Sachverstand und Amtsgewalt hinter den Kulissen half.

Zu viele Zufälle, um Zufall zu sein, munkeln abergläubische Italiener. Das Schicksal, finden sie, ist ihnen wieder hold.

"Super-Mario hat gewonnen"

"Wir haben in dieser Nacht unsere Rolle als wichtiger Akteur in Europa wiedergefunden", kommentierte die konservative Tageszeitung "Corriere della Sera", nachdem man so viele Jahre nur am Rande des Geschehens gestanden habe. "Super-Mario hat gewonnen", jubelte auch das linksliberale Konkurrenzblatt "La Repubblica", aber auch "la Merkel hat nicht verloren". So wie in den führenden Medien ist auch die weit verbreitete Stimmung im Volk: Dass Italien endlich wieder zu alter Stärke gefunden hat, ist ein Segen für ganz Europa. Sogar für Deutschland. Häme ist nicht angesagt.

Und die angeblich verhasste Merkel? Ach, die hat doch auch nur die deutschen Interessen verteidigen wollen, wie es alle guten Politiker tun. Und sie hat immerhin den europäischen Krisenländern ihre nationalen Schwachstellen vor Augen geführt, die dort am liebsten verdrängt worden wären. Nur zwei Zeitungen aus dem Berlusconi-Imperium sind mit peinlichen Karikaturen und zotigen Sprüchen über die deutsche Kanzlerin hergefallen. Die breite Mehrheit, selbst der Berlusconi-Wähler, hat sich dafür geschämt.

Bis zum Doppelschlag empfanden viele Italiener die Deutschen und ihre Kanzlerin zunehmend unerträglich. Nach ihren Niederlagen sind die strengen Nordlichter in der italienischen Wahrnehmung kleiner und menschlicher geworden. Weniger übermächtig - dadurch auch ein bisschen sympathischer.

Das persönliche Verhältnis der politischen Protagonisten war ohnehin gut und ist es wohl auch geblieben. "Die gegenseitige Sympathie" zwischen ihm und Merkel, das hat Monti dem italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano nach dem dramatischen EU-Gipfel versichert, sei ungebrochen. Und in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", pünktlich zum Treffen am Mittwoch veröffentlicht, bestritt er tiefergehende Differenzen: "Angela plus Mario ist gleich ein Schritt nach vorne für die europäische Wirtschaftspolitik", betonte Monti.

Monti versuchte in dem Interview, dem Eindruck entgegenzuwirken, es gebe tiefgehende Differenzen zwischen ihm und der Bundeskanzlerin. Italien sei stets für mehr Wachstum eingetreten, aber nicht "auf Kosten der Haushaltsdisziplin", sagte der Premier. Er habe beim EU-Gipfel vor knapp einer Woche dazu beigetragen, etwas "für das Wachstum und die finanzielle Stabilität" in Europa zu tun.

Die Begrüßung vor der Villa Madama wird an diesem Mittwoch also herzlich sein. Das anschließende Gespräch dürfte freilich kompliziert werden. Denn nicht nur Stimmungen und Gefühle haben sich in den letzten Tagen gewandelt. Auch das politische Kräftefeld ist quasi über Nacht völlig verändert - für Mario Monti, für Angela Merkel, für ganz Europa.

"Merkozy" war gestern

Vor seinem Erfolg in Brüssel "kreisten schon die Geier" über Montis Regierungszentrale Palazzo Chigi, so "La Repubblica". Silvio Berlusconi, noch immer Anführer der Mehrheitsfraktion im Parlament, hatte dem Regierungschef offen gedroht, ihn alsbald zu stürzen. Jetzt ist Monti fürs Erste gerettet - und Berlusconi muss zurück in die Schmollecke. Damit ist Italiens Ministerpräsident auch ein ernstzunehmender Akteur auf dem europäischen Parkett geworden.

Europa wird fortan nicht mehr von Deutschland und Frankreich dominiert - "Merkozy" ist passé -, sondern von einem Viererclub: Italien und Spanien reden plötzlich wieder mit im EU-Führungskader. Nach dem Machtwechsel in Frankreich gehören damit drei der vier Wortführer der mediterranen Zone an.

Die Folge ist, das zeigen die Ergebnisse der langen Brüsseler Gipfelnacht, ein politischer Kurswechsel in Europa. Die radikale Sparpolitik à la Berlin hat ausgedient. Die neue Linie will das Wachstum wieder mit staatlichen Aufträgen und Subventionen anheizen, aber gleichzeitig den Pfad sparsamer Finanzpolitik nicht verlassen. Ob der Spagat gelingt, muss sich erst noch zeigen. Merkel wird ihrem Kollegen Monti dazu ihre Vorbehalte deutlich machen.

Die Deutsche wird dem Italiener auch ansonsten einiges vortragen, was diesen verdrießen muss. Denn der Jubel in Europas krisengeplagten Südstaaten über die Beschlüsse von Brüssel hat verdeckt, dass darin vieles recht vage formuliert wurde und manches Entscheidende fehlt. Das wirkt jetzt nach.

Und noch eins könnte Merkel den über Nacht zu Optimisten mutierten Italienern nahebringen: Ihre ökonomischen Probleme werden weder durch Montis fulminanten Gipfelerfolg noch durch Balotellis schöne Tore gelöst.

Dazu braucht es noch etliche radikale und für viele schmerzhafte Programme zur Modernisierung der verkrusteten Wirtschaft. Denn einstweilen geht die ökonomische Talfahrt weiter. Die neuen Zahlen zum Autoabsatz im Juni zeigen das beispielhaft: minus 24 Prozent. Die Rezession nimmt Fahrt auf.

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