Europäische Union Danke, liebe Krise!

Die Krise verlangt den Europäern manches Opfer ab, aber sie birgt auch Chancen. Denn wo Nerven blank liegen, wird die Sprache deutlicher - und dann lassen sich endlich auch ein paar unbequeme Wahrheiten aussprechen. An die Adresse der Briten oder der Italiener zum Beispiel.

Nicolas Sarkozy (r.), David Cameron: "Einfach mal den Mund halten"
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Nicolas Sarkozy (r.), David Cameron: "Einfach mal den Mund halten"

Ein Kommentar von Christoph Schwennicke


Es steht schlecht um Europa, gar keine Frage. Doch so, wie der Ökonom Joseph Schumpeter einst die ökonomische These von der schöpferischen Zerstörung vertrat, so zeichnen sich in der Krise erste reinigende Effekte im politischen EU-Verbund ab. Klärungen, auf die man über Jahrzehnte verzweifelt und vergebens wartete, werden plötzlich einer denkbaren Lösung zugeführt. Das Unvorstellbare rückt mit einem Mal in den Bereich des Vorstellbaren.

Zum Beispiel, dass die Europäische Union tatsächlich in absehbarer Zeit von Großbritannien und Großbritannien von Europa befreit sein könnte. Was leiden beide Seiten seit Jahr und Tag aneinander! Zu den vielen selbstbewussten Versprechen des früheren britischen Premiers Tony Blair gehört eben jenes, dass er Großbritannien nach Europa führen werde.

In Wahrheit hat er es gehalten wie seine berühmte Vorvorgängerin und sein jetziger Nachnachfolger auch. Thatcher wie Blair wie Cameron haben "Europe" stets als Chiffre des Bösen behandelt, und sich selbst stets als jene aufrechten politische Kämpfer stilisiert, die in Brüssel mit all ihrer Kraft gerade noch das schlimmste Unheil für die Insel abgewendet haben.

Wo die Nerven blanker liegen, wird die Sprache deutlicher. Das muss nicht schaden. Also blaffte Frankreichs Präsident Sarkozy den britischen Premier David Cameron kurzerhand an, er solle zum Euro doch einfach mal den Mund halten. Der Eklat zwischen dem Franzosen und dem Briten fällt in eine Zeit, in der auf der Insel der konservative Cameron gegen separatistische "Britain-out-of-Europe"-Tendenzen in der eigenen Partei ankämpft, einen Separatismus, den er selbst weiter befeuert hat. Das Ressentiment gegen Europa ist das einzige, das einem England nach Verlust des Empires, dem Ende der exklusiven Partnerschaft mit den USA in der Welt nach 9/11 und dem Ende der goldenen Zeiten der Londoner Finanzindustrie Identität und Zusammenhalt gibt.

Chance zur großen Flurbereinigung

Es ist nicht möglich, ein Mitgliedsland einfach aus der Europäischen Union auszuschließen. Wer allerdings gehen möchte, kann gehen. Es wäre zum Wohle Europas, wenn Großbritannien sein ewiges Leiden an der passiven Mitgliedschaft im Club der 27 aufgeben würde und sich endlich zu einer aktiven Membership oder aber zum Austritt aufraffen könnte.

Dieser Schritt käme auf der europäischen Landkarte einer großen Flurbereinigung gleich.

Zweites Beispiel. Silvio Berlusconi und Italien. Man hatte sich in den vergangenen 20 Jahren daran gewöhnt, dass in Italien zwar in regelmäßigen Abständen gewählt wird, aber am Ende immer Berlusconi regiert. Alles, was sich ändert, war sein Antlitz. Die Filmfigur "Fantomas" kommt einem in Erinnerung bei Bildern des bis zum Bersten gespannten Gesichts Berlusconis. Nun aber haben Angela Merkel und Nicolas Sarkozy mit einem Augenrollen mehr ausgelöst als mit so manchem Gipfelbeschluss. Vor die Frage gestellt, ob sie Berlusconi vertrauen würden, vollzogen sie zum Amüsement der ganzen Pressekonferenz ein stummes Schauspiel mit Mienen, die mehr sagten als viele Worte.

Seither muss Berlusconi zum ersten Mal in seiner schillernden Karriere ernsthaft um seine Regentschaft bangen. Wem bei den schwindelerregenden Zahlen und verwirrenden Maßnahmen das Verständnis fehlt, dem mag dies ein Zeichen sein: Diese Krise hat eine wahrhaft große Kraft. Denn die Beseitigung eines Regierungschefs Berlusconi ist mehr als der überfällige Sieg der Demokratie über Berlusconis Telekratie in Italien: Es ist die Voraussetzung dafür, dass ein Land, das gerade finanziell zu kippen droht, verantwortlich regiert wird - also nicht von einem Mann, der Regieren als Abwehr von Prozessen gegen sich selbst begreift.

