Europäer in Afghanistan Antreten zum Abmarsch

US-Präsident Obama will Zehntausende Soldaten aus Afghanistan nach Hause holen - ein Signal für die Europäer: Die Partner treiben jetzt ihren eigenen Rückzug voran. Droht ein Wettlauf um den schnellsten Abmarsch?

dapd

Von und


Berlin - Jetzt geht es los. US-Präsident Barack Obama will schon in wenigen Wochen die ersten Soldaten aus Afghanistan heimholen, binnen eines Jahres sollen es 33.000 sein. Diese Entscheidung des Amerikaners sei "die natürlich Folge der Fortschritte, die wir vor Ort gemacht haben", erklärte prompt Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen: "Die Taliban stehen unter Druck."

Oder, wie Obama das sagt: "Wir beginnen die Reduzierung der Truppenstärke aus einer Position der Stärke heraus." Doch ist das nur ein Teil der Wahrheit. Denn vornehmlich sind es innenpolitische Gründe, die Obama bei seinen Abzugsplänen leiten.

Kriegsmüdigkeit diesseits und jenseits des Atlantiks

Er agierte gegen den Rat der Militärs, gegen die Empfehlung des Afghanistan-Oberkommandeurs David Petraeus und des scheidenden Verteidigungsministers Robert Gates - und trotz des Zögerns seiner Außenministerin Hillary Clinton. Obama will 2012 wiedergewählt werden, das klamme Amerika (15 Billionen Dollar Staatsverschuldung) kann sich diesen Krieg kaum mehr leisten - und alle Umfragen zeigen: Das Volk ist kriegsmüde.

Den Nato-Verbündeten ergeht es nicht anders. Bis zum vereinbarten Enddatum der Kampfmission Ende 2014 sind es noch drei lange Jahre. Drei Jahre Krieg. Egal ob Deutsche, Franzosen, Briten oder Spanier - auch die Europäer wollen raus aus Afghanistan. So schnell wie möglich. Kein Wunder, dass Obamas Washingtoner Rede am Mittwochabend wie ein Weckruf auf den alten Kontinent gewirkt hat. Der US-Präsident hat das entscheidende Signal zum Abzug gegeben.

  • "Die Abzugsperspektive wird jetzt konkret", sagte Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) erfreut. Erneut verkündete er das Ziel der Regierung, das bisher rund 5000 Soldaten umfassende deutsche Kontingent im Winter 2011 zu reduzieren. Noch im Sommer würde in mehreren Städten und einigen Provinzen die Sicherheitsverantwortung an die Afghanen übergeben, etwa im bisher von den Deutschen kontrollierten Masar-i-Scharif.
  • Der britische Premierminister David Cameron bekräftigte seine Pläne, die 9000 Soldaten seines Landes bis 2015 aus Afghanistan abzuziehen. Man werde aber die eigene Truppenstärke "regelmäßig überprüfen". Wo es die Bedingungen in Afghanistan erlaubten, so Cameron, "sollten wir Soldaten früher nach Hause holen".
  • Frankreichs Nicolas Sarkozy, der ebenfalls im Jahr 2012 Präsidentenwahlen zu bestehen hat, kündigte an, die eigenen Streitkräfte im Gleichschritt mit den USA zu reduzieren: Umfang und Zeitplan des Abzugs sollten sich an dem der US-Streitkräfte orientieren.
  • Spanien startet mit dem Truppenabzug zwar erst im Jahr 2012, noch in diesem Sommer aber will man nach Angaben von Verteidigungsministerin Carme Chacón damit beginnen, die Sicherheit in der Provinz Herat im Westen des Landes in die Verantwortung der afghanischen Armee und Polizei zu übergeben.

Gefahren eines überstürzten Abzugs

Europas Exodus aus Afghanistan hat begonnen. Löst Obamas Ankündigung jetzt einen gefährlichen Domino-Effekt unter den Verbündeten aus? "Das kann nur im Wettrennen zum Ausgang enden", fürchtet Tomas Valasek vom Zentrum für europäische Reform in London. Kein einziges europäisches Land habe einen stärkeren Willen als die USA, in Afghanistan zu bleiben. Allerdings bestehe die Gefahr, dass Afghanistan mit einem überstürzten Abzug ins Chaos zurückfalle: "Wenn Obama wiedergewählt wird, alles schiefläuft und Kabul sich in ein zweites Mogadischu verwandelt - dann hätte er sicherlich einige Erklärungsarbeit zu leisten", so Valasek.

