Interaktive Grafik Die große Angst vor Europas Feinden

Sie hassen Europa und wollen dennoch ins EU-Parlament. Parteien am rechten Rand könnten bei den Wahlen im Mai so stark werden wie nie - wie der Erfolg des ultrarechten Front national in Frankreich jetzt zeigt. Klicken Sie auf die Karte, um zu sehen, wo extreme Gruppierungen besonders stark sind.
Rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien in Europa

Hamburg/Paris/Brüssel - Es ist eine gigantische Wahl: Rund 380 Millionen stimmberechtigte Europäer können vom 22. bis 25. Mai über das neue Europaparlament entscheiden. Die Sorge ist groß, dass radikale Kräfte vor allem am rechten Rand triumphieren könnten.

Denn die Europafeinde haben Zulauf. Das zeigt die erste Runde der Kommunalwahlen in Frankreich, wo der rechtsextreme Front national in mehreren Städten triumphierte - und in einem Ort sogar die absolute Mehrheit errang. Parteichefin Marine Le Pen spricht bereits von einem Durchbruch ihrer Partei. Den sehen auch andere für sich kommen: In den benachbarten Niederlanden ist es Geert Wilders mit seiner Freiheitspartei, der im engen Kontakt zu Le Pen steht; in Großbritannien die Ukip. In Deutschland liegt die Euro-kritische AfD nach Einschätzung von Demoskopen bei mindestens fünf Prozent.

Politisch eingebracht hat sich das Lager der EU- und Euro-Kritiker im Europaparlament bisher kaum, sondern das Plenum vor allem als Bühne für seine Parolen genutzt. Einige rechtsgerichtete Gruppen wollen ihre Kräfte bündeln und haben bereits eine Allianz der Gleichgesinnten angekündigt. Das Ziel: eine neue Fraktion im neuen Parlament, welche die Macht der EU über Geld und Gesetze beschneiden soll. Sie wollen "Europa vom Monster aus Brüssel befreien", donnern sie.

Als Fraktion würden sie von zusätzlichen finanziellen Zuwendungen und Redezeiten profitieren. Um eine Fraktion im EU-Parlament zu bilden, müssen sich allerdings mindestens 25 Abgeordnete aus sieben Ländern zusammenschließen.

Marine Le Pen, Geert Wilders: Rechtsgerichtete Gruppen wollen Kräfte bündeln

Marine Le Pen, Geert Wilders: Rechtsgerichtete Gruppen wollen Kräfte bündeln

Foto: VALERIE KUYPERS/ AFP

Laut ersten Projektionen  könnten künftig deutlich mehr EU-Gegner vom rechten Rand im Parlament sitzen. Momentan sind es 55 Abgeordnete. Je nach Berechnung könnten sie auf mindestens 80 bis etwa 110 der zu vergebenden 751 Sitze kommen. Ein Warnzeichen, selbst wenn diese Berechnungen nicht den Wert klassischer Umfragen haben, weil sie oft auf Zahlen für nationale Wahlen basieren.

EU-Energiekommissar Günther Oettinger mahnt sogar, dass bis zu einem Drittel der Sitze an Europaskeptiker gehen könnten - was die Arbeit in Brüssel weiter erschweren dürfte. In jedem Fall würden die Rechtsaußen von einer niedrigen Wahlbeteiligung profitieren: Denn dann würden die Stimmen für sie mehr ins Gewicht fallen.

Quer durch alle Parteien sorgen sich Europas Spitzenpolitiker vor einem solchen Aufstieg. "Das Wiedererstarken von rechtspopulistischen und rechtsradikalen Parteien alarmiert mich und macht mich sehr besorgt", sagt der EU-Parlamentspräsident und Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokraten, Martin Schulz , SPIEGEL ONLINE. "Denn wer gegen ganze Volksgruppen, Glaubensgemeinschaften, Homosexuelle oder andere Minderheiten Stimmung macht, betreibt eine zynische Politik, die Europa schon einmal in die Katastrophe geführt hat."

Eine hohe Wahlbeteiligung sei auch in Deutschland daher entscheidend, so Schulz: "Denn nur so können wir verhindern, dass extremistische Parteien ins Europaparlament einziehen."

"Aggressiv von anderen abgrenzen"

Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der konservativen Europäischen Volkspartei, Manfred Weber, äußert sich ähnlich: "Mehr Nationalismus bedeutet den sicheren Abstieg Europas. Wenn konservative Parteien den Populisten nur nachlaufen, wie es etwa David Cameron macht, werden diese nur gestärkt." Und Alexander Graf Lambsdorff, FDP-Spitzenkandidat für die Europawahlen, sagt: "Nationalisten können nicht international zusammen arbeiten, schon gar nicht vertrauensvoll und auf Dauer. Das ist in ihrer politischen DNA ja geradezu ausgeschlossen. Wer die Nation zum letztgültigen Bezugsrahmen erklärt, muss sich zum Teil aggressiv von anderen abgrenzen."

Der Grünen-Europaabgeordnete Jan Philipp Albrecht warnt: Die Rechtspopulisten und Rechtsextremen seien auch strategischer geworden. "Sie benutzen die Mittel, die sie durch ihren Einzug ins Europaparlament bekommen, um in ihren nationalen Öffentlichkeiten zu polarisieren. Nur so sind Le Pens Front national, Wilders' Freiheitspartei und Straches FPÖ groß geworden."

Doch warum haben die Gruppen am rechten Rand überhaupt Zulauf? Europa ist den Menschen zu weit weg, glauben Meinungsforscher. Brüssel mit seiner Bürokratie sei vielen zu unübersichtlich. Vor allem rechtspopulistische und -extreme Parteien wissen dieses Gefühl für sich zu nutzen. Oft haben sie ihren Ursprung im islam- oder fremdenfeindlichen Milieus. Sie machen Stimmung gegen die vermeintlichen Bonzen der EU oder die teure Rettung der angeblich faulen Südeuropäer.

Und hier nochmal die Kartenübersicht:

Rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien in Europa