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30. Juni 2008, 11:22 Uhr

Europa-Reise

Obama zu Gast bei Freunden

Von , Palo Alto

Für die Europäer ist er der Favorit im US-Wahlkampf - jetzt will er zu Besuch kommen: Barack Obama plant eine Reise nach Berlin, Paris und London. Für den Präsidentschaftskandidaten geht es vor allem um Wahlkampfbilder. Für die deutschen Politiker auch.

Palo Alto - Was wird der neue US-Präsident für Europa bringen? Und vor allem: Was wird er von Europa verlangen? Heiß diskutieren Europäer und Amerikaner am Rande der Transatlantik-Tagung der Stanford-Universität in Kalifornien. Charles Kupchan, einst Spitzenberater von Bill Clinton und einer der besten Europa-Kenner in den USA, gibt während eines Essens seine Sicht der Dinge zum Besten. Euphorie ist nicht seine Sache, er stellt lieber provokante Fragen. Was eigentlich, wenn der so populäre Barack Obama als US-Präsident nach Europa kommt und viel mehr Hilfe in Afghanistan oder Irak fordert? Wie werden die Europäer dann reagieren?

Kandidat Obama: Aufbruch zu den europäischen Freunden
AFP

Kandidat Obama: Aufbruch zu den europäischen Freunden

Ernsthaft stellen sich diese Fragen zwar erst 2009, doch deutsche Politiker werden Barack Obama trotzdem bald aus der Nähe erleben können. Denn der demokratische Hoffnungsträger hat am Wochenende überraschend angekündigt, nun doch mitten im Wahlkampf nach Europa zu reisen.

Eine der Stationen wird Berlin sein, andere Paris und London: "Frankreich, Deutschland und das Vereinigte Königreich sind Kernpfeiler der transatlantischen Allianz", ließ Obama verlauten. "Ich freue mich auf Diskussionen, wie wir unsere Partnerschaft in den kommenden Jahren stärken können."

Mehrfache Anläufe für Obamas Europa-Reise

Über die Reise war lange spekuliert worden, seit Beginn der US-Vorwahlen. Doch das Dauerduell mit Hillary Clinton hielt Obama immer wieder auf. "Ich glaube, es wird gar nicht mehr passieren", sagte eine Obama-Beraterin noch vor wenigen Wochen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Sie sollte eine Europa-Reise vorbereiten, doch es klappte immer wieder nicht - auch weil Obamas Chefstrategen ein Besuch im Irak und in Afghanistan dringlicher erschien.

Nun stattet Obama einfach beiden Regionen einen Besuch ab. Mit einer Kongressdelegation wird er bald nach Irak und Afghanistan reisen. Seine Europa-Visite wird er mit einem Besuch in Israel und Jordanien kombinieren. Diese beiden Stationen sind für den Wahlkampf wohl noch wichtiger als die Stippvisiten in Europas Hauptstädten: Obama muss die Bedenken jüdischer US-Wähler über seine Unterstützung der Partnerschaft zu Israel ausräumen - und generell Interesse am Nahost-Friedensprozess signalisieren.

Doch auch die Bilder aus Berlin, Paris und London könnten ihm im Wahlkampf helfen. Der Senator aus Illinois kennt Europa und europäische Politiker bisher kaum. Im Vorwahlkampf musste er sich Kritik von Parteirivalin Hillary Clinton anhören, er habe seine Aufgabe als Vorsitzender des Europa-Unterausschusses im US-Senat sträflich vernachlässigt.

Die Wahl im November dürfte auch zur Abstimmung über außenpolitische Führungsstärke werden, und John McCain betont stets seine langjährige Erfahrung in diesen Fragen. Die kann Obama nicht vorweisen. Bilder mit den Regierungschefs in Europa kämen ihm da zupass.

Vermutlich kein Bad in der Menge

Wann genau der Demokrat die Reise antreten wird, steht noch nicht fest. Obamas Berater halten sich mit Details zurück, weil bei Auslandsbesuchen die Angst vor Attentatsversuchen auf den Kandidaten wächst. Voraussichtlich wird die Visite schon im Juli stattfinden, denn der August ist mit der Vorstellung eines Vizepräsidentschaftskandidaten und dem Nominierungsparteitag reich an Terminen.

Wahrscheinlich wird Berlin nur ein Zwischenstopp von wenigen Stunden. Ein Auftritt vor großem Publikum samt Bad in der Menge ist eher nicht zu erwarten: Zu viel offene Euphorie in Europa könnte Obama daheim im Wahlkampf schaden. Noch haben viele Demokraten nicht vergessen, wie die Republikaner John Kerry vor vier Jahren als "zu europäisch" abstempelten. Ohnehin müsste eine öffentliche Rede angesichts des laufenden Wahlkampfs wohl auf neutralem Boden stattfinden. Sowohl die deutsche Regierung als auch die US-Botschaft wollen dafür mitten im Wahlkampf wohl keine Bühne bieten.

Schon rangeln in Berlin die ersten deutschen Stiftungen darum, sich als Veranstaltungsort anzubieten. Es ist auch denkbar, dass Obama bei einem Treffen mit in Deutschland lebenden Amerikanern Wahlkampfspenden einsammeln will.

Das "Yes, we can" der SPD

Für die Berliner Politik dürfte der Besuch ein interessanter Balanceakt werden. Obamas gewaltige Popularität in Deutschland macht ihn zum höchst gefragten Gesprächspartner, auch mit Blick auf den deutschen Wahlkampf 2009.

SPD-Generalsekretär Hubertus Heil versuchte vor kurzem bei einem Zukunftskongress der Partei, Obamas Slogan "Yes, we can" zu intonieren. Außenminister Frank-Walter Steinmeier berichtete bei einem USA-Besuch im April sehr angetan von einem Telefonat mit dem Kandidaten. Steinmeier wird Obama unbedingt treffen wollen.

Um die Strahlkraft des Kandidaten weiß auch Kanzlerin Angela Merkel. Obama wird sie in jedem Fall besuchen. Doch einen allzu rauschenden Empfang darf sie dem Gast kaum bereiten, denn das könnte den scheidenden US-Präsidenten George W. Bush verärgern - der gerade erst auf seiner letzten Europareise in Meseberg zu Besuch war und dessen Vater Anfang Juli zur Eröffnung der neuen US-Botschaft in Berlin anreisen wird.

Zu viel Jubel für Obama wäre außerdem ein Affront gegenüber dem republikanischen Rivalen John McCain. Ähnlich deutlich wie der Transatlantik-Koordinator der Bundesregierung, Karsten Voigt, kann sich die Kanzlerin jedenfalls nicht äußern. Voigt hatte vor kurzem gesagt, man heiße in Berlin jeden US-Präsidentschaftskandidaten willkommen - doch Obama ganz besonders.

Dass manche nun schon munkeln, Merkel werde Obama wegen der Bedenken lieber gar nicht treffen, rief bei einem konservativen Außenpolitikexperten allerdings nur Schmunzeln hervor. Er erinnerte an die Kontroverse um Merkels Treffen mit dem Dalai Lama, das chinesische Machthaber verärgerte: "Wenn die Bundeskanzlerin den Dalai Lama empfangen kann, wird sie wohl auch Barack Obama treffen können."

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