Verteidigungsminister Thomas de Maizière hatte erst jüngst seinen US-Kollegen Gates gebeten, "die psychologischen Wirkungen eines zu ehrgeizig dimensionierten Abzugs der amerikanischen Seite auf die deutsche und europäische Öffentlichkeit zu beachten". Aber Gates, der sich fürs Jahr 2011 nur einen Abzug von 5000 statt 10.000 US-Soldaten wünschte, konnte sich nicht gegen Obama durchsetzen.

De Maizière begrüßte am Donnerstag Obamas Pläne dennoch. Trotz einiger Rückschläge hätten sich die Dinge in Afghanistan zum Besseren gewendet, sagte er. Mit dem nun angekündigtem Abzug liege die US-Armee im Plan, nachdem die Truppen Anfang 2010 vorübergehend aufgestockt worden seien. Zugleich bleibe es bei den Abzugsplänen der Bundeswehr in enger Abstimmung mit den USA.

Schwer realisierbar für die Bundeswehr

Fakt ist: Trotz Obamas ambitionierter Abzugspläne bleiben am Ende seiner Amtszeit 2012 mit einer Truppenstärke von 68.000 noch doppelt so viele US-Soldaten in Afghanistan stationiert wie zu Beginn der Präsidentschaft - was Obama massive Kritik auch eigener Parteigänger einbringt. Auf der Gegenseite die Militärs: "Die Entscheidungen des Präsidenten sind energischer und bedeuten ein höheres Risiko, als ich anfangs bereit war zu akzeptieren", sagte Mike Mullen, Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs.

Der politisch initiierte Abzugsplan birgt nicht nur für die Amerikaner Gefahren. Für die Bundeswehr ist er überhaupt schwer realisierbar. Zwar werden noch keine konkreten Zahlen für eine Reduzierung der Truppenstärke genannt, intern aber ist bereits klar, dass es sich allenthalben um einen symbolischen Abbau von einigen hundert Soldaten handeln kann. So wäre einerseits das politische Ziel zu erreichen, andererseits aber die Handlungsfähigkeit der Bundeswehr am Hindukusch nicht eingeschränkt, hieß es am Donnerstag aus Koalitonskreisen.

Gleichwohl: Selbst eine solche Mini-Reduzierung ist schwierig. Derzeit sind rund 4900 deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert, die größten Kontingente stehen mit rund 1100 Soldaten im Feldlager Kunduz und rund 3000 Mann in Masar-i-Scharif, wo die Deutschen ihr größtes Lager haben. Zusätzlich sind weitere 260 Mann in einem Außenposten in der Provinzhauptstadt von Badakshan stationiert, rund 40 Mann in einem noch kleineren Außenposten in Talokan in der Provinz Takhar Dienst.

Die Stationierungszahlen allein allerdings geben kein echtes Bild der Einsatzlage. So hat die Bundeswehr ihre Mission beim Start der neuen Strategie zur stärkeren Ausbildung der Afghanen seit Ende 2010 komplett umgestellt. Zentrale Elemente des sogenannten Partnerings sind zwei Ausbildungs- und Schutzbataillone, die aus jeweils rund 850 Mann bestehen. Zwar ist eine dieser Einheiten in Masar-i-Scharif und eine weitere in Kunduz stationiert. In der Einsatzrealität aber sind beide Trupps in Kunduz und in der südlich angrenzenden Provinz Baghlan eingesetzt und haben dort alle Hände voll zu tun.

Zusätzlich reden die USA mit dem Gegner - den Taliban

Eine Reduzierung dieser Trainings-Bataillone ist aus Sicht der Militärs nicht machbar, da man sonst die versprochene Ausbildungsoffensive nicht weiter führen könne. Folglich bleibt nur eine Reduzierung der restlichen Soldaten oder der Unterstützungskräfte, die sich meist in Masar-i-Scharif befinden. Dort, so jedenfalls die Einschätzung aus dem Auswärtigen Amt, müsse man durch Rationalisierungsmaßnahmen Kapazitäten abbauen, die letztlich nach Deutschland zurückkehren sollen.

Die Bundeswehrführung hält sich bisher bei Aussagen zu der Reduzierung auffällig zurück. Zwar teilt auch de Maiziere das Ziel der Regierung, das neue Mandat kleiner als das aktuelle zu schneidern. Gleichwohl sind seine Militärs skeptisch, ob man selbst eine symbolische Verkleinerung des Kontingents hinbekommen kann.