Iveta Radicova - eine europäische Märtyrerin

Und noch ein Lichtblick: Es ist mehr als ein wahltaktisches Manöver, wenn Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy unter dem Druck der Krise beschließt, sein Wahlprogramm mit der deutschen CDU abzustimmen. Seine Ansprache an seine reformresistente Nation hieß aus deutscher Sicht: Ich werde der Agenda-Schröder und die Schuldenbremse-Merkel in einer Person sein.

Leider gebiert die kreative Kraft der Krise auch unschuldige Opfer. Das erste politische heißt Iveta Radicova, bisher Regierungschefin in der Slowakei. Es gab nur wenig Profundes über diese Dame als Person zu lesen, deshalb mag das Urteil von Ferne etwas leichtfertig sein: Aber in europäischen Kategorien gedacht ist sie eine Heldin, eine Märtyrerin, die für die Zustimmung zum Rettungsschirm im slowakischen Parlament ihr Amt drangab. Die Slowakei ist nicht Deutschland oder Frankreich, und doch zeigt Radicovas selbstloser Kampf: Jetzt kommt es auf alle an, die Kleinen, die Mittleren und die Großen.

Der Einsatz der slowakischen Regierungschefin ist europaweit zu wenig beachtet worden. Frau Radicova sollte den Karlspreis verliehen bekommen. Um zu zeigen: Es gibt den Mut und die Kraft, dieses Europa gestärkt und begradigt aus der Krise zu führen.

insgesamt 88 Beiträge
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Freifrau von Hase 31.10.2011
1. Denglisch
"zu einer aktiven Membership" Zu mehr Englisch hats in der Schule wohl nicht gereicht? Wenn schon Englisch, dann bitte in ganzen Sätzen. Denglisch braucht keiner!
toskana2 31.10.2011
2. bald
Zitat von sysopDie Krise verlangt von den Europäern manches Opfer ab,*aber sie birgt auch Chancen. Denn wo Nerven blank liegen, wird die Sprache deutlicher - und dann lassen sich endlich auch ein paar unbequeme Wahrheiten aussprechen. An die Adresse der Briten oder der Italiener zum Beispiel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794936,00.html
Ich bin dafür! Undden Briten, den ewigen Europa-Saboteuren sollte man in ihrer eigenen Sprache ins Stammbuch schreiben: Love it or leave it - aber bald! Enough is enough!
auri sacra fames 31.10.2011
3. Jede Chance bietet auch eine Krise
Zitat von sysopDie Krise verlangt von den Europäern manches Opfer ab,*aber sie birgt auch Chancen. Denn wo Nerven blank liegen, wird die Sprache deutlicher - und dann lassen sich endlich auch ein paar unbequeme Wahrheiten aussprechen. An die Adresse der Briten oder der Italiener zum Beispiel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794936,00.html
"Europa" verlangt gar nichts. Die EU und der Euro verlangen von Euro-Zahlern und EU-"Mitgliedern" Opfer. Und die einzigen Chancen, die sie bieten, sind "Zum Beispiel, dass"die Menschen in Deutschland tatsächlich in absehbarer Zeit von der EU und dem Euro befreit sein könnte."
autocrator 31.10.2011
4. wofür?
"Frau Radicova sollte den Karlspreis verliehen bekommen." Wofür bitte? In einer Demokratie ist ihr amt von vorneherein auf zeit angelegt. Sie hat da nichts "geopfert". - Und keine angst: wie alle diese oberen wird sie sehr weich fallen! Wahrscheinlich wirdsie sich sogar finanziell noch verbessern und hat nicht den stress, ständig im scheinwerferlicht der medien zu stehen. Sie hat getan, wassie für richtig hielt, - wie das jeder tut, auch im geschäft des politischen geschachere, auch wenn ich persönlichder meinung bin, dass es das falsche war. Madame Radicova dafür zu einer märtyrerin und als karlspreiswürdig (wobei der eh nur ein reines mediales selbstbeweihräucherungsinstrument der sowieso schon großen und mächtigen ist) zu stilisieren … hat schon fast was von kindlicher naivität.
Emil Peisker 31.10.2011
5. Karlspreis
Zitat von toskana2Ich bin dafür! Undden Briten, den ewigen Europa-Saboteuren sollte man in ihrer eigenen Sprache ins Stammbuch schreiben: Love it or leave it - aber bald! Enough is enough!
Ich auch.
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