"Euro-Plot" Al-Qaida soll Geiselnahmen in Europa vorbereiten

Der Ex-Dschihadist Noman Benotman, einst Ausbilder in Afghanistans Terrorlagern, glaubt: Al-Qaida will in Europa Geiseln nehmen, um 9/11-Planer Chalid Scheich Mohammed freizupressen. Experten halten das für plausibel.
Von Yassin Musharbash
9/11-Planer Chalid Scheich Mohammed: Er soll angeblich freigepresst werden

9/11-Planer Chalid Scheich Mohammed: Er soll angeblich freigepresst werden

Foto: A2800 epa Handout/ dpa

Berlin - Am 17. September 1974 bestiegen vier Terroristen der japanischen "Roten Armee" (JRA) in Amsterdam ein von der Regierung Frankreichs bereitgestelltes Flugzeug und befahlen dem Piloten loszufliegen - ihr Reiseziel blieb zunächst unbekannt.

Der Start der Boeing 707 markierte das Ende einer geglückten terroristischen Operation: Vier Tage lang hatten drei der JRA-Mitglieder die französische Botschaft in Den Haag besetzt und das Personal als Geiseln gehalten. Wie von ihnen verlangt, tauschte Paris den vierten JRA-Mann, Yutuka Furuya, gegen die Geiseln aus - er war in Frankreich inhaftiert gewesen.

al-Qaidas

Über 30 Jahre später könnte diese Operation möglicherweise wieder aktuell werden. Der Libyer Noman Benotman, Ex-Dschihadist, in den neunziger Jahren einer der Anführer der libyschen Mudschahidin im Umfeld und Ausbilder in afghanischen Terrorcamps, sagt: "Ich habe Informationen, die ich für verlässlich halte, denen zufolge al-Qaida in Waziristan trainieren lässt, wie man parallele Geiselnahmen durchführt, um einen Gefangenen freizupressen."

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Al-Qaida: Die Köpfe des Terrornetzwerks

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Chalid Scheich Mohammed

Benotman glaubt, dass die mutmaßlichen Planungen für Anschläge in Europa, vor denen Sicherheitsbehörden seit Wochen warnen, real sind. Dass der Plan darin besteht, in Deutschland, Frankreich und Großbritannien parallel Gebäude zu besetzen und die Insassen festzuhalten. Und dass die Operation mit einer Forderung verknüpft werden soll: der Freilassung von , dem meist KSM genannten 9/11-Mastermind, der in den USA im Gefängnis sitzt und dem dort der Prozess gemacht werden soll.

Der Libyer kennt den JRA-Plot von 1974 gut: Er studierte ihn Anfang der neunziger Jahre in Afghanistan - und kam mit seinen damaligen Gesinnungsgenossen zu dem Ergebnis, er könne ein Modell sein, falls sie selbst einmal Gefangene freipressen wollten.

Anschlägen vom 11. September 2001

Heute lebt Benotman in London. Er hat einen langen Weg hinter sich: Nach den sagte er sich vom Terror los; mittlerweile ist er ein führender Qaida-Experte und arbeitet bei der Londoner Quilliam-Foundation  an der Deradikalisierung junger Islamisten. Der 43-Jährige sitzt in einem Café zwischen dem Bahnhof Paddington und der U-Bahn-Station Edgeware Road, wo am 7. Juli 2005 ein Selbstmordattentäter eine Bombe zündete, und erinnert sich an seine afghanischen Tage: "Wir haben ein solches Szenario damals schon trainiert."

Soll Chalid Scheich Mohammed freigepresst werden?

Dass al-Qaida diesen Faden jetzt wieder aufgegriffen hat, erklärt Benotman, sei mehr als nur eine Spekulation. Seine Quellen könne er nicht nennen, um niemanden zu gefährden, sagt er; er verbürge sich aber für deren Glaubwürdigkeit. Der Berliner Terrorexperte Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik sagt dazu: "Benotman kennt die dschihadistische Szene und ihre Führungspersönlichkeiten wie kaum ein anderer. Es ist durchaus möglich, dass er über Informationen zu einem geplanten Anschlag verfügt. Bisher haben sich seine Informationen und Hinweise immer als korrekt erwiesen."

Benotman verweist zudem auf zwei Indizien, die sich in seine Theorie fügen würden: So habe al-Qaida Deutschland im vergangenen Herbst als Anschlagsziel benannt; diese Drohung sei noch gültig. Zum anderen erinnert er an eine Tonbotschaft Osama Bin Ladens vom Juni 2010, in der er den USA ausrichtete: "An dem Tag, an dem Amerika die Hinrichtung von Chalid Scheich Mohammed beschließt, hat es zugleich über die Hinrichtung aller US-Geiseln in unseren Händen entschieden."

Osama Bin Laden

"Ich kenne persönlich", sagt der Libyer. "Er legt Wert darauf, dass er nach jeder Aktion behaupten kann: Warum seid ihr überrascht? Ich habe es doch angekündigt!"

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Drohnenkrieg der CIA: Prominente Opfer

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Kann das sein? Plant al-Qaida Geiselnahmen in Europa, um die USA zur Freilassung von KSM zu drängen?

Das Kalkül, sagt Benotman, sei simpel: Selbst wenn die USA die Forderung - was wahrscheinlich ist - nicht erfüllten, könnten die Terroristen dennoch zweierlei erreichen: Tagelang wären die Medien der Welt allein mit al-Qaida beschäftigt. Zudem würden sie einen Keil zwischen die USA und Europa treiben, sollten hier Unschuldige sterben, weil Washington KSM nicht freilassen will.

"Das ergibt Sinn"

Mehrere von SPIEGEL ONLINE befragte Geheimdienstler, Terrorexperten und Mitarbeiter von Sicherheitsbehörden halten eine Anschlagsserie nach diesem Muster für denkbar.