Die USA setzen parallel zum schrittweisen Truppenabzug auf eine politische Lösung in Afghanistan - unter Einbindung der Taliban. "Die Vereinigten Staaten haben ein breites Spektrum an Kontakten auf verschiedenen Ebenen in ganz Afghanistan", sagte Außenministerin Clinton: "Das schließt auch vorbereitende Kontakte zu Mitgliedern der Taliban ein." Dies sei kein angenehmes Geschäft, aber Teil der Anstrengungen, um den Aufstand in Afghanistan zu beenden.

Die Taliban hingegen drohten mit einer Eskalation der Gewalt. "Die Lösung der Krise in Afghanistan liegt in dem sofortigen vollständigen Abzug aller ausländischen Truppen", teilten Radikalislamisten mit. "Solange dies nicht geschieht, wird unser bewaffneter Kampf Tag für Tag stärker werden."



insgesamt 87 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sagichned 23.06.2011
1. wenn es also
bei uns über ein Abmarsch diskutiert wird, dann heißt es verrat an verbündeten. Wenn aber die amis mir nichts dir nichts abhauen und unsere brunnen und mädchenschulen im stich lassen, dann ist es in ordnung? Redet irgendein beschränkter politiker jetzt von verrat in Deutschland?
chrimirk 23.06.2011
2. Der große Bruder!
Wer die US-Boys zu Freunden hat, der braucht Feinde nicht mehr zu suchen! Immer das selbe Handlungsmuster: erst was anfangen, was sie nicht bewältigen können (besonders Kriege, aber nicht nur), dann deren "Freunde" mit einspannen und mitzahlen lassen, wenn es nicht klappt, abziehen (besser:abhauen) und die anderen sollen sehen, wie sie vom Acker kommen. Aber: der andere "große Bruder" war auch nicht besser, nur anders.
Mannskerl 23.06.2011
3. "Mädchenschulen" ...
Zitat von sagichnedbei uns über ein Abmarsch diskutiert wird, dann heißt es verrat an verbündeten. Wenn aber die amis mir nichts dir nichts abhauen und unsere brunnen und mädchenschulen im stich lassen, dann ist es in ordnung? Redet irgendein beschränkter politiker jetzt von verrat in Deutschland?
Naja, die deutschen "Mädchenschulen" werden in kürzester Zeit Vergangenheit sein. Und davon abgesehen liefen die Frauen da während der Zeit der Sowjets "frei rum", nicht während der Zeit der Amis. Man sollte vielleicht bei der historischen Gelegenheit daran erinnern, wie die Taliban ENTSTANDEN: aus den vom Westen bewaffneten Volksmudjahedin. Afghanistan war der letzte Stellvertreterkrieg des "Kalten Krieges", rein aus ideologischen, nicht aus ökonomischen Gründen geführt.
realistano 23.06.2011
4. Das Rudel folgt immer dem Leitwolf
http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,770142,00.html[/QUOTE] Aber ganz klar , am Ende folgt jedes Rudel dem Leitwolf. was können die Deutschen mit 5000 Mann und das noch in Belagerungszustand ohne die Amis ausrichten. De merkels und De meziers können es drehen und wenden , wie die es wollen, am Ende würden die wahrscheinlich vor den letzten Amerikaner nach Hause gehen.
hierro 23.06.2011
5. Auch Deutschland ist kriegsmüde
Zitat von sysopUS-Präsident Obama will Zehntausende Soldaten aus Afghanistan nach Hause holen - ein Signal für die Europäer: Die Partner treiben jetzt ihren eigenen Rückzug voran. Droht ein Wettlauf um den schnellsten Abmarsch? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,770142,00.html
Wer ist am schnellsten zu Hause? Da wird es auch Zeit, dass sich die Europäer an diesem "Rennen" aus der Katastrophe beteiligen. Auch Deutschland sollte sich umgehend an das Vorhaben der Amerikaner anschließen und nicht endlos lange den Abzug der Soldaten aus Afghanistan diskutieren und in die Länge ziehen. Unser militärischer Einsatz am Hindukusch hat nicht nur viele Soldatenleben gekostet, sondern es wurden auch unvertretbare Summen Steuergelder "in den Sand gesetzt". Gebracht hat dieser Einsatz der deutschen Soldaten nichts; auch die deutsche Entwicklungshilfe für Afghanistan war, ebenso wie die Hilfe der anderen Nationen, ein "Verpuffen rieiger Budgets". Der afghanische Präsident Karsai kann ohne weiteres mit einer veränderten Politik und den Drogenmillionen die Entwicklung des Landes gemeinsam mit den Taliban in die Hand nehmen, ohne dass er dabei ausländisches Militär braucht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.