Europäische Geheimdienste Russland ändert Taktik bei Wahlbeeinflussung

Russland will den Europawahlkampf europäischen Geheimdiensten zufolge nutzen, um die EU zu destabilisieren. Dabei setzt das Land offenbar auf eine neue Strategie.

Übertragungswagen von Russia Today (RT)
AFP

Übertragungswagen von Russia Today (RT)


Russland versucht sich nach Erkenntnissen europäischer Geheimdienste in den Europawahlkampf einzumischen. Es gebe Bemühungen, über soziale Netzwerke oder Medien wie den mehrsprachigen Nachrichtenkanal RT russlandfreundliche oder EU-kritische Parteien zu unterstützen, heißt es Informationen der Deutschen Presse-Agentur zufolge in aktuellen Lageberichten.

Besonders junge Menschen stünden im Fokus der Beeinflussungsversuche. Auch werde die Bedeutung des Europaparlaments und damit auch einer Stimmabgabe in Frage gestellt. Das EU-Parlament wird zwischen dem 23. und 26. Mai neu gewählt.

Russland geht nun subtiler vor

Zugleich wird nach Angaben ranghoher Geheimdienstvertreter betont, dass das russische Vorgehen bislang weniger sichtbar ist als vor der US-amerikanischen Präsidentschaftswahl 2016 oder der Wahl in Frankreich im Mai 2017. Damals waren in den USA unter anderem gehackte Mails der Demokraten veröffentlicht worden, um deren Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zu schaden. In Frankreich wurde die rechtspopulistische und russlandfreundliche Kandidatin Marine Le Pen sogar mit russischen Geldern unterstützt.

Als möglicher Grund für den Taktikwechsel Russlands werden in Geheimdienstkreisen jüngste Vergeltungsaktionen gewertet: So hatten Europäer und Amerikaner im vergangenen Jahr den Nervengiftanschlag auf einen Doppelspion zum Anlass genommen, um mehr als 150 russische Botschaftsmitarbeiter auszuweisen. Bei der großen Mehrzahl von ihnen soll es sich in Wahrheit um Spione gehandelt haben.

Europäische Geheimdienste haben offenbar russische Netzwerke zerstört

Mit der Aktion seien Netzwerke zerstört worden, die Russland mit sehr viel Geld und sehr viel Aufwand aufgebaut habe, erklärte ein ranghoher Geheimdienstmitarbeiter auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur. Extrem unangenehm und imageschädigend für Russland seien auch die niederländischen Enthüllungen zu dem russischen Abhörangriff auf die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen in Den Haag gewesen.

In diesem Fall habe man der Öffentlichkeit deutlich und präzise wie in kaum einem anderen Fall gezeigt, wie Russland vorgehe. Folge sei ein gerechtfertigter Sturm der Empörung gewesen.

Verschiedene russische Behörden wollen Wahl beeinflussen

Wer genau hinter den russischen Kampagnen zur Wahlbeeinflussung steckt, ist selbst für europäische Geheimdienste schwer zu durchschauen. Grundsätzlich sei davon auszugehen, dass die politische Führung in Moskau strategische Ziele ausgebe. Diese könnten zum Beispiel lauten, russlandfreundliche Kräfte zu fördern oder Streit innerhalb der EU oder Nato zu schüren.

Die Ziele würden dann von den verschiedenen Diensten oder anderen Akteuren relativ eigenständig und ohne viel Koordination umgesetzt. So sei neben dem russischen Inlandsgeheimdienst FSB und dem militärischen Auslandsgeheimdienst GRU vor allem die sogenannte Internet Research Agency in Sankt Petersburg in dem Bereich aktiv.

Russland weist Vorwürfe zurück

Letztere versuche gezielt, die öffentliche Meinung im Internet zu manipulieren - zum Beispiel, indem sie in Diskussionsforen die Stimmung beeinflusse oder entsprechende Inhalte mit fingierten Identitäten über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter verbreite.