"Das Szenario, das Benotman beschreibt, ist vollkommen plausibel", sagt Magnus Ranstorp, Forschungsdirektor am Center for Asymmetric Threat Studies in Stockholm. "Eine solche Operation würde den Westen schockieren, insbesondere sollten Geiseln hingerichtet werden. Das passt zu al-Qaidas Denken." Er verweist darauf, dass schon die 9/11-Anschläge ursprünglich als Befreiungsaktion für den dschihadistischen Prediger Omar Abd al-Rahman ausgelegt waren: "Chalid Scheich Mohammed wollte neun Flugzeuge in Gebäude stürzen lassen und im zehnten die Passagiere als Geiseln nehmen, um die Freilassung zu verhandeln." Auch Anschlagsplanungen aus dem Jahr 2009 gegen die dänische Zeitung "Jyllandsposten" hätten Geiselnahmen inklusive Hinrichtungen vorgesehen, sagt Ranstorp.

"Es ergibt Sinn", stimmt auch ein Nachrichtendienstler zu, der anonym bleiben möchte, weil er sich nicht öffentlich äußern darf. "Aber wir haben keine Anzeichen dafür." Andere äußerten sich ähnlich.

Deutsche Dschihadisten bei al-Qaida

In den aktuellen Warnungen der Behörden steht die Sorge vor einem "Mumbai-Szenario" auf europäischem Boden im Vordergrund - analog zu den Anschlägen in der indischen Metropole 2008, als Teams von Terroristen öffentliche Gebäude stürmten und mit Bomben, Schusswaffen und Handgranaten 166 Menschen töteten. Die Anschlagsserie zog sich über Tage hin und wurde teilweise im Fernsehen übertragen.

Im Zuge eines ähnlichen Anschlags, heißt es in einem deutschen Behördenpapier, könne es auch zu Geiselsituationen kommen. Eine Verknüpfung mit Forderungen wird jedoch nicht angenommen.

Die Warnungen gehen auf mehrere Informationsstränge zurück. Der wichtigste sind Aussagen des Hamburger Dschihadisten Ahmed Sidiqi, den US-Streitkräfte im Sommer in Afghanistan festnahmen. Er berichtete im Verhör, er habe sich mit einem hochrangigen Qaida-Mann namens Younis al-Mauretani getroffen, der von Anschlagsplänen in mehreren Staaten Europas berichtet habe. Osama Bin Laden sei eingeweiht, mehrere Teams schon nach Europa geschickt worden. Deutsche Sicherheitsbehörden, die mit Sidiqi sprechen konnten, halten seine Aussagen weitgehend für valide. Sie glauben auch, dass Mauretani wirklich ein Qaida-Mann ist.

Neuer Grad der Kooperation zwischen Terrorgruppen

Anfang Oktober starben drei andere deutsche Dschihadisten durch CIA-Drohnen in der pakistanischen Provinz Waziristan. US-Dienste hoffen, dass das die Planungen für einen möglichen "Euro-Plot" zurückgeworfen hat.

In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Sidiqi und die anderen drei Deutschen eigentlich der "Islamischen Bewegung Usbekistan" (IBU) zugerechnet wurden, die ein schwieriges Verhältnis zu al-Qaida hat. Kooperieren al-Qaida, IBU und andere Gruppen bei den mutmaßlichen Planungen?

Drohnen

Einige Analysten halten auch dies für denkbar. Die gemeinsame Bedrohung durch könne Zusammenarbeit befördern. Zudem halten sich Dutzende, womöglich Hunderte Kämpfer mit westlichen Pässen in der Region auf. Al-Qaida könnte versuchen, sie über Gruppengrenzen hinweg zu nutzen - sie könnten einfacher reisen. Dazu könnte passen, was eine dschihadistische Quelle in Waziristan SPIEGEL ONLINE ausrichten ließ: Dass einer der drei getöteten Deutschen, der zuvor in IBU-Videos aufgetreten war, zuletzt bei al-Qaida gewesen sei.

Der Plot ist womöglich erst im Anfangsstadium

Umstrukturierungen in der Qaida-Spitze legen vermehrte Kooperation ebenfalls nahe. Benotmans Informationen zufolge ist mit Ilyas Kaschmiri ein Mann mit der Planung auswärtiger Operationen beauftragt worden, der Erfahrung in der Kollaboration mit anderen Gruppen hat. Er stand ebenso mit den Mumbai-Attentätern in Verbindung wie mit anderen Terroristen, die in den USA und Europa Anschläge geplant haben sollen. Laut dem US-Magazin "Newsweek" hatte auch Sidiqi mit Kashmiri Kontakt, was deutsche Sicherheitsbehörden allerdings nicht bestätigen können.

Auch die Rückkehr des Top-Terrroristen Seif al-Adl nach Waziristan und seine mutmaßliche Beförderung zum Militärchef al-Qaidas dürfte die Zusammenarbeit zwischen Gruppen erleichtern. Der Ägypter hat das in der Vergangenheit schon praktiziert.

Noman Benotman gibt allerdings zu bedenken, dass die Operation, die nach seinen Informationen geplant sein soll, mit der Qualität des Trainings der Attentäter stehe und falle. Dieses würde Monate in Anspruch nehmen. Sidiqis Schilderung des Treffens mit aMauretani liest sich zudem wie ein Anwerbegespräch - ein mögliches Indiz, dass eventuelle Planungen nicht allzu fortgeschritten sind und noch Personal gesucht wird.

Noman Benotman glaubt daher, dass Zeit bleibt, den Plot zu vereiteln. Er hält es sogar für möglich, dass al-Qaida ihre Planungen abbrechen muss, sollten zu viele Details bekannt werden.

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