Die Regierung in Moskau wies die Vorwürfe auf Nachfrage als haltlos zurück. Russland mische sich nicht in die Europawahl ein und habe das auch bei anderen Wahlen nicht vor, teilte das Außenministerium mit. Die EU sei in einer schweren Krise, in der die traditionellen Parteien nicht mehr auf die Wähler eingingen und somit Euroskeptiker und Populisten stärkten. "Bei einer derart radikalen Veränderung gibt es die große Versuchung, jemanden zu suchen, der irgendwie "am Rande" an diesem Prozess schuld sein könnte", schrieb das Ministerium provozierend in Richtung EU. Es sei einfacher, die Erfolge von Populisten und Nationalisten durch einen "zerstörerischen Einfluss" von außen zu erklären.

ene/dpa

insgesamt 56 Beiträge
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Seite 1
willibaldus 13.04.2019
1.
Das meiste wird wohl so stimmen. Aktuell wird Russland bzw die dortigen Dienste sich nichts neues ausdenken, sondern versuchen Dinge zu verstärken, die eh schon vorhanden sind. Also weniger destruktive Organisationen selbst sondern eher deren Strategien oder propagierte Ideen. Das Herunterspielen der Bedeutung von Wahlen, hier zum EU Parlament, ist da ein gutes Beispiel.
fkfkalle3 13.04.2019
2. Neue subtile Methoden ?
Auf dieser Tastatur hat die westliche Demokratie durchaus eben auch so einige Erfahrungen. Von dahaer, auch im Westen nichts Neues. Information und Desinformation, das Einbinden gewisser Teile der jeweiligen Opposition snd durchaus kein Alleinstellungsmerkmal Russlands. Sicher scheint mir nur , dass vornehmlich junge Menschen leichter in gewünschte Richtungen gebracht werden können. Dagegen hilft nur eine breit aufgestellte Bildung, die historische Zusammenhänge als Basis begreift.
Alias_aka_InCognito 13.04.2019
3. Besorgniserregender Zustand
Ja, ist schon schlimm wie Russland mit Facebook und Twitter die Wahlergebnisse in gefestigten Demokratien zu seinen Gunsten verschieben kann. Da waren Beträge von bis zu 200.000 $ die Rede, die Putins Weggefährten in den USA investiert hätten. Das ist schon ein gewaltiger Ertrag für dieses Sümmchen. Auch Sonderermittler Mueller hat nichts genaues rausgefunden, ob Russland in Zusammenarbeit mit Trump die Wahlen wie in Lampukistan manipuliert haben könnte. Auch in den Foren der Leitmedien treibt Russland sein Unwesen. Ich hätte nie gedacht, dass die Foren jetzt so politisch systemrelevant sind wie Facebook und Twitter. Wir sind also von der Mediendemokratie zu den Digitalmediendemokratie mutiert, so sogar SPON systemrelevant ist. Auch von den Geheimdienstchefs hat man schon lange nicht mehr gehört. Vielleicht neigen sie auch zu thesenstarken Beiträgen, wie auch ich es manchmal verbreite. Ist halt ein allzu menschliches Bedürfnis, so sei es ihnen gegönnt.
Neophyte 13.04.2019
4. Schaltet RT endlich ab!
Man sollte den russischen Propagandasender RT einfach abschalten, der einzig dazu dient die westlichen Demokratien zu destabilisieren. Die Bürger sollten dazu aufhören Populisten zu wählen, damit schaffen Sie letztendlich nur die Demokratie ab, die Sie ernährt und spielen Autokraten wie Putin in die Hände.. Damit ist nichts gewonnen!
spontanistin 13.04.2019
5. Wer ist Russland?
Warum nennt der Beitrag nicht, auch schon in der „Schlagzeile“, Ross und Reiter? Die Auftraggeber und Akteure dürften doch namentlich aufzulisten sein. Oder agieren diese im Auftrag aller (!) Russen? Aber mit undifferenziertem Schubladendenken kann man natürlich leichter generelle Feindbilder aufbauen. Nur, wer hat daran wohl immer ein Interesse?